Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Geschätzte Steuern

Fachleute erstellen Prognose

Die Steuerschätzung wird mit Hilfe von menschlichen und elektronischen Gehirnen erstellt
Die Steuerschätzung wird mit Hilfe von menschlichen und elektronischen Gehirnen erstellt (AP)

Ihre Arbeit ist immer eine wichtige Basis für die staatliche Finanzplanung der kommenden fünf Jahre. Der Arbeitskreis Steuerschätzung tüftelt an einer Prognose, wie viel Geld in die öffentlichen Kassen eingehen wird.

Ein nüchterner Besprechungsraum in Frankfurt am Main, darin viele aufgeklappte Laptops, jeder mit einer Tabellenkalkulation und vielen Hundert Zellen: So sieht das Szenario aus, in dem seit Montag die Steuerschätzung entsteht. Um die Kassenlage aller staatlichen Ebenen in Deutschland vorauszuplanen, müssen kleine Steuerarten wie die Alkopopsteuer (Aufkommen 2011: etwa zwei Millionen Euro) ebenso untersucht werden wie die großen Einnahmen, zum Beispiel die Lohnsteuer oder die Umsatzsteuer (Aufkommen im vorigen Jahr jeweils rund 140 Millionen Euro).

Gleichung mit Millionen Variablen

Dabei ist die Steuerschätzung eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Im Grunde sind es 82 Millionen - denn das Verhalten jedes einzelnen Bürgers wirkt sich am Ende auf die Einnahmen des Staates aus. Entwickelt sich die Wirtschaft positiv, so wie derzeit, steigen Gewerbe- und Körperschaftssteuern. Bekommen die Beschäftigten eine Lohnerhöhung, müssen auch sie mehr an das Finanzamt bezahlen. Und schließlich ist auch für jeden Neugeborenen eine Steuer fällig – beim Einkaufen der Babynahrung fällt wie bei jedem Einkauf die Umsatzsteuer an. Aktuell ist die Ausgangslage günstig. 2012 könnten die gesamten Einnahmen der öffentlichen Hand erstmals die Marke von 600 Milliarden Euro übersteigen.

Euromünzen liegen auf den Schalen einer WaageEine Schätzung ist auch immer ein Balanceakt (picture alliance / dpa / Armin Weigel)Um ihre eigene Prognose aufzustellen, nutzen die Steuerschätzer eine weitere Prognose als Grundlage: die gesamtwirtschaftlichen Eckdaten der Bundesregierung. So schnurrt die unkalkulierbare Rechnung, die jeden Einzelbürger beinhaltet, zu einer etwas handlicheren Abstraktion zusammen. Mit diesem Material füttern sie - meist selbstentwickelte - Formeln, um für alle Steuerarten abzuwägen, wie viel sie in den kommenden fünf Jahren einbringen würden, wenn sich die Wirtschaft tatsächlich so verhält wie in den Eckdaten vermutet. Im Arbeitskreis sitzen Vertreter der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute, des Bundesfinanzministeriums, der Bundesbank und des Sachverständigenrates. Nachdem jeder eine eigene Prognose vorgelegt hat, beginnt eine gemeinsame Diskussion, an der zusätzlich noch Statistiker und Finanzpolitiker aus Ländern und Kommunen teilnehmen.

Steuern für Berlin und fürs Nachbardorf

Drei Tage dauert der gesamte Prozess, am Mittwoch soll ein Konsens herauskommen. Auch er besteht aus vielen Zahlen, da es auch mehrere "Empfängerkassen" gibt. Die Gewerbesteuer beispielsweise verbleibt in der Hand der Städte und Gemeinden, wobei wirtschaftsstarke Metropolen wie Frankfurt/Main mehr als eine Milliarde Euro im Jahr einnehmen, kleinere Städte eher im unteren Millionenbereich rechnen. Bei der Umsatzsteuer sind dagegen alle staatlichen Ebenen beteiligt: Bund, Land und Kommunen teilen sich das Aufkommen. Auch diese Aufgliederung muss der Arbeitskreis berücksichtigen und schließlich das Prozedere für die Jahre bis einschließlich 2017 wiederholen. Nicht berücksichtigt werden dagegen - noch nicht beschlossene - Änderungen im Steuerrecht, auch sie schwächen den Realitätsgrad der Schätzung.

Seit 1955 existiert der Steuerschätzerkreis, der zwei Mal jährlich tagt. Wie die meisten ökonomischen Prognosen wird auch die Einnahmenschätzung häufig kritisiert – eben, weil sie in der Regel von der Wirklichkeit eingeholt wird und in manchen Jahren nach oben, in anderen nach unten korrigiert werden muss. Weil Haushaltspolitiker aber eine Orientierungshilfe brauchen, wenn sie eine mittelfristige Ausgabenplanung machen, gilt die Arbeit der Steuerschätzer doch als ein sinnvolles Unterfangen. Auch der neue Bundeshaushalt basiert auf diesen Zahlen.

Derzeit diskutieren Finanzpolitiker aller Parteien über die Frage, ab wann der Bund ohne neue Schulden auskommen könnte. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ist zuversichtlich, dass das schon 2014 klappen könnte. SPD-Haushaltsexperte Carsten Schneider nannte diese Überlegungen unglaubwürdig. Beide Seiten dürften am Mittwoch mit Interesse das Ergebnis der Steuerschätzung lesen.



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:00 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Deutschlandfunk Radionacht

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Lange Nacht

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

AusbildungsmarktArbeitslose Schulabgänger trotz freier Lehrstellen

Kochlehrling Elke Nüstedt arbeitet am 03.03.2014 bei den 22. Regionalen Jugendmeisterschaften in den gastgewerblichen Ausbildungsberufen in der Küche der Yachthafenresidenz Hohe Düne in Rostock.

Obwohl viele deutsche Firmen händeringend nach Auszubildenden suchen, bleiben viele Schulabgänger ohne Lehrstelle. Die Unternehmen klagen über schlechte Bewerber. Aber oft stehen sie sich mit ihren Vorurteilen auch selbst im Weg. Vor allem junge Deutsch-Türkinnen spüren das.

EU-Sanktionen gegen RusslandEine Frage der Dosis

Flaggen der Europäischen Union vor dem Gebäude der Europäischen Kommission in Brüssel, Belgien (14.5.2012)

Kaum etwas wäre verheerender, als wenn sich die Europäer von Russland wegen der Ukraine auseinander dividieren ließen. Sie müssen mit Putin reden, aber auch die Daumenschrauben bei den Sanktionen anziehen, meint Annette Riedel.

Social-Media-PhänomeneWarum wir immer neue Sündenböcke brauchen

Wettermoderator Jörg Kachelmann verlässt nach seinem Freispruch das Landgericht in Mannheim

In ihrem Buch "Wir Opfer" geht Kirstin Breitenfellner dem Phänomen des Sündenbocks auf den Grund. Mit Twitter und Facebook hätten sich neue Formen der Täterverfolgung entwickelt – egal ob für mutmaßliche Vergewaltiger, Steuerhinterzieher oder Schein-Doktoren.

PsychologieSeelenstriptease im Internet

Psycho Buildings in der Hayward Gallery in London. Der Künstler ist Tomas Saraceno.Die Installation gehört zur einer Ausstellung. 

Sollte man sich im Netz als Psychotherapie-Patient outen? Darüber wird gestritten, seitdem es die neue Website "ichbinintherapie" gibt. Der Psychologe Michael Krämer plädiert für Zurückhaltung und warnt davor, zu viele persönliche Daten preiszugeben.

Frank Gehry Zerknüllte Papiertüte aus Ziegeln

Der kanadische Architekt Frank Gehry stellt seinen Bau für die australische Stadt Sydney vor: eine Business School für die Technische Universität, die einer zerknüllten Papiertüte ähnelt, Dezember 2010

Hier muss jeder Ziegel sitzen. Erfahrene Maurermeister werden für Frank Gehrys Neubau in Sydney aus der Rente geholt. Die Business School in Form einer zerknüllten Tüte soll das neue Wahrzeichen der Stadt werden.

ARD-Tatort"Großartig und ganz anders"

Am Sonntag geht's endlich wieder los - mit neuen Tatort-Fällen. Wir haben uns von einem Tatort-Kenner sagen lassen: Die neue Saison bringt einige Highlights - wie den vierten Fall von Ulrich Tukur alias Felix Murot.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Viele Bundesländer verlangen  No-Spy-Garantie von IT-Firmen | mehr

Kulturnachrichten

Schriftsteller Werner Liersch  gestorben | mehr

Wissensnachrichten

China  Online-Beziehungsservice liegt im Trend | mehr