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Gratwanderung der Medien

Serie zum "Deutschen Herbst", Teil 3

Von Brigitte Froesick

Das Fahndungsbild vom Oktober 1993 zeigt Personen, die der Mitgliedschaft in der RAF verdächtigt und gesucht wurden. (AP Archiv)
Das Fahndungsbild vom Oktober 1993 zeigt Personen, die der Mitgliedschaft in der RAF verdächtigt und gesucht wurden. (AP Archiv)

Die Rolle der Medien im "Deutschen Herbst" wird häufig in engem Zusammenhang gesehen mit der Berichterstattung über die 68er-Proteste der Studentenbewegung. Haben deutsche Zeitungen zur Radikalisierung der Terroristen beigetragen? Die Frage ruft Kontroversen hervor.

Noch gut erinnert sich Robert Leicht, heute politischer Korrespondent der "Zeit", an den Herbst 1977. Damals war er innenpolitischer Redakteur bei der "Süddeutschen Zeitung". Das wichtigste Ereignis jener sechs Wochen ist für ihn bis heute der 18. Oktober.

"Der Nachtdienst in der Nacht von Mogadischu. Ich sehe noch, wie der Ticker das anläuft. Erst kam da so ein kurzes Klingelgeräusch, dann tak, tak, tak, dann Eil und plötzlich alle! Also, wir hätten doch damit gerechnet, dass da 10, 20 - will man gar nicht beziffern.. Das war schon ein Ereignis, das einen schon sehr aufgewühlt hat und dem man nicht einfach distanziert gegenüberstand."

"0.38 Uhr. Hier ist der Deutschlandfunk mit einer wichtigen Nachricht: Die von Terroristen in einer Lufthansa-Boeing entführten 86 Geiseln sind alle glücklich befreit worden."

Genauso wie Robert Leicht erging es auch seinem Kollegen Michael Spreng, damals Leiter des Bonner Büros von "Bild" und "Bild am Sonntag".

"Ja, die prägnanteste Erinnerung war die Pressekonferenz von Klaus Bölling nach der erfolgreichen Erstürmung der Landshut in Mogadischu. Also, da krieg ich heute noch Gänsehaut. Weil: Das war ein unheimlich emotionaler Moment, und auch selbst hart gesottene Journalisten haben geklatscht und hatten Tränen in den Augen."

Es war Regierungssprecher Klaus Bölling, der zuständig war für den Kontakt zwischen Politik und Presse. Kurz nach der Entführung Hanns-Martin Schleyers hatte er sich in der Bundespressekonferenz mit folgenden Worten an die Journalisten gewandt:

"Ich kann verstehen, dass hier und dort jetzt theoretisiert und spekuliert wird, dass alle möglichen Hypothesen auch aus der Sorge um Hanns Martin Schleyer angestellt werden, aber es gibt nicht einmal im Ansatz eine Entscheidung."

Wohl kein Journalist - auch nicht Robert Leicht - schenkte Böllings Worten Glauben. Und fast alle Journalisten hielten sich an die Nachrichtensperre oder eine Art Selbstdisziplinierung.

"Jeder wusste, wer hier indiskretioniert oder versucht. Indiskretionen zu erlangen, gefährdet im Grunde Leben. Es war kein Bündnis zwischen der Politik und der Presse, sondern die Politik hatte das Staatswohl im Auge, und die Presse hatte es auf ihre Weise ihrerseits im Auge. Und jeder wusste, es ist eine todernste Angelegenheit. Mit der spielt man nicht! An der profitiert man auch nicht!"

Einige der Journalisten waren sogar in eine der Verzögerungstaktiken eingespannt, wie sich Michael Spreng erinnert.

"Ja, das ist damals sogar so weit gegangen, dass wir am 17. September 1977 die Schlagzeile hatten bei der 'Bild'-Zeitung: 'Schleyer - Bonn bereitet Austausch vor'. Und dies ist ja, wie man weiß, eine Falschmeldung gewesen, denn Helmut Schmidt hatte nie vor auszutauschen. Und das war eine Falschmeldung in Absprache mit dem Krisenstab."

Heute - aus dem Abstand von 30 Jahren zurückblickend - erfüllt ihn dieses Vorgehen mit durchaus zwiespältigen Gefühlen. Doch die eigentliche Kritik an "Bild" war eine andere. Vor allem linke Intellektuelle warfen und werfen ihr vor, dass sie eine regelrechte Hetze betrieben habe.

"Ho Chi Minh! Ho Chi Minh!"

Die Rolle der Medien im "Deutschen Herbst" - von vielen wird sie in engem Zusammenhang gesehen mit der Berichterstattung über die 68er-Proteste. Gerd Koehnen, ehemals Mitglied des SDS, des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, und Redakteur des Frankfurter Stadtmagazins "PflasterStrand", hält auch heute noch der Boulevardpresse ihre einstigen Kampagnen vor.

"'77 waren alle schon in einem Hypererregungszustand. Das fing viel früher an. Die Hauptverantwortung würde ich sagen auch der 'Bild'-Zeitung beispielsweise - fängt eigentlich '67 an. Die Springer-Presse redete schon '67 von den rot lackierten FU-SA-Leuten. Diese ganze aufgeputschte Agitation gegen diese Studentenbewegung hatte etwas sehr Aufgedrehtes. Davon lebten wiederum die radikalsten Segmente dieser Bewegung."

Eine Auswahl der "Bild"-Schlagzeilen aus jenen Wochen:
"7.September: Baader lächelte, als man ihm das Radio wegnahm"

"8. September: Längst Wirklichkeit: Nordirland in Deutschland"

"12. September: Die Blutspur macht Blinde sehend - auch Heinrich Böll?"

"17.Oktober: Panik im Geisel-Jet - Totenblass der Kanzler - Frau Schleyer weint - Baader tobt vor Wut - Armer Schleyer - Terroristen schlagen die Geiseln"

"18. Oktober: Das muss die Stunde der Einsicht sein! Wer jetzt noch die Motive der Terroristen mit Nachsicht oder Sympathie 'erforscht', hat seine Ehre verloren"
War die Springerpresse also mit verantwortlich für die Radikalisierung eines Teils der Studentenbewegung und für eine Polarisierung der Gesellschaft? Für Michael Spreng ist dieser Zusammenhang völlig unzulässig.

"Die Studentenrevolte war das Aufbegehren einer Generation. Daran habe ich - ich habe 1968 in Frankfurt Abitur gemacht - teilweise teilgenommen und ist damals von der Springer-Presse tatsächlich dämonisiert worden. Das Verhalten der 'Bild'-Zeitung damals ist nach wie vor unverantwortlich. Aber im Jahre 1977 sprechen wir von einer Bande von Verbrechern, einer Bande von Mördern."

Auch Robert Leicht weist es von sich, dass ein Teil der Presse zur Radikalisierung der Studentenbewegung und zur Entwicklung des Terrorismus beigetragen haben soll. Damit nähme man die Medien viel zu wichtig. Sein Fazit über ihre Rolle im Herbst '77:

"Nehmen wir mal die üblichen Verdächtigen heraus, die also eher unter dem Gesichtspunkt Massenpresse rangieren, dann hat die Qualitätspresse mit Schwankungen, glaube ich, sich vernünftig verhalten."


Übersicht zur Serie "30 Jahre Deutscher Herbst"



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Vergessene Opfer
Die Anfänge der RAF

 

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:24 Uhr

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