Radiomenschen /

 

Henry Bernhard

"Wenn mein Opa das wüsste!"

Henry Bernhard lächelt in einem Porträtfoto direkt in die Kamera. Er trägt ein dunkles Sakko zu einem weißen Hemd. (Deutschlandradio)
Henry Bernhard (Deutschlandradio)

Die ersten Erinnerungen an den Deutschlandfunk sind schrecklich: Mein Opa hörte grundsätzlich nur DLF und Deutsche Welle. Allerdings auf einem kleinen Kofferradio, über Mittelwelle oder Kurzwelle. Alte Männer, die ernste Texte verlasen, das Ganze verrauscht und von hässlichen Störungen durchzogen. Das war nichts für einen Teenager, der lieber Popwellen lauschte, um Musik aufzunehmen.

Henry Bernhard ist für das Deutschlandradio freier Korrespondent in Thüringen 

Wie kann man so etwas nur freiwillig hören, dachte ich mir.

Nur ein paar Jahre später, mit 20, landete ich eher zufällig beim Radio. In den Wirren der politischen Umwälzung in der DDR waren in Weimar neue, eigenständige Galerien entstanden. Ich drängte einen Freund, der beim Radio arbeitete, doch zu berichten. Warum auch immer: Keiner hatte dort Zeit, sich um die Galerien zu kümmern. "Mach's doch selber!", brummelte der Freund. Also machte ich mich auf den Weg, schaute mich in den Galerien um, stellte Fragen. Dann schrieb ich einen Text. Drei Minuten, kein O-Ton. Ich ging ins Studio und sprach meinen Text.

Als ich das Ergebnis hörte, schwor ich mir: nie wieder!

Ich muss es dann doch wieder versucht haben: Die Arbeit war aufregend, die Zeiten waren es ohnehin, außerdem gab es 60 DDR-Mark Honorar pro Beitrag! Nicht schlecht für einen Studenten. Also weiter Radio, nun natürlich mit Aufnahmegerät für die Interviews, die man dann auf großen Tonbandmaschinen zurechtschnitt. So ging es weiter, über Jahre: In der Woche wurde studiert, am Wochenende und in den Semesterferien für den Sender gearbeitet, der bald MDR hieß. Nichts in der Welt, was man nicht in drei Minuten erzählen konnte ...

Wieder ein Zufall ließ mich einem Redakteur in die Hände laufen, der Feature machte. Ich wusste nicht, was das ist, wurde aber fast von einem Tag auf den anderen Feature-Autor. Weil es diesen Redakteur gab, der an mich glaubte und mir alles Handwerk beibrachte, was ich brauchte. Und dann hieß es für 20 Jahre: Nichts in der Welt, was man nicht in 60 Minuten erzählen konnte ...

Keine ARD-Anstalt, für die ich nicht einmal gearbeitet hätte, irgendwann auch für die Deutsche Welle, Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk. Waren das nicht diese Sender, in denen alte Männer ernste Texte vorlasen? Entweder haben sich die Sender geändert oder der Empfang über UKW ist einfach besser, als das verrauschte Mittelwellen-Signal. Oder sollte ich mich geändert haben?

Und wieder trat der Zufall auf in Person eines Freundes, der mir sagte, dass da in Thüringen eine Korrespondentenstelle frei sei. Deutschlandradio Kultur, Deutschlandfunk und DRadio Wissen den ganzen Tag? Alle Themen, alle Formate, von einer Minute bis zur ganzen Stunde? Für die Programme, die ich ohnehin immer höre? Wenn das mein Opa wüsste!

Henry Bernhard

 

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