Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Gewalt in Ägypten bleibt aus

Zehntausende Anhänger und Gegner von Ex-Präsident Mursi auf den Straßen des Landes

Mursi-Unterstützer wollen morgen weiter demonstrieren (picture alliance /(c) dpa /Andrey Stenin)
Mursi-Unterstützer wollen morgen weiter demonstrieren (picture alliance /(c) dpa /Andrey Stenin)

In Ägypten haben erneut zehntausende Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi für dessen Rückkehr an die Staatsspitze demonstriert. Obwohl die Behörden blutige Zusammenstöße vermuteten, verliefen die Demonstrationen in Kairo ruhig.

Die Anhänger des gestürzten ägyptischen Präsidenten lassen nicht locker: Mit einem "Marsch der Millionen" auf Kairo wollten sie ihrer Forderung nach Wiedereinsetzung Mursis in sein Amt Nachdruck verleihen. Die Behörden in Ägypten befürchteten neue blutige Zusammenstöße - bis jetzt blieb es allerdings weitgehend ruhig. Vergangenen Montag starben mehr als 50 Menschen, als Soldaten und Demonstranten aneinandergerieten. Die Armee errichtete bereits an den Zufahrtstraßen zur Hauptstadt Kontrollpunkte. Nach den Freitagsgebeten versammelten sich Zehntausende Anhänger beider Lager in der Innenstadt Kairos. Ein Teil strömte aus dem ganzen Land in die Hauptstadt.

Die Muslimbruderschaft, aus der Mursi stammt, hatte Dauerproteste angekündigt. Angebote zur Beteiligung an einer Übergangsregierung lehnte sie ab. Vor dem Umsturz in Ägypten hatten Millionen Menschen im ganzen Land gegen die Herrschaft Mursis demonstriert. Im Deutschlandfunk berichtet unser Korrespondent Peter Steffe, dass die Millionen-Protesten ausblieben, auch größere Zusammenstöße zwischen Mursi-Anhängern und -Gegner blieben aus. Mehrere Zehntausend Anhänger versammelten sich, während die Gegner auf dem Tahir-Platz die Stellung hielten. Die Proteste würden nach Meinung des Korrespondenten wegen des Fastenmonats Ramadan, der vor zwei Tagen begann und den Tagesablauf viele Gläubige bestimmt, keine größeren Ausmaaße annehmen. Zum anderen habe die Oppositions-Allianz schon Fakten geschaffen durch die Bildung einer Übergangsregierung - es gäbe also keinen Weg mehr zurück. Dennoch seien gewalttätige Ausschreitungen nicht auszuschließen.

Wo befindet sich Mursi?

Es ist noch immer unklar, wo sich Mursi aufhält. Seit seinem Sturz am Mittwoch vor einer Woche wird er vom Militär an einem unbekannten Ort und ohne Anklage festgehalten. Ein Sprecher des ägyptischen Außenministeriums erklärte, Mursi befinde sich an einem sicheren Ort und würde in würdiger Weise behandelt. Die Armeeführung hatte seine Entmachtung damit begründet, dass Mursi zu Kompromissen unfähig gewesen sei und die Stabilität des Landes aufs Spiel gesetzt habe.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) hat unterdessen gefordert, Mursi unverzüglich freizulassen. Jede Form der politischen Verfolgung sei für die Zukunft Ägyptens außerordentlich schädlich, sagte Westerwelles Sprecher Martin Schäfer in Berlin. Nach Deutschland hat auch die US-Regierung die ägyptische Armee zur Freilassung Mursis aufgerufen.

Zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gesagt, Ägypten müsse möglichst schnell in die Spur eines demokratischen Übergangsprozesses kommen. "Es ist wichtig, dass alle wichtigen politischen Akteure in diesen Prozess einbezogen werden", erklärte sie nach einem Treffen mit der Kommissionspräsidentin der Afrikanischen Union (AU), Nkosazana Dlamini-Zuma, am Donnerstag in Berlin. Die AU hatte Ägypten vor einer Woche wegen der Absetzung Mursis suspendiert.

USA werten Mursis Absetzung offenbar nicht als Putsch

Ein F-16-Jet im Einsatz (Archivbild) (picture alliance / dpa / EPA / Pantelis Saitas)Ein F-16-Jet im Einsatz (Archivbild) (picture alliance / dpa / EPA / Pantelis Saitas)UN-Generalsekretär Ban Ki Moon äußerte sich besorgt über die Haftbefehle gegen die Anführer der Muslimbruderschaft. Es gebe keinen Platz für Vergeltung, sagte er nach eigenen Angaben in einem Telefonat mit dem ägyptischen Außenminister Mohammed Kamal Amr. Keine größere Partei im Land dürfe ausgeschlossen werden.

Derweil werden die USA offenbar, wie ursprünglich geplant, vier Kampfflugzeuge vom Typ F-16 an Ägypten liefern. Ein Sprecher des Weißen Hauses sagte, dass die US-Regierung ihre Pläne diesbezüglich nicht "hastig" ändern werde. Die USA unterstützen das ägyptische Militär mit Zahlungen von jährlich mehr als einer Milliarde Dollar. Sollte der Umsturz in Kairo als Putsch eingestuft werden, müsste Washington von der Gesetzeslage her die Militärhilfe an Ägypten einstellen. Das US-Außenministerium hielt sich bislang mit konkreten Einschätzungen diesbezüglich zurück. In einer Erklärung verwies es auf eine Zahl von 22 Millionen Menschen, die gegen Präsident Mursi demonstriert hatten. Diese Größenordnung habe deutlich gemacht, dass Demokratie mehr sei als der Gewinn von Wahlen, hieß es.

Mehr zum Thema auf dradio.de

"Eingriff der Armee ist hochproblematisch"- Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer kritisiert den Putsch in Ägypten und sieht neue Koalition als "reine Zweckvereinigung"
"Unternehmen sind momentan besorgt und entsprechen zurückhaltend"- Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft hofft auf schnelle Stabilität für deutsche Firmen in Ägypten
"Die Debatte ist jetzt hoch politisiert"- Islamwissenschaftlerin Annette Ranko: Ägyptisches Militär und Islamisten stehen sich "unversöhnlich gegenüber"
Die EU, ihre Außenpolitik und Ägypten- Brüssel drängt auf freie Wahlen und eine neue Verfassung

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:14 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Deutschlandfunk Radionacht

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 03:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Multimedia-ReportageGrimme Online Award für Deutschlandradio Kultur

Tausende Sizilianer zogen in den 1960er-Jahren nach Solingen, um dort zu arbeiten. Was wurde aus ihrem Heimatgefühl, was aus ihren Träumen? Darum geht es in der ausgezeichneten Multimedia-Reportage.

Der Grimme Online Award geht unter anderem an eine Multimedia-Reportage vom Deutschlandradio Kultur. "Trappeto-Solingen-Trappeto" erzählt von Zuwanderern aus Sizilien, die nach Solingen kamen.

EU-Austritt Großbritanniens"Schotten könnten Unabhängigkeit vom Königreich verlangen"

Graham Watson, Vorsitzender der Liberalen-Fraktion im Europäischen Parlament (ALDE) (imago stock & people)

In Schottland hat es beim Referendum eine große Mehrheit für den Verbleib in der EU gegeben. Wenn die Engländer nun auf den EU-Austritt bestünden, dann könnte es dazu kommen, dass es kein Vereinigtes Königreich mehr geben werde, sagte Graham Watson, britischer Abgeordneter der Liberaldemokraten im EU-Parlament, im DLF.

BayernVom Freistaat zum freien Staat?

Sogenannte "Schellenrührer" ziehen am beim Faschingstreiben in Mittenwald durch den Ort. Mit dem Lärm der großen Kuhglocken sollen nach altem Brauch die bösen Wintergeister ausgetrieben werden. (dpa / picture alliance /  Angelika Warmuth)

Bayern ist zwar nicht Großbritannien - doch für mehr Unabhängigkeit vom Bund sprechen sich rund 40 Prozent der Bayern aus. Folgt nach dem Brexit bald der bayerische Ausstieg?

Nach dem Brexit-Entscheid"Ein sehr bitteres English Breakfast"

Stadtbild von London (AFP / Rob Stothard)

"Ein schlechter Tag für Europa", "historisch", "ein politisches Erdbeben" - die Entscheidung der Briten, der EU den Rücken zuzukehren, bewegt die Menschen in Europa. Erste Reaktionen.

SelbststeuerungDie Auto-Autos kommen

Der Straßenverkehr steht vor einem Umbruch - mit Selbststeuerung.  (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)

Fahrzeuge handeln immer selbstständiger - mit Folgen für Fahrer, Umwelt und Gesellschaft. Der Straßenverkehr steht vor einem Umbruch. Nun wird versucht, die kleinen und großen Unwägbarkeiten dieses Wandels vorauszuahnen.

AlltagskunstSelfies ins Museum

Mädchen sitzt in ihrem Zimmer auf dem Boden und macht Selfies (imago / Felix Jason)

Selfies sind banal? Selfies sind Kunst! Ein renommiertes New Yorker Fotografiemuseum hat das endlich erkannt. Im International Center of Photography versöhnen sich die großen Fotografen mit den Social-Media-Fotos.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Brexit  Juncker befürchtet weitere Anti-Europa-Referenden | mehr

Kulturnachrichten

Brexit bereitet Studio Babelsberg Sorge  | mehr

Wissensnachrichten

Forschung  Antikörper gegen Zika und Dengue gefunden | mehr