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Gerhard Richter zum 80. Geburtstag

Ausstellungen in Berlin und Dresden würdigen das über fünf Jahrzehnte umfassende Werk des Malers

Gerhard Richter, geb. am 9. Februar 1932 in Dresden (AP Archiv)
Gerhard Richter, geb. am 9. Februar 1932 in Dresden (AP Archiv)

Gerhard Richter zählt zu den bedeutendsten Künstlern der Gegenwart. Seine Bilder hängen in aller Welt, auf Auktionen erzielen sie zweistellige Millionenbeträge. Voller Neugier und mit Lust am Experiment, eröffnet Richter dem Betrachter einen neuen Blick auf die Wirklichkeit. Heute wird er 80 Jahre alt.

Wohl kein anderer deutscher Künstler hat schon zu Lebzeiten den Ruhm von Gerhard Richter erreicht. Zu seinem 80. Geburtstag wird er in seiner Geburtsstadt Dresden wie auch in der Neuen Nationalgalerie in Berlin mit zwei großen, sich gegenseitig ergänzenden Ausstellungen geehrt.

Gerhard Richter: 4096 Farben, 1974 (Gerhard Richter)Gerhard Richter: 4096 Farben, 1974 (Gerhard Richter)Dabei zeigt die Dresdner Ausstellung den wohl größten Schatz Richters, den so genannten "Atlas". Dieser enthält die von Richter seit 1964 gesammelten Motive, die Ausgangspunkt und Grundlage seiner Werke waren. Thematisch gruppiert und auf Kartons geklebt, stellte er diese 1972 zum ersten Mal aus. Inzwischen ist das Konvolut auf 783 Tafeln mit über 8000 Einzelmotiven angewachsen.

Die Neue Nationalgalerie in Berlin zeigt mit ihrer Retrospektive all das, wozu sich Richter durch seinen "Atlas" inspiriert fühlte: 140 Bilder und fünf Skulpturen von den 60er-Jahren bis in die Gegenwart, wobei die Ausstellung in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler konzipiert wurde. Welche Bedeutung Richter in der internationalen Kunstwelt hat, mag man auch daran ablesen, dass die Werkschau in Kooperation mit der Tate Gallery in London und dem Centre Pompidou in Paris zustande kam.

Das Bild "Die Kerze" von Gerhard Richter wird am 14. Oktober in London bei Christie's versteigert. (picture alliance / dpa)Gerhard Richter: Kerze - das teuerste zeitgenössische Gemälde (picture alliance / dpa)

Der teuerste deutsche Künstler

Die Preise für Richters Bilder sind im Laufe der vergangenen Jahre in Schwindel erregende Höhen gestiegen. Bereits im Jahr 2000 erreichte das Gruppenbild "Der Kongress (Professor Zander)" von 1965 beim Auktionshaus Christie's ein Auktionsergebnis von 4,95 Millionen Dollar. 2011 erzielte das fotorealistische Gemälde "Kerze" von 1983 einen Erlös von 11,98 Millionen Euro. Richter ist damit der teuerste Künstler der Gegenwart. Der "Frankfurter Rundschau" sagte er damals, er halte diese Preise für "genauso absurd wie die Bankenkrise - unverständlich, albern, unangenehm".

Von Dresden nach Düsseldorf

Gerhard Richter wurde in Dresden geboren und wuchs in der Oberlausitz auf. Nach einer Ausbildung zum Bühnen- und Werbemaler studierte er an der Dresdner Kunstakademie. Noch vor dem Mauerbau floh Richter 1961 über West-Berlin in den Westen und setzte sein Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf fort. Nachdem er zunächst auch als Kunsterzieher gearbeitet hatte, berief ihn die Düsseldorfer Akademie 1971 auf den Lehrstuhl für Malerei, ein Amt, das er bis 1993 innehatte.

Wie Richters früherer Assistent Dietmar Elger sagt, haben die Erfahrungen aus dem Nationalsozialismus und der DDR dazu geführt, dass sich Richter sehr deutlich von allen Ideologien distanziert hat und sich der Vereinnahmung durch politische Strömungen immer verweigert hat.

Sein erste Einzelausstellung hatte Richter 1964 in München, bald folgten weitere Ausstellungen im In- und Ausland, sowie 1972, als vorläufiger Höhepunkt seiner bis heute andauernden Karriere, die Teilnahme am Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig, wo Richter die Werkgruppe "48 Porträts" zeigte.

Eine Interpretation seiner Werke hat Richter nie geliefert, und dies bereits 1965 sehr klar begründet:

"Über Malerei zu reden, ist ja nicht nur sehr schwierig, sondern vielleicht sogar sinnlos, weil man immer nur das in Worte fassen kann, was in Worte zu fassen geht, was mit der Sprache möglich ist. Und damit hat ja eigentlich Malerei nichts zu tun, da gehört vielleicht auch diese stereotype Phase dazu: Was haben Sie sich dabei gedacht? Man kann sich nichts dabei denken, denn Malen ist ja eine andere Form des Denkens."

Richter im Urteil von Medienschaffenden

Anlässlich der Richter-Werkschau in London, wo die aktuelle Retrospektive bereits seit Oktober zu sehen war, führte Deutschlandradio-Korrespondent Matthias Thibaut die künstlerische Entwicklung Richters auch auf seinen Werdegang zwischen Ost und West zurück. Er sei einer der "Künstler, die durch ihre Herkunft aus der DDR zu Bilingualisten der Kunst wurden."

Die Filmemacherin Corinna Belz lernte Richter bei Dreharbeiten persönlich kennen. Für ihr Filmprojekt "Gerhard Richter Painting" durfte sie in Richters Atelier drehen und lernte ihn als einen sehr konzentrierten, aber auch humorvollen und hintersinnigen Künstler kennen.

Dagegen bezeichnet Stefan Koldehoff, Kulturredakteur des Deutschlandfunks, Gerhard Richter als einen "der distanziertesten und unemotionalsten Maler", den man sich vorstellen könne. Richter habe aber auch Anteil daran, dass heute in der Malerei die Devise "anything goes" gelte, ohne dass man dadurch der Beliebigkeit verdächtigt würde. Der Maler sei oft mit Picasso verglichen worden, was er selbst immer weit von sich gewiesen habe. In einem, so Koldehoff, seien sich die beiden aber ähnlich, "nämlich in dem Wunsch auszuprobieren, was Malerei eigentlich kann, was ist möglich mit Farbe, mit Pinsel, mit Leinwand."

Gerhard Richter: Betty, 1988 (Gerhard Richter)Gerhard Richter: Betty, 1988 (Gerhard Richter)

Neue Sicht auf die Wirklichkeit

Richters frühes Werk ist vom Abstrakten Expressionismus, der Pop Art und dem Fotorealismus geprägt. Als Vorlagen dienten anfangs Fotografien oder Ausschnitte aus Zeitungen und Zeitschriften, die Richter wirklichkeitsgetreu übertrug, gleichzeitig aber auch verfremdete. Beispiele für diese Technik, die er im Laufe der Jahre immer weiter perfektionierte, sind die Abbildungen brennender Kerzen oder das Porträt seiner Tochter Betty.

Neben fotorealistischen Darstellungen und unscharfen Porträts bedient sich Richter bis heute auch sehr abstrakter Techniken und Formen, zum Beispiel bei der Gestaltung von Glas- und Spiegelobjekten. Alle diese Formen ziehen sich als gleichberechtigte Entwicklungsstränge durch sein Werk. In der Rückschau scheint der gemeinsame Kern seiner Arbeiten darin zu liegen, dass sie einen neuen Blick auf die Wirklichkeit ermöglichen und unsere Wahrnehmung kritisch hinterfragen.

Domfenster in Köln

Für Aufsehen sorgte Richter, als er im Jahr 2006 ein über 100 Quadratmeter großes Fenster in der Südquerhausfassade des Kölner Doms gestaltete. Der Künstler entwarf dazu ein Mosaik aus 11.500 verschiedenenfarbigen Glastafeln. Basis dafür waren 72 Farben, deren Reihenfolge und Anordnung er mit einem Zufallsgenerator bestimmte. Die Idee dazu geht zurück auf sein Werk "4.096 Farben" von 1974.

Blick auf das neue Südquerhausfenster (Teilansicht) im Hohen Dom zu Köln. (AP)Blick auf das neue Südquerhausfenster im Kölner Dom (AP)Die zufälligen Ergebnisse bearbeitete der Künstler nochmals, um eine ruhigere Wirkung zu erreichen. Die Wirkung der Farbfelder und ihre Intensität verändert sich durch das einfallende Sonnenlicht. Das Fenster ist ein Geschenk Richters an den Kölner Dom.

Obwohl der aus einer protestantischen Familie stammende Künstler inzwischen keiner Kirche mehr angehört, sagte er der Zeitung "Die Welt", dass er "ohne den Glauben an eine höhere Macht oder etwas Unbegreifliches" nicht leben könne.


Links auf dradio.de:

"Ein Bild von der Welt" - Früherer Assistent würdigt Gerhard Richter als einen Künstler, der sich allen Ideologien verweigert hat

"Er macht sich mit keinem Motiv gemein" - DLF-Kulturredakteur zum 80. Geburtstag von Gerhard Richter

Kultur heute 2011-10-06 - Reflexion der Malerei <br> Zum 80. Geburtstag von Gerhard Richter zeigt die Tate Modern eine große Retrospektive

Werke des Malers Gerhard Richter erreichen Weltrekordpreise - Der Kurator und Galerist Gérard Goodrow über den teuersten Künstler der Gegenwart

Unschärfe ins Bild gesetzt - Hamburger Kunsthalle zeigt Gerhard Richters Einfluss auf die junge Kunst

Bilder einer Epoche - Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg zeigt Gerhard Richters fotorealistische Arbeiten


Links im Internet:

Website von Gerhard Richter

Gerhard Richter. Atlas
Ausstellung vom 4. Februar - 22. April 2012
Kunsthalle im Lipsiusbau, Brühlsche Terrasse, Dresden

Gerhard Richter Panorama
Ausstellung vom 12. Februar - 13. Mai 2012
Neue Nationalgalerie Berlin

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:47 Uhr

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