Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Gesundheitsminister Bahr wirft Krankenkassen "Rosinenpickerei" vor

Bundesversicherungsamt offenbart Diskriminierung von Alten und Kranken

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) kritisiert die Krankenkassen (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) kritisiert die Krankenkassen (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Gesetzliche Krankenkassen umwerben vor allem junge und gesunde Menschen und benachteiligen aber die Alten und Kranken. Das geht aus einem Bericht des Bundesversicherungsamtes hervor. Der Gesundheitsminister rügt die Kassen.

Gesetzliche Krankenkassen stehen aufgrund ihrer Auswahl der Versicherten erneut in der Kritik. Das Bundesversicherungsamt (BVA) hat in seinem neuen Tätigkeitsbericht deutliche Missstände bei den Kassen angeprangert. Die Prüfer stellten eine "Risikoselektion durch Herausdrängen von älteren oder kranken Versicherten" fest. Demnach haben Mitarbeiter einer Krankenkasse etwa "in unzulässiger Art und Weise telefonisch Einfluss" vor allem auf diese Versicherten genommen, damit sie ihre Mitgliedschaft kündigen.

Das BVA sieht darin einen Verstoß gegen "grundlegende Prinzipien des Sozialgesetzbuches". Allerdings geht die Behörde davon aus, dass es sich bei dem von ihr genannten Beispiel um einen Einzelfall handelt. Die nicht näher benannte Kasse habe die Praktiken inzwischen abgestellt. Doch nicht nur bei Bestandskunden, sondern auch beim Anwerben von Neukunden attestiert das BVA einigen Kassen ein unzulässiges Vorgehen.

Prämien nur für einkommensstarke, gesunde Versicherte

Die Prüfer kritisieren, dass Vertriebsmitarbeiter der Kassen vor allem Prämien für einkommensstarke und gesunde Versicherten bekämen. Bei weniger vermögenden oder kranken Versicherten würden Prämien dagegen nicht gezahlt oder zurückgefordert. Eine solche Unterscheidung nach Einkommen oder sozialem Stand ist laut dem Bericht aber "unzulässig".

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) machte die Kassen-Vorstände für solches "Fehlverhalten" verantwortlich: "Es ist nicht in Ordnung, dass einzelne Krankenkassen versuchen, Rosinenpickerei zu betreiben". Die freie Versicherungswahl sei ein hohes Gut – Alte und Kranke dürften nicht benachteiligt werden. Mit den Krankenkassen sei er sich einig, "dass jeder unabhängig von Einkommen und Vorerkrankung Zugang zu seiner Krankenversicherung haben muss". Die entsprechende Gesetzesregelung müssten die Krankenkassen auch umsetzen.

Kassen-Spitzenverband: Widerspruch zum Solidargedanken

Eine Sprecherin des Kassen-Spitzenverbandes sagte, die angeprangerten Praktiken widersprächen dem Solidargedanken. Es handele sich aber nur um Einzelfälle. Der Gesundheitsexperte der Linksfraktion im Bundestag, Harald Weinberg, sieht die Ursache für Fehlverhalten im System der Kassen: "Wer Wettbewerb sät, wird Versichertenselektion bekommen. Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen."

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Biggi Bender, forderte, die "Anreize für die Risikoselektion" abzustellen. Es sei nicht Aufgabe der Krankenversicherung, nach einem möglichst hohen Überschuss zu streben. "Der interne Finanzausgleich unter den Krankenkassen muss so geregelt werden, dass kein Anreiz zur Rosinenpickerei entsteht", so Bender weiter.

Mehr zum Thema auf dradio.de:
Daumen runter für die Krankenversorgung - Die Leistungsprüfungen der Krankenkassen
Wie Patienten Leistungen verwehrt werden - Viele Kranke wissen nichts von ihren Ansprüchen
Kopfgeldjagd auf Kassenpatienten - Bundesversicherungsamt ermittelt wegen Verstoß gegen die Wettbewerbsgrundsätze

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:16 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 23:05 Uhr Fazit

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

RassismusDie Kindheit eines südafrikanischen Comedian

Trevor Noah beim Screening der Comedy-Show The Daily Show With Trevor Noah auf dem PaleyFest New York 2016 im Paley Center for Media. New York Foto:xD.xVanxTinex/xFuturexImage Trevor Noah the Screening the Comedy Show The Daily Show With Trevor Noah on the PaleyFest New York 2016 in Paley Center for Media New Yor Photo XD xVanxTinex xFuturexImage (imago stock&people)

Seit 2015 moderiert Trevor Noah eine erfolgreiche Show beim US-amerikanischen Sender Comedy Central. Geboren als Kind einer schwarzen Mutter und eines weißen Vaters in Südafrika ist Rassismus sein Hauptthema. Mit "Farbenblind" legt der erst 33-Jährige seine Memoiren vor.

"Hauptstadtfußball" im Stadtmuseum BerlinNeue Zielgruppen anlocken

Ausstellung über Hertha BSC in Berlin - viele der Ausstellungsstücke stammen von Fans (picture alliance / dpa / XAMAX)

Vor anderthalb Jahren ist Paul Spies als neuer Direktor angetreten, um das Stadtmuseum Berlin zu modernisieren. Der niederländische Kunsthistoriker möchte neue Zielgruppen anlocken. Ein Thema, das ihm dabei helfen könnte, ist der Fußball.

Digitale Ausstattung für Schulen"Riesenpaket an offenen Fragen"

Bundesforschungsministerin Johanna Wanka (CDU) (picture alliance / dpa / Ole Spata)

Vor der Sommerpause verabschiedete die Große Koalition die Eckpunkte zum Haushalt 2018: Darin fehlt der seit 2016 versprochene Digitalpakt für Schulen. Viele Fragen zur IT-Ausstattung seien offen, sagte Bildungsministerin Johanna Wanka, im Dlf. Die Nutzung im Unterricht müsse erst auf Arbeitsebene geklärt werden.

#DeineWahl - YouTuber fragen die KanzlerinMerkel im Neuland

(picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Knapp fünf Wochen vor der Bundestagswahl stellte sich Kanzlerin Angela Merkel heute eine Stunde lang den Fragen von vier YouTubern. Nadine Lindner aus unserem Hauptstadtstudio findet: "Es war eine unterhaltsame Stunde."

SommerserieGerechtigkeit - jeder will sie, keiner kriegt sie?

Zwei Männer sitzen sich auf einer zerbrochenen Wippe über einer Euromünze gegenüber (imago stock&people)

Gerechtigkeit ist eines der wesentlichen Themen im Bundestagswahlkampf. Die Parteien diskutieren und positionieren sich. Aber wie gerecht geht es heute tatsächlich zu? Was macht der Staat, um Gerechtigkeit zu fördern und was unterlässt er?

Gewalt in Charlottesville"Das ist der typische Trump-Sound"

US-Präsident Trump spricht im Weißen Haus in Washington ins Mikrofon. (AP Photo / Evan Vucci)

US-Präsident Trump hat seine erste Reaktion auf die Gewalt bei der Rassisten-Kundgebung in Charlottesville verteidigt und erneut beiden Seiten die Schuld gegeben. Das war das Härteste, was Trump bisher vom Stapel gelassen habe, so Politikwissenschaftler Jan Techau.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

USA  Trump löst Beratergremien auf | mehr

Kulturnachrichten

Bands boykottieren Berliner Pop-Kultur Festival  | mehr

 

| mehr