Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Grass unter Druck

Kritik am späten Bekenntnis des Literatur-Nobelpreisträgers

Günter Grass, Schriftsteller und Grafiker (Deutschlandradio)
Günter Grass, Schriftsteller und Grafiker (Deutschlandradio)

Das Bekenntnis des Literatur-Nobelpreisträgers Günter Grass, als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, erhitzt weiterhin die Gemüter. Der Literaturkritiker Hellmuth Karasek erklärte, Grass habe sich den Nobelpreis "erschlichen". Die Akademie in Oslo hätte den Nobelpreis seiner Einschätzung nach nicht an jemanden verliehen, von dem bekannt gewesen wäre, dass er in seiner Jugend in der Waffen-SS war und das lange verschwiegen hat.

Auch die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, monierte in der "Netzeitung", Grass sei stets als strenger moralischer Mahner aufgetreten, insbesondere in Bezug auf den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Sein langes Schweigen über die eigene SS-Vergangenheit führe seine früheren Reden nun ad absurdum. Die Tatsache, dass das späte Geständnis so kurz vor Veröffentlichung seines neuen Buches komme, lege die Vermutung nahe, dass es sich um eine PR-Maßnahme handele, so Knobloch weiter.

Für Kulturstaatsminister Bernd Neumann dagegen bleibt zwar das Werk des Friedensnobelpreisträgers bestehen; als moralische Instanz habe Grass jedoch Schaden genommen, sagte Neumann der "Bild"-Zeitung.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hingegen warnte vor zu harschen Reaktionen. Einige äußerten sich so vehement, als hätten sie nur darauf gewartet, Grass als öffentliche Person zu vernichten, sagte Thierse der Zeitung "Die Welt". Seiner Partei, der SPD, könne er nur raten, Grass nun nicht als Aussätzigen zu behandeln. Durch seine Worte zur Mitgliedschaft in der Waffen-SS habe sich an dessen Leben und Werk nichts verändert.

Zeh: Debatte medial aufgebauscht


Die Schriftstellerin Juli Zeh hält die ganze Debatte um Grass für überzogen. Es sei erstaunlich, wie sehr Grass' Bekenntnis, der Waffen-SS angehört zu haben, in den Medien hochgekocht werde. Sie habe den Eindruck, es gehe der Öffentlichkeit vor allem darum, dass sie sich vom langen Schweigen des Literaten verletzt fühle, sagte Zeh im Deutschlandradio Kultur.

Zugleich äußerte sie Verständnis für Grass' Verhalten. Hätte er sich in den 60er Jahren dazu bekannt, wäre er vernichtet worden, ist Zeh überzeugt. Zudem relativiert die Schriftstellerin die Bedeutung Grass' für ihre Generation: Grass sei für ihre Generation keine moralische Instanz. Viele Jüngere wüssten nicht einmal, was Grass' Stellungnahmen zu bestimmten Themen seien.

Auch der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski nimmt Grass in Schutz. Die Vorwürfe, der Nobelpreisträger habe aus kommerziellem Interesse gehandelt, um Werbung für sein neues Buch zu machen, hält er für absurd.

Für den jüdischen Lyriker und Dichter Robert Schindel ist das Geständnis des Nobelpreisträgers keine Überraschung. Grass habe die Begebenheit schon Anfang der 90er Jahre im Beisein mehrerer Schriftstellerkollegen erzählt. Die meisten hätte es damals nicht überrascht, sagte Schindel im Deutschlandfunk.

Polen enttäuscht von Günter Grass


Die Polen sind enttäuscht von Günter Grass. Auf diese knappe Formel bringt die ehemalige Beauftragte der polnischen Regierung für die Beziehungen zu Deutschland, Irena Lipowicz, das Befinden ihrer Landsleute. Die Menschen seien schockiert darüber, dass einer, der schon fast als Danziger akzeptiert wurde, bei der Waffen-SS gewesen sei, sagte sie im Deutschlandfunk. Sie selbst könne zwar verstehen, wie schwer die Last für den Schriftsteller gewogen habe, aber er hätte nicht so lange schweigen dürfen. Lipowicz forderte Grass auf, seine Ehrenbürgerschaft zurückzugeben.

Gestern hatte bereits der frühere polnische Präsident Lech Walesa die Rückgabe der Ehrenbürgerwürde verlangt. Grass hatte die Auszeichnung 1993 erhalten.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:18 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 23:57 Uhr National- und Europahymne

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 23:05 Uhr Fazit

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 22:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

#PiU05Schafft die CDU die Wende?

Puderzucker wird über eine "CDU-Waffel" beim Tag der offenen Tür am 04.07.2015 im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin gestreut. (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

Die CDU hat sich in den zwölf Jahren der Kanzlerschaft von Angela Merkel weiterentwickelt. Im September will sie bei den Wählern mit Humanität und Härte gegenüber geflüchteten Menschen punkten.

Trump-Beraterin über "alternative Fakten"Eine Lüge ist eine Lüge

Kellyanne Conway mt ihrem Boss Donald Trump (picture alliance / dpa / Chris Kleponis)

"Alternative Facts", diese Sprachschöpfung von Trump-Beraterin Kellyanne Conway, birgt Sprengstoff in sich. Wenn eine Regierung, zumal die der letzten Supermacht, Tatsachen nicht mehr anerkennt, dann sei große Gefahr im Verzug, findet unser Kommentator Marco Bertolaso. Er sieht die Medien gefordert, aber auch Bundeskanzlerin Merkel.

BierbrauenEin kühles Blondes vom Mond

Auf lange Sicht könnte es auf unserem Planeten etwas eng werden, wenn sich die Menschheit weiterhin so rasant vermehrt wie in den letzten 100 Jahren. Die Weltbevölkerung wächst pro Tag um rund 230.000 Menschen an. Gut, wenn wir dann in der Lage wären, auf dem Mond Brot zu backen oder frisches Bier zu brauen.

Trump und die deutsche WirtschaftMichael Fuchs (CDU): "Trump wird die Zusammenarbeit nicht abschaffen"

Der stellvertretende Unions-Fraktionschef Michael Fuchs (dpa / picture alliance / Michael Kappeler )

Der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs geht davon aus, dass die Handelsbeziehungen zu den USA fortbestehen werden. Er glaube nicht, dass Präsident Trump hohe Zölle auf deutsche Einfuhren verhängen werde, sagte der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Deutschlandfunk: "Am Ende des Tages wird Vernunft einkehren."

Beginn der Ära TrumpMit Shakespeare gegen Trump

William Shakespeare als Wachsfigur (picture alliance / dpa / Foto: Jens Kalaene)

Wir reiben uns noch immer die Augen! Der neue König hat den Thron bestiegen. Seine Kumpane und seine Familie sind in Position gebracht, die Rivalen liegen im Staub. Wie kann man das begreifen? Vielleicht mit Shakespeare?

Trump und die Medien"Es ist klar, dass sie Unwahrheiten gesagt haben"

US-Präsident Donald Trump während einer Rede im CIA-Hauptquartier (imago / Olivier Douliery)

"Damit kommen wir klar", sagte der Präsident der Korrespondenten-Vereinigung im Weißen Haus, Jeff Mason, mit Blick auf den neuen US-Präsidenten Donald Trump und dessen Umgang mit der Presse. Aufgabe der Journalisten sei es, sich weiter an die Fakten zu halten. Auch wenn Trump und sein Team das selbst nicht immer täten.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Afghanistan  Proteste in Frankfurt gegen Abschiebungen | mehr

Kulturnachrichten

Deutscher Bühnenverein wählt neuen Präsidenten  | mehr

Wissensnachrichten

Invasive Arten  Leipziger Zoo verfüttert seine Hirsche an Raubtiere | mehr