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Genderzid in Europa durch gezielte Abtreibungen

Auch in manchen europäischen Ländern gibt es einen Jungenüberschuss

Von Lucian Haas

Drei Geschwister
Drei Geschwister (Stock.XCHNG)

Weltweit gibt es aber immer mehr Länder, in denen die Jungenquote weit über dem biologisch normalen Verhältnis liegt. Dahinter steckt meist die gezielte Abtreibung von Mädchen - in China und Indien längst als Problem erkannt. Doch jüngst hat die Parlamentarische Versammlung des Europarates auch auf Missstände in Europa hingewiesen.

Ein armenisches Sprichwort lautet: "Ein echter Mann hat einen Sohn." Dieser Satz spiegelt nicht nur die patriarchalische Kultur des Landes wieder. Seit einigen Jahren manifestiert er sich auch in der Geburtenstatistik. In Armenien werden heute weitaus mehr Jungen geboren als Mädchen. Nach Angaben der Statistikbehörde des Landes lag das Verhältnis im vergangenen Jahr bei 114 zu 100. Hinter diesem Übergewicht des männlichen Geschlechts bei den Neugeborenen sehen Experten nicht einfach eine Laune der Natur. Viele Paare in Armenien greifen offenbar – mit einem Sohn als Wunschkind vor Augen - nach drastischen Methoden. In den ersten Monaten einer Schwangerschaft wird per Ultraschall das Geschlecht des ungeborenen Kindes bestimmt. Ist es ein Mädchen, entscheiden sich die Eltern häufiger zu einer Abtreibung.

Aus Asien, vor allem den Ländern China, Indien und Vietnam, ist diese Form der geschlechtsspezifischen Selektion seit längerem als Problem bekannt. Dort kommen heute bei den Geburten in manchen Regionen bereits 120 bis 130 Jungen auf 100 Mädchen.
Demographen sprechen in Anlehnung an das Wort Genozid bereits vom Genderzid, dem Geschlechtermord, und warnen vor einer tickenden sozialen Zeitbombe. Denn das verzerrte Geschlechterverhältnis wird die Bevölkerungsstruktur dieser Länder in den kommenden Jahrzehnten entscheidend prägen.

"Der Mangel an Frauen in einer Gesellschaft führt dazu, dass zum Beispiel die Verfügbarkeit von Frauen auf andere Weise sichergestellt wird. Indem Frauen aus anderen Ländern eingeführt werden, also als Ware sozusagen behandelt werden. Dass Prostitution zu einem größeren Bedürfnis wird, oder dass innerhalb von Familien eben die Gewalt zunimmt. Weil einfach die Frauen dann genötigt werden, männliche Nachkommen zu gebären. So lange diese Ungleichheit da ist, wird in der Gesellschaft eine Abwertung von Frauen, eine Geringschätzung von Frauen vorherrschen. Und das verschlechtert einfach die Lebensqualität von Frauen auch in diesen Gesellschaften."

Doris Stump ist Schweizer Abgeordnete in der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in Straßburg. Sie hat für das Parlament einen Bericht verfasst, der deutlich macht, dass die vorgeburtliche Geschlechterselektion mittlerweile auch in einigen europäischen Ländern an der Tagesordnung ist. Explizit nennt der Bericht neben Armenien auch Albanien, Aserbaidschan und Georgien. In allen vier Ländern liegt das Geschlechterverhältnis in der Geburtenstatistik heute höher als 110 zu 100 zwischen Jungen und Mädchen. Die genauen Gründe dafür sind unbekannt.

"Interessant ist bei allen Ländern, dass die Erscheinung, diese Veränderung, erst seit 1990 passiert, also seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Aber das findet nicht in allen ehemaligen Sowjetstaaten statt. Insofern muss da noch etwas Besonderes passieren, was wir noch nicht untersucht haben."

Die Daten sind allerdings schon jetzt so alarmierend, dass das Europaratsparlament auf der Grundlage von Doris Stumps Bericht kürzlich eine Entschließung verabschiedet hat. Darin werden Albanien, Armenien, Aserbaidschan und Georgien aufgerufen, die Gründe für den Geburtenüberschuss von Jungen zu ermitteln. Bisher gibt es abseits von Expertenkreisen in diesen Ländern kaum ein Bewusstsein für die Missverhältnisse. Doris Stump:

"Das wird gar nicht als Problem wahrgenommen. Weil eben die Verteilung der Geschlechter nach wie vor nicht so massiv auffällig ist. Einerseits gibt es eben viele Männer, die bereits auswandern. Das verringert diesen Überhang an Geburten von männlichen Kindern. Und andererseits sind auch noch aus Kriegszeiten Männer in der Minderzahl."

Klar ist allerdings: Wenn der Trend anhält, geht das zulasten des sozialen Gleichgewichts in den Ländern. Zudem ist die Selektion auch aus ethischer Sicht völlig inakzeptabel. Die Europaratsparlamentarier appellierten deshalb in ihrer Resolution zugleich an alle Mitgliedsländer des Staatenbundes, die Vernichtung künstlich gezeugter Embryonen sowie Abtreibungen aufgrund des Geschlechts gesetzlich zu verbieten. Doris Stump:

"Und zwar haben wir ja explizit nicht nur über diese vier Länder gesprochen, wo die auffälligsten Zahlen vorhanden sind, sondern wir sagen, das ist ein grundsätzliches Problem, das man in ganz Europa anschauen soll und versuchen soll, Regelungen zu finden."

Selbst in Westeuropa, wo in den meisten Ländern das natürliche Geburtsverhältnis von 105 Jungen zu 100 Mädchen vorherrscht, findet heute Geschlechterselektion statt. Studien aus Norwegen und Großbritannien zeigen, dass es dort bei Einwanderern aus asiatischen Kulturkreisen vor allem beim zweiten oder dritten Kind eine erkennbar jungenlastige Geburtenquote gibt. Das gilt als typisches Indiz für eine vorgeburtliche Geschlechtsauswahl.

Dank moderner Medizin- und Biotechnik lässt sich der Wunsch nach einem Jungen heute viel einfacher erfüllen als früher. Per Ultraschallbild kann das Geschlecht ab der 16. Schwangerschaftswoche sicher bestimmt werden. Dieser Zeitpunkt liegt freilich deutlich hinter der 12. Schwangerschaftswoche, die in vielen Ländern als Grenze für eine legale Abtreibung gilt. Doch es gibt auch hormon- und genbasierte Tests, die schon ab der fünften bis siebten Woche verlässliche Resultate liefern. Bei künstlicher Befruchtung lässt sich das Geschlecht eines Embryos sogar vor der Implantation bestimmen. In Deutschland ist das gesetzlich verboten. Doch nicht in allen europäischen Staaten sind die Regelungen so strikt.

Vieles spielt sich in einer rechtlichen und auch statistischen Grauzone ab. Gerade im modernen Westeuropa könnte Selektion nach Ansicht von Doris Stump heute sogar zum Alltag gehören, ohne gleich in einseitigen Geschlechtsverhältnissen auffällig zu werden. Es sind nicht immer die Mädchen, die unerwünscht sind:

"Möglicherweise wird es in Westeuropa nicht vor allem um die Abtreibung von weiblichen Föten gehen. Sondern es scheint, dass es eben auch Gruppierungen gibt, die durchaus Mädchen bevorzugen möchten, dass eben modernere Familien offenbar teilweise finden, dass es einfacher sei, Mädchen zu erziehen. Ich weiß nicht genau, was die Ursachen dafür sein können, aber es scheint nicht mehr nur eine Benachteiligung der weiblichen Föten zu sein."

Ein Grund mehr für den Europarat, seine Mitgliedsländer anzuhalten, auch solche verdeckten Missstände verstärkt zu untersuchen und rechtliche Riegel vorzuschieben.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

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