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Heimliche Vaterschaftstests

Zweifelnde Väter treibt oft Angst und Unsicherheit

Von Dorothea Jung

Erst eine DNA-Analyse bringt Sicherheit.  (AP)
Erst eine DNA-Analyse bringt Sicherheit. (AP)

Das Bundesverfassungsgericht spricht ein Urteil, das die Frage klären soll, ob ein heimlich durchgeführter Vaterschaftstest vor Gericht verwertet werden darf. Im Hintergrund des Themas schlummern die Urängste vieler Männer, ob sie wirklich Vater ihres Kindes sind. Talkshows und Genlabore verstehen es, daraus Kapital zu schlagen.

"Lebenslüge - Du hast mir ein Kind untergejubelt."

Talk am Montag mit Oliver Geissen im Privatsender RTL.

"Und die beiden sind hier, weil sie nicht genau wissen, ob Mandy nun mit Stefan oder mit ihrem Exfreund ein Kind gezeugt hat. Wollen wir uns das Testergebnis mal kommen lassen? "

Ist das wirklich mein Kind? Bin ich hintergangen worden? Dass sich solche sehr persönlichen Fragen zu quotenträchtigen Themen trivialisieren lassen, kann man seit Jahren im privaten Fernsehen beobachten. Wem es gefällt, der lässt sich den Vaterschaftstest vom Sender bezahlen - und lüftet in der anschließenden Talkshow seine intimsten Geheimnisse vor einem Millionenpublikum. Kostenlose Werbung für die Branche der Gen-Diagnostiker

Im Internet bieten sie 100fach ihre Dienste an.

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Szenenwechsel. Im Institut für medizinische Molekulardiagnostik in Berlin. Geschäftsführer Richard Grosses setzt bei Erbgutanalysen nicht auf Schnäppchenpreise, sondern auf Sorgfalt. Die gebe es nicht zum Nulltarif, erklärt der Professor für Molekularbiologie. In seinem Labor werden Erbgutachten nur angefertigt, wenn beide Elternteile ihre Zustimmung geben.

Für den Test isolieren die Mediziner aus den eingesandten Proben zunächst die Zellkerne mit Hilfe von Chemikalien und einer Zentrifuge. Anschließend wird der Chromosomensatz herausgelöst und vervielfältigt. Richard Grosse deutet auf einen Bildschirm mit kleinen gestreiften Farbbalken

"Und dann schauen wir uns die roten, blauen und grünen an vom Vater, Mutter, vom Kind, und dann muss das Kind sowohl rote vom Vater haben, blaue von der Mutter, und so wird das genau verglichen. Und wenn alles mehr oder weniger identisch ist, kann man dann ein Resultat, also ein Gutachten, wie wir es nennen, ein Vaterschaftsgutachten erstellen. "

Nach Schätzungen von Humangenetikern werden in der Bundesrepublik jährlich etwa 30.000 Vaterschaftstestsdurchgeführt. Wie viele davon heimlich abgewickelt werden, darüber lässt sich nur spekulieren. Bei Laboren, die sich keinen wissenschaftlichen Qualitätsrichtlinien unterwerfen, dürften es Richard Grosse zufolge mehr sein als bei seriösen Analyse-Instituten

"Es ist problematisch, dass es Anbieter gibt im Internet zunehmend, die sich den Richtlinien der Bundesärztekammer und der humangenetischen Verbände entziehen, da sie selber diesen Verbänden nicht angehören, sie sind keine Ärzte. Das können also Diplomarchitekten, Ingenieure, Biotechnologen, Biologen sein, die hier sicher 'ne Gesetzeslücke nutzen, um ihr methodisches Wissen am Beispiel der Gentests zu vermarkten. "

Nach Meinung des Molekularbiologen gehören gendiagnostische Abstammungsanalysen ausschließlich in die Verantwortung von Medizinern, weil nur Ärzte der Schweigepflicht unterliegen.

"Sobald Sie DNS-Proben von Familien sammeln, haben Sie den Zugang zu familiär gehäuften Erkrankungen. Das kann Asthma, das kann Allergien, das kann Krebs sein. Sie können daraus eine Datenbank errichten und können im schlimmsten Fall die Daten natürlich weiter geben an Versicherungen, oder an beliebige Dritte, alles Dinge, die ein niedergelassener Arzt aufgrund des Berufsrechts nicht machen wird. "

Weil die Gene nahezu alle Informationen über die körperlichen Veranlagungen eines Kindes enthalten, setzt sich der Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit sogar für ein Verbot heimlicher Gentests ein. Nach Auffassung von Peter Schaar müssen genetische Informationen strenger geschützt werden als das Interesse eines Vaters, sich Gewissheit über die Vaterschaft zu verschaffen.

"Ich denke, dass generell jegliche Analyse von genetischem Material nur mit Zustimmung des Betroffenen oder gegebenenfalls auch auf gesetzlicher Grundlage gegen seinen Willen vorgenommen werden kann; nicht aber praktisch hinter seinem Rücken ; denn wenn man eine solche Praxis legalisieren würde, dann würde das eigentlich auch dem Missbrauch Tür und Tor öffnen. "

Ganz anders sehen das die zweifelnden Väter. Wer persönlich betroffen ist, findet Fragen wie Datensicherheit absolut zweitrangig. Klaus B. zum Beispiel hat sich keine Minute lang darüber Gedanken gemacht, dass ein Labor mit seinem Genmaterial Schindluder treiben könnte, als er vor zwei Jahren heimlich einen Vaterschaftstest in Auftrag gab. Dafür sei seine persönliche Situation damals zu sehr von Ängsten und Unsicherheiten beherrscht gewesen, sagt der 44jährige.

"Meine Frau hat sich von mir getrennt, und ich habe nie daran gezweifelt, dass der Junge von mir sein könnte, bis nach einiger Zeit eine gemeinsame Freundin anrief und mich darauf aufmerksam machte: 'Deine Frau ist lange Zeit fremd gegangen'. Und es zeichnete sich damals schon ab, dass es eine ganz harte Auseinandersetzung um das Kind geben würde. Und dann hab ich mir überlegt: 'Mensch! Wenn 's gar nicht dein Junge ist, dann wär das jetzt zwar fürchterlich, aber dann würde ich nicht um das Kind kämpfen'. mir ging 's nur darum: Ist es mein Kind oder nicht mein Kind."

Für ein so genanntes Kuckuckskind wollte Klaus B. keinen Prozess vor dem Familiengericht führen - um Umgangs- und Sorgerecht, um Unterhaltszahlungen und um all die Dinge, mit denen sich Paare verletzen, wenn sie bereits alle Arten von Kränkungen durchgespielt haben. Klaus B. hat seine Ex-Frau nicht um ihr Einverständnis gebeten, als er seinem Kind Speichelproben entnommen hat. Die Adresse des Genlabors fand er im Internet. Der Tag, an dem die Post mit dem Ergebnis kam, ist Klaus B. noch heute gut im Gedächtnis.

"Ich war nervös; ich hatte nen bisschen Angst davor, den Brief aufzumachen. Ich hab ihn aufgemacht, und hab mich riesig gefreut - ich war froh und überglücklich, es war schriftlich bestätigt durch den Test: Mein Sohn ist mein Sohn!"

Wenn man den Webseiten engagierter Väter-Vereinigungen Glauben schenken darf, sind fast 90 Prozent der Bundesbürger dafür, heimliche Vaterschaftstest zu erlauben. Verhindern jedenfalls, da sind sich auch die Humangenetiker sicher, kann man heimliche Vaterschaftstests nicht. Denn der Konflikt dahinter sei so alt wie die Menschheit.



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:21 Uhr

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