Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

Gericht verurteilt Pussy Riot zu zwei Jahren Haft

Punkband wird wegen "Rowdyrum" verurteilt

Von Gesine Dornblüth

Die Aktivistinnen der Band Pussy Riot müssen für zwei Jahre ins Gefängnis
Die Aktivistinnen der Band Pussy Riot müssen für zwei Jahre ins Gefängnis (picture alliance / dpa / Karpov Sergei)

Sie hatten zwei Minuten in der zentralen Kathedrale von Moskau gegen die Verschmelzung von Kirche und Politik gesungen, mit einem sogenannten Punkgebet. Jetzt müssen die Aktivistinnen von Pussy Riot für zwei Jahre ins Gefängnis.

Ohne eine Isolierung von der Öffentlichkeit sei eine Besserung der drei Frauen nicht möglich, sagte Richterin Syrowa – und verhängte eine zweijährige Haftstrafe gegen die Punkmusikerinnen. Syrowa blieb damit ein Jahr unter der Forderung des Staatsanwaltes. Die Richterin erklärte die drei Musikerinnen des Rowdytums für schuldig. Sie hätten vorsätzlich und aus Motiven des religiösen Hasses gehandelt.

"Die Mädchen skandierten einstudierte Worte der Beleidigung an die Adresse Gottes, der Mutter Gottes und der Gläubigen. Es gab kein politisches Motiv. Alles wurde getan mit dem Ziel, eine negative Resonanz in den Gefühlen und Seelen der Gläubigen hervorzurufen: Ärger, Zorn und Hass."

Dies hatten die drei Punk-Aktivistinnen während des Prozesses strikt von sich gewiesen. Ihnen sei Hass fremd, sie hätten mit einer Kunstaktion ein politisches Zeichen setzen wollen, so die Angeklagten im Laufe des Prozesses. Ihre Einwände flossen nicht in das Urteil ein. Stattdessen referierte die Richterin ausführlich die Sichtweise der sogenannten Geschädigten. Ein knappes Dutzend Angestellte der orthodoxen Kirche waren als Nebenkläger aufgetreten. Sie hatten gesagt, sie hätten durch den Auftritt der Punk-Band seelischen Schaden erlitten. Die Richterin übernahm Wort für Wort die Darstellung der Kläger und bestätigte damit ihre Voreingenommenheit, die sie schon während der Verhandlungstage an den Tag gelegt hatte.

"Die Mädchen riefen gotteslästerliche Worte, ihre Kleidung entsprach nicht dem Kanon, sie benahmen sich, wie man sich in der Kirche nicht benimmt. Sie sprangen, warfen die Beine hoch und fuchtelten mit den Armen. Sie störten den Betrieb der Kirche."

Unter Menschenrechtlern und Oppositionspolitikern ist die Empörung über das Urteil groß. Der Menschenrechtsbeauftragte des russischen Präsidenten, Michail Fedotow, nannte den Schuldspruch inakzeptabel. Von religiösem Hass könne keine Rede sein, allenfalls von politischem.

Zuletzt hatten sich Menschen in der ganzen Welt, darunter Politiker und prominente Künstler für Pussy Riot eingesetzt. In Moskau versammelten sich auch heute wieder viele Unterstützer der Frauen vor dem Gericht. Mehrere Dutzend wurden festgenommen. Unter den Demonstranten waren auch orthodoxe Gegner der Punk-Band. Die russische Gesellschaft ist gespalten. Einer jüngst veröffentlichten Meinungsumfrage zufolge stufen mehr als vierzig Prozent der Russen den Prozess gegen die Frauen als fair ein.

Der Rentner Vladimir Roslow war vom ersten bis zum letzten Tag des Prozesses vor dem Gericht, um Pussy Riot zu unterstützen.

"Auch in meinem Bekanntenkreis lehnen viele Leute die Aktion von Pussy Riot komplett ab. Für sie sind die Frauen Rowdys, denen man den Kopf abreißen muss. Das schmerzt mich sehr: Dieses Ausmaß an Hass, Zorn und Intoleranz in unserer Gesellschaft. Ich fürchte, wir sind in der Minderheit."

Die Künstlerinnen ihrerseits hatten mit einer Verurteilung gerechnet, das hatte Jekaterina Samuzewitsch in ihrem Schlusswort deutlich gemacht.

"Verglichen mit der Gerichtsmaschinerie sind wir nichts. Wir haben verloren. Andererseits haben wir gewonnen. Die ganze Welt sieht, dass der Strafprozess gegen uns fingiert ist. Russland sieht in den Augen der Welt einmal mehr anders aus, als Wladimir Putin es präsentieren möchte. All die von ihm versprochenen Schritte hin zu einem Rechtsstaat wurden offensichtlich nicht getan."

Die Verteidigung will gegen das Urteil Berufung einlegen.

Links zum Thema bei dradio.de:

Sommer der Repressionen - Wie die Justiz Putin-Gegner mundtot macht
Putin und der Patriarch – eine unheilige Allianz - Prozess gegen Pussy Riot
Russlands repressiver Retter - Putin und der Prozess gegen "Pussy Riot"
Höchststrafe für Pussy Riot wäre "ziemlich dumm von Putin" - Musikerin Bernadette La Hengst vor dem Urteil gegen die Pussy Riot
Pussy Riot erteilen Richtern eine Kunst-Lektion - Schlussworte der drei Künstlerinnen im Moskauer Prozess

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:57 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 16:10 Uhr Büchermarkt

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 16:20 Uhr Musik

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

FacebookUmsatzplus von mehr als 70 Prozent

Ein Mann vor dem "Gefällt-mir"-Daumen von Facebook in Silicon Valley in Kalifornien (USA)

Das soziale Netzwerk Facebook hat seine Probleme gelöst: Ein Konkurrent, der Nachrichtendienst WhatsApp, der sich zunehmender Beliebtheit erfreute, wurde aufgekauft. Auch an der Schwierigkeit, mit Werbung auf mobilen Geräten Geld zu verdienen, wurde lange gearbeitet.

Corso-Gespräch"Wir berichten, bevor wir recherchieren!"

"Postillon24 - Wir berichten, bevor wir recherchieren" Die Satire-Website "Der Postillon" kommt zum NDR: Ab dem 25. April 2014 wird es immer freitags um 0.00 Uhr im NDR Fernsehen 15-minütige satirische Nachrichten unter dem Titel "Postillon24 - Wir berichten, bevor wir recherchieren" geben. Präsentiert von Anne Rothäuser und Thieß Neubert (Foto).

Im Netz folgen schon Tausende dem satirischen Nachrichtenportal "Der Postillion", das 2013 mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Nun startet die Site den Angriff auf die alten Medien: In der Nacht auf Samstag laufen die TV-Nachrichten "Postillon24" ab Mitternacht im NDR.

TextilindustrieFehlende Unterstützung für Öko-Labels

Neben einem Ständer mit Kleidung hängt in einer Boutique in München eine Spielzeugpuppe aus Öko-Wolle.

Die Konsumforscherin Lucia Reisch fordert ein "gutes Investitionsklima" für Firmen, die auf die Entwicklung nachhaltiger und fair gehandelter Textilprodukte setzen. Hier könne die Politik mehr tun und kreativer werden.

Die "Neue Rechte""Keine organisierte neue Kraft"

Porträtfoto von Alexander Häusler (undatierte Aufnahme), Sozialwissenschaftler vom Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus der Fachhochschule Düsseldorf

Die "Neue Rechte" bei den Montagsdemonstrationen lasse "keine klare einheitliche politische Linie" erkennen, sagte der Rechtsextremismusforscher Häusler im DLF. Dort dominiere "eine krude Mischung von Verschwörungstheorien und rechten Weltbildern".

RusslandWladimir Putin ist kein Peter der Große

Putin-Plakat bei einer Demonstration in Berlin.

Wladimir Putin will eine konservative Revolution, die sich als Antipode zu Europa inszeniert, meint die Journalistin Sylke Tempel, Chefredakteurin der Zeitschrift "Internationale Politik". Die Modernisierungspartnerschaft mit Europa ist für sie gescheitert. - nicht nur für Tempel eine Tragödie.

Datenschutz Was dürfen Schufa und Co. über Verbraucher wissen?

Eine Frau steht zum bezahlen in einem Supermarkt an der Kasse.

Unterschrift oder PIN? Schon an der Supermarktkasse werden Verbraucher umfangreichen Bonitäts-Tests unterzogen. In Sekundenschnelle wird die Zahlungsfähigkeit überprüft, um so das für den Handel günstigste Bezahlverfahren zu bestimmen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Russland ordnet neue Militärmanöver an Grenze zur Ukraine an | mehr

Kulturnachrichten

Asienexperte:  "Für Näherinnen in Bangladesch hat sich wenig geändert" | mehr

Wissensnachrichten

Technik  Technik: Bemannter Multicopter statt Helikopter | mehr