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Gericht verhängt hohe Jugendstrafe im "Ehrenmord"-Prozess

Staatsanwalt legt Revision ein

Richter Heinz Peter Plefka leitete den Prozess gegen die drei Brüder von Hatun Sürücü. (AP)
Richter Heinz Peter Plefka leitete den Prozess gegen die drei Brüder von Hatun Sürücü. (AP)

Im Prozess um den so genannten Ehrenmord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü hat das Berliner Landgericht einen ihrer Brüder zu neun Jahren und drei Monaten Jugendstrafe verurteilt. Dem Urteil zufolge hat der heute 20-Jährige seine Schwester erschossen. Die beiden mitangeklagten älteren Brüder wurden freigesprochen.

Nach Ansicht des Gerichtes stieß der westliche Lebensstil von Hatun Sürücü in der Familie auf Ablehnung. Die beiden mitangeklagten Brüder im Alter von 25 und 26 Jahren wurden freigesprochen. Ihnen konnte keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden. Die Staatsanwaltschaft legte Revision beim Bundesgerichtshof ein. Die Anklage hatte zwei Mal lebenslange Haftstrafen wegen gemeinschaftlichen Mordes für die älteren Angeklagten sowie neun Jahre und acht Monate Jugendstrafe für den zur Tatzeit 18-jährigen Angeklagten gefordert. Nach Überzeugung des Staatsanwalts hat einer der älteren Brüder die Waffe besorgt, der andere habe Schmiere gestanden. Laut Gericht war die Beweislage zu bruchstückhaft für eine Verurteilung.

Die 23-jährige Hatun Sürücü, die sich von ihrem türkischen Ehemann getrennt und ihren kleinen Sohn allein erzogen hatte, war am 7. Februar 2005 in Berlin-Tempelhof erschossen worden. Der Fall hatte bundesweit für Entsetzen und für politische Diskussionen um so genannte Ehrenmorde und Zwangsehen gesorgt.

Gemischte Reaktionen auf das Urteil


Das Urteil löste unterschiedliche Reaktionen aus. So genannte Ehrenmorde haben nach Auffassung des Zentralrats der Muslime nichts mit dem Islam zu tun. Kein Mord könne durch den Islam gerechtfertigt werden, insbesondere nicht der "Ehrenmord", teilte die Vereinigung mit. Die Bremer Professorin für Interkulturelle Bildung, Yasemin Karakasoglu, warnte vor "pauschalen Urteilen" über die in Deutschland lebenden Türken. "Beim 'Ehrenmord' handelt es sich um ein Randphänomen. Das ist ein Problem der Unterschicht", betonte die Wissenschaftlerin. Die große Mehrheit der Türken in Deutschland teile hiesige Wertvorstellungen und Erziehungsmuster.

Auch die politischen Lager reagierten auf das Urteil: Die Unionsfraktion erneuerte ihre Forderung nach schärferen gesetzlichen Sanktionen gegen Zwangsehen. Ehrenmorde, die eigentlich "Schandemorde" seien, stünden häufig im Zusammenhang mit Zwangsverheiratungen, erklärte der familienpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer. Der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Dieter Wiefelspütz, bezeichnete das Urteil als angemessen. Für weitere gesetzliche Regelungen gegen Zwangsehen sei er offen.

Ablehnend äußerte sich dagegen der Grünen-Europaparlamentarier Cem Özdemir zu der richterlichen Entscheidung. "Ich bin nicht zufrieden mit dem Urteil, weil es der Familienclanstruktur nicht gerecht wird", sagte Özdemir: "Wenn man weiß, dass solche Mordurteile im Familienrat gefällt werden und der Jüngste ausgesucht wird, weil man bei ihm das geringste Strafmaß erwartet, dann sendet dieses Urteil das falsche Signal in die Gesellschaft."

Körting verlangt indirekt die Ausreise der Familie


Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) forderte die türkische Familie indirekt zum Verlassen Deutschlands auf. Das Verfahren habe aufgezeigt, "dass es sich hier um eine scheinintegrierte Familie gehandelt hat, die offensichtlich mit ihren Wertvorstellungen in Deutschland mit den meisten Familienmitgliedern noch nicht angekommen ist". Weiter sagte er: "Wenn sie denn wirklich Ehre im Leib hätten, dann sollten sie die Konsequenz ziehen und die Bundesrepublik Deutschland verlassen."

Islamismus-Expertin wirft Ermittlern Versäumnisse vor


Nach dem Urteil hat die Islamismus-Expertin Claudia Danschke der Staatsanwaltschaft und den ermittelnden Behörden schwere Versäumnisse vorgeworfen. Die Motive der beiden freigesprochenen älteren Brüdern der ermordeten Türkin Hatun Sürücü seien zu wenig erforscht worden, sagte Danschke im Deutschlandradio Kultur.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:16 Uhr

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