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Holzmoskau und andere Migrantengeschichten

Ein "Gedächtnisbus" sammelt Lebenserzählungen

Von Ludger Fittkau

Der "Gedächtnisbus" sammelt Migrantengeschichten (Das Gedächtnis der Nation e.V.)
Der "Gedächtnisbus" sammelt Migrantengeschichten (Das Gedächtnis der Nation e.V.)

"Erzählen Sie uns ihre Geschichte". So ist es groß auf einem Lastwagen zu lesen, der durch das Land reist. Innen befindet sich ein Videostudio. Eingeladen sind vor allem Migranten, vor der Kamera Geschichten aus ihrer alten und neuen Heimat zu erzählen.

"Ich komme aus Moskau und habe dort in dieser Zeit gelebt, als Deutschland und Russland nicht so große Freunde waren. In dieser Zeit habe ich dort gelebt."

Irina Kremer muss kurz Luft holen, nachdem sie die steile Metalltreppe in den Lastwagen hinaufgeklettert ist. Die schmale Frau Mitte 60 stammt aus Moskau, lebt aber seit mehr als 30 Jahren in Mainz. Irina Kremer hat einen deutschen Mann geheiratet, den sie in Moskau kennenlernte, weil er dort an einem Flughafenbau beteiligt war. Sie ging mit ihm nach Mainz und bekam zunächst einen Job in einer Gastronomieküche. Heute betreibt sie stolz eine eigene Bar am Rhein. Moskau gefällt ihr nicht mehr so recht:

"Ich fahre öfter nach Moskau, habe da die ganzen Verwandten, bin hier nur mit meinen Kindern. Diese neue Architektur hat ihren Charme verloren, das alte Moskau. Ich habe noch erlebt als kleines Kind das 'Holzmoskau'. Wir selber hatten mal ein Haus aus Holz in der Mitte von Moskau gehabt. Gut, das war auch nicht das Gelbe vom Ei, aber gemütlicher, die Menschen waren freundlicher, haben jedem geholfen. Und jetzt, ich möchte nicht sagen, dass vom Westen alles gekommen ist, diese Kälte, aber: Diese Kälte, die erfasst das ganze russische Volk."

Vladimir Majdanzic sorgt dafür, dass Irina Kremer mit ihren Geschichten vom "Holzmoskau" im fahrenden Videostudio gut ins Bild gesetzt wird – denn er ist für Bildregie, Kamera und Ton zuständig. 15 Mainzer Migranten hat er in dieser Woche bis zu einer Stunde lang aufgezeichnet – in einigen Monaten werden die Videos auf der Homepage des Vereins "Gedächtnis der Nation" ins Internet gestellt. Die Fragen bereitete Simone Gebel vor, Redakteurin des Vereins:

"Es waren Flüchtlinge dabei, also Asylsuchende. Dann aber auch eine Wolgadeutsche, also Spätaussiedler. Menschen, die zum Studieren hier hergekommen sind oder der Liebe wegen."

Es sind manchmal sehr bewegende Migrationsgeschichten, die im Gedächtnisbus aufgezeichnet werden, findet Vladimir Majdanzic. Auch von Asylsuchenden:

"Zum Beispiel ein junger Iraner, der – ich weiß nicht, wie oft – abgelehnt wurde, sein Asylantrag. Er hat jetzt letztendlich doch ein Bleiberecht hier. Ja, und mit welcher Geduld er davon erzählt hat und das er doch nicht verzweifelt ist, wo er doch immer am Rande der Verzweiflung war. Und das auch so für andere gesagt hat: Immer dran glauben und Geduld haben. Und er hat auch immer noch den Glauben an diese Gesellschaft hier. Er hat erzählt, das ist jetzt seine Heimat, obwohl er es richtig schwer hatte hier."

Das fahrende Videostudio ist gerade für ältere Migranten eine Chance, ihre Geschichte zu erzählen, auch wenn sie manchmal kaum Lesen und Schreiben können. Das Internet-Videoarchiv des Gedächtnis-Busses spreche sich in der ersten sogenannten Gastarbeiter-Generation langsam herum, stellt Vladimir Majdanzic fest. Der Bus ist jetzt zum zweiten Mal für mehrere Wochen auf Tour:

"Wir hatten gestern einen älteren türkischen Mann, der jetzt auch in Rente ist. Es war offensichtlich, dass er auch kaum Lesen und Schreiben kann, hat er auch erzählt. Er war sein Leben lang Arbeiter, einfacher Arbeiter. Und als wir ihm davon erzählt haben, hat er gesagt: Ja, er wusste es. Bei der letzten Tour war ein türkischer Bekannter von ihm da und so ist er auch so reingerutscht. Wir waren da ganz erstaunt. Normalerweise sagen ältere Leute: Ach, Internet, da habe ich jetzt nicht so viel mit am Hut, aber es spricht sich rum, glaube ich."

Dafür sorgen auch einige Prominente, die extra in den Gedächtnisbus eingeladen werden. In Mainz etwa Sami Allagui, Fußballprofi des FSV Mainz 05 mit tunesischen Wurzeln. Oliver Roscher ist einer der Begleiter des Gedächtnisbusses. Er organisiert die Gespräche mit den Sportlern, die einen Migrationshintergrund haben. Wie Sami Allagui:

"Das sind natürlich im Speziellen Spieler, die in jungen Jahren nach Deutschland gekommen sind und hier groß geworden sind. Also nicht ein Spieler, von dem man weiß, der wird jetzt in zwei Jahren weiterziehen. Sami Allagui ist zum Beispiel in Düsseldorf geboren, fühlt sich auch als Deutscher, wie er gesagt hat, eine ganz interessante Geschichte."

"Erzählen Sie uns Ihre Geschichte!" – nach dem Tourstart in Mainz lädt dazu der Gedächtnisbus in der nächsten Woche auf dem Walter von Cronberg -Platz in Frankfurt am Main ein. Danach fährt der Bus nach Offenbach, Wiesbaden und Darmstadt.

www.gedaechtnis-der-nation.de



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr

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