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Günter Grass verteidigt umstrittenes Gedicht

Vorwurf des Antisemitismus sei verletzend

Schrifsteller Günter Grass (84) (picture alliance / dpa/  Uwe Zucchi)
Schrifsteller Günter Grass (84) (picture alliance / dpa/ Uwe Zucchi)

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat sein umstrittenes Gedicht über den Weltfrieden im NDR verteidigt. Die Kritik sei für ihn verletzend, insbesondere weil ihm Antisemitismus vorgeworfen werde. Unterdessen hält die Kritik an seinem Werk an. Auch Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu meldete sich zu Wort.

Das kommt nicht häufig vor: Deutschland interpretiert ein Gedicht - und es bewegt die Gemüter. Das neunstrophige Werk trägt den Titel "Was gesagt werden muss" und stammt aus der spitzen Feder von Literaturnobelpreisträger Günter Grass. Nun hat sich der Autor gegen die Kritik verteidigt. "Der Tenor durchgehend ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einzulassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt", sagte der 84-Jährige dem Norddeutschen Rundfunk (NDR).

"Es werden alte Klischees bemüht. Und es ist zum Teil ja auch verletzend. Es wird sofort, was ja auch zu vermuten war, mit dem Begriff Antisemitismus gearbeitet", so Grass. "Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht und eine Weigerung, auf den Inhalt, die Fragestellungen, die ich hier anführe, überhaupt einzugehen."

In einem Interview mit dem Magazin "Kulturzeit" des Fernsehsenders 3sat wies Grass die Kritik an seiner Person als überzogen zurück. Widerrufen werde er seine Aussagen auf keinen Fall, allerdings räumte der Schriftsteller ein, dass es ein Fehler war, pauschal "Israel" zu kritisieren. Passender wäre die "derzeitige Regierung". Grundsätzlich gelte aber: "Mit kritikloser Hinnahme hilft man Israel nicht. Das ist Nibelungentreue und wir wissen, wohin die führt." Die Lieferung eines sechsten U-Boots an Israel durch Deutschland, der Auslöser seiner Publikation, sei nun einmal "eine falsche Form der Wiedergutmachung".

Netanjahu kritisiert Grass scharf

Mit harten Worten war Grass in seinem Gedicht mit sich, dem Weltfrieden und Israel ins Gericht gegangen: "Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?" Grass kritisierte deutsche Rüstungsexporte nach Israel - "wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert". Er warnte vor einem Atomwaffenangriff auf den Iran.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu kritisierte Grass scharf: "60 Jahre lang hat Herr Grass seine Vergangenheit als Mitglied der Waffen-SS verschwiegen", erklärte er. "Daher überrascht es nicht, dass er den einzigen jüdischen Staat auf der Welt als größte Bedrohung für den Weltfrieden ansieht und ihm sein Recht auf Selbstverteidigung abspricht." Anständige Leute auf der ganzen Welt sollten diese ignoranten und verwerflichen Aussagen verurteilen.

Hitler-Vergleich und Antisemitismus-Vorwürfe

Das Gedicht "Was gesagt werden muss" druckte die Süddeutsche Zeitung am 4.4. ab (dpa / Stephan Jansen)Das Gedicht "Was gesagt werden muss" druckte die Süddeutsche Zeitung am 4.4. ab (dpa / Stephan Jansen)Am Morgen hatten die deutschen Zeitungen Grass auf die Titelseiten gehoben: "Empörung über Grass" titelt die "Süddeutsche Zeitung", "Egozentrisch und pathetisch" die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ). "Dichter im Abseits" heißt es bei Spiegel Online. "Überlaut und anfechtbar", so kommentiert Sigried Wesener im Deutschlandradio Kultur.

Publizisten, Politiker und jüdische Organisationen werfen dem Schriftsteller vor, Fakten und Verhältnisse im Nahen Osten zu verdrehen. Der US-Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel ist erzürnt. "Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt und hat sein Haupt erhoben?", schreibt der Friedensnobelpreisträger in einem Gastkommentar in der israelischen Zeitung "Jediot Achronot". Der Iran werde von einem grausamen Diktator beherrscht, der wiederholt die Absicht bekundet habe, Israel zu zerstören. "Wie kann Grass denn da entscheiden, dass Israel den Weltfrieden bedroht und nicht der Iran?"

Der Zentralrat der Juden in Deutschland sieht in dem Gedicht "ein aggressives Pamphlet der Agitation". Michael Wulinger von der Wochenzeitung "Jüdische Allgemeine" sagte im Deutschlandradio Kultur: "Meine erste Assoziation (…) war, dass das nun wirklich eine uralte antisemitische Trope ist, die man zuletzt beispielsweise von Adolf Hitler 1939 im Reichstag gehört hat, als er sagte 'Und wenn das internationale Judentum die Völker der Welt wieder in einen Krieg stürzt, dann wird das Ende die Vernichtung der jüdischen Rasse sein’."

Grass sei ein "Prototyp des gepflegten Antisemiten", sagte der Autor Henryk M. Broder in der Zeitung "Die Welt". In dem Gedicht stehe "so ziemlich jedes antisemitische Klischee drin, das man aus der rechtsextremen Ecke kennt", sagte der deutsch-jüdische Historiker Michael Wolffsohn Spiegel Online. Der israelische Historiker Tom Segev erwiderte im Deutschlandradio Kultur: "Er ist kein Antisemit, er ist nicht anti-israelisch".

"Warum aber schwieg ich bislang?"

Günter Grass mit seinem Markenzeichen, der Pfeife (dpa / Maurizio Gambarini)Günter Grass mit seinem Markenzeichen, der Pfeife (dpa / Maurizio Gambarini)Grass hatte sich erst 2006 dazu bekannt, als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs der Waffen-SS beigetreten zu sein. "Warum aber schwieg ich bislang?", stellt Grass im Gedicht dem Lesen anheim. Seine Antwort: "Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten".

FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher interpretiert in dem Gedicht, Grass wolle nur seinen Frieden mit der eigenen Biographie machen. "Es empfiehlt sich, Gedichte von Günter Grass erst mit den Augen und dann mit dem Schraubenzieher zu lesen. Sie ähneln Ikea-Regalen. Auf dem Papier sieht alles ganz einfach aus, aber wenn man das fertige Werk erst einmal auseinandergenommen hat, kriegt man es einfach nicht mehr zusammen. (...) Ein Gedicht ist ein Gedicht, weil es niemals sagt, was Sache ist." Grass würde es sicher gerne sehen, dass nun eine Debatte entsteht, ob man als Deutscher Israel kritisieren dürfe

Der Tagesspiegel schreibt in einem Kommentar: "Wenn Grass glaubt, dass er eine Art literarischer Regierungschef ist, dann irrt er. Wenn er glaubt, dass er ein Großintellektueller ist, dann irrt er zweimal. Warum? Weil er nicht argumentiert, nicht disputiert, sondern sich bloß exponiert." Mehr Stimmen in der Presseschau.

Autoren stehen Grass bei

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, hat Grass in Schutz genommen. "Das ist Grass, wie wir ihn kennen, scharf, kritisch, aber ich glaube, in einem freien Land wie Deutschland muss doch auch unter Freunden eine Kritik, auch wenn sie scharf ist, möglich sein, ohne reflexhaft jetzt als Antisemit verdächtigt zu werden", sagte Staeck im Deutschlandradio Kultur. Schriftsteller sollten sich häufiger einmischen - vor allem politisch. "Die Angriffe, die jetzt der Günter Grass auszuhalten hat, die sprechen natürlich auch eine Sprache, nach dem Motto: Misch dich nicht ein, wenn du das tust, dann kriegst du schon eine übergebraten."

Der Präsident des deutschen PEN-Zentrums, Johano Strasser, meinte im Deutschlandradio Kultur, die politische Aussage des Gedichtes sei völlig legitim. Den Vorwurf des Antisemitismus nannte er absurd. Grass warne vor Waffenexporten an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich.

"Ein Gedicht, kein politischer Beitrag"

Jerzy Montag, Obmann im Visa-Untersuchungsausschuss (Bündnis 90/Die Grünen) (Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen)Jerzy Montag (Grüne), Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe (Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen)Der Grünen-Abgeordnete Jerzy Montag, der der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe vorsitzt, versteht die ganze Aufregung überhaupt nicht. "Das ist ein Gedicht und kein politischer Beitrag", sagt Montag. "Bei Günter Grass handelt es eben um einen Schriftsteller, und mit dem muss man sich nicht streiten."

Der aus dem Iran emigrierte Bundestagsabgeordnete Omid Nouripour (Grüne) sagt im Deutschlandradio Kultur, Grass sei in eine "Populismusfalle hineingetappt". "Ich glaube nicht, dass es dem Sozialdemokraten Günter Grass gefallen kann, wenn Nazis ihm nun applaudieren."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) weilt bereits im Osterurlaub und äußerte sich nicht. Sie hat ein eher kühles Verhältnis zu dem Starautoren. "Als politisch engagierter Streiter und Mahner hat sich Günter Grass stets sehr vernehmbar auch auf dem Feld der Politik eingebracht", sagte Merkel anlässlich seines 80. Geburtstags.

Auch die Ostermärsche befassen sich mit Grass' Thema. Bevor Grass' Gedicht in "Süddeutscher Zeitung" und "La Repubblica" veröffentlicht wurden (die "New York Times" hat es doch nicht gedruckt), hatten die Initiatoren der alljährlichen Ostermärsche bereits ihre Themen festgestellt: Sie gehen für den Stop aller Rüstungsexporte, die Abschaffung von Atomwaffen und die Verschrottung aller Atomanlagen auf die Straße. In den vergangenen Jahren folgten zehntausende Menschen dem Aufruf.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr

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