Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

Homo-Ehe: Streit um die Gleichstellung

Status von gleichgeschlechtlichen Paaren in Europa

Frankreichs erstes schwules Ehepaar gab sich 2004 in Bègles bei Bordeaux das Ja-Wort.
Frankreichs erstes schwules Ehepaar gab sich 2004 in Bègles bei Bordeaux das Ja-Wort. (dpa /picture alliance / epa Sipa Facelly)

Wenn es darum geht, ob schwule oder lesbische Paare Kinder adoptieren dürfen, gehen die Meinungen europaweit ziemlich auseinander. Als erstes Land der Welt führten die Niederlande im Jahr 2001 die gleichgeschlechtliche Ehe ein. Ein Überblick

In Deutschland wurde die gleichgeschlechtliche Ehe bislang zwar viel diskutiert, aber nie eingeführt. Seit 2001 gibt es für homosexuelle Paare die Möglichkeit einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Diese sichert ihnen ähnliche Rechte wie Heterosexuellen - zum Beispiel die Option auf einen gemeinsamen Namen oder bestimmte Versorgungsregelungen bei Trennung oder Tod. Im Steuerrecht ist allerdings bisher keine komplette Gleichstellung erreicht. Auch eine Adoption ist nur im Ausnahmefall möglich: So kann der eine Partner leibliche Kinder des anderen adoptieren. In anderen Fällen besteht diese Option bislang nicht.

Die Niederlande führten 2001 als erstes Land der Welt die gleichgeschlechtliche Ehe ein. Schwule und lesbische Paare erhalten durch die Heirat dieselben Rechte und Pflichten wie heterosexuelle Paare. Dazu gehört auch die Adoption. Zunächst schloss das Gesetz die Adoption ausländischer Kinder aus - aus Angst, dass andere Länder generell die Adoption von Kindern in die Niederlande verbieten würden. Dies bestätigte sich jedoch nicht. Seit 2008 ist homosexuellen Paaren auch die Adoption ausländischer Kinder erlaubt.

Ringe eines homosexuellen PaaresRinge eines homosexuellen Paares (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)Spanien zog 2005 nach und war damit weltweit immer noch eines der ersten Länder, das die gleichgeschlechtliche Ehe nicht nur legalisierte, sondern gleichgeschlechtlichen Ehepaaren auch die Adoption von Kindern erlaubte. Die damalige sozialistische Regierung von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero setzte die Reform gegen den erbitterten Widerstand der katholischen Kirche und der Konservativen durch. Die Volkspartei des heutigen Regierungschefs Mariano Rajoy legte eine Verfassungsklage ein. Die Klage wurde im November 2012 vom Verfassungsgericht zurückgewiesen. Bis Ende 2011 wurden in Spanien nach Angaben des Statistik-Instituts 22.000 gleichgeschlechtliche Ehen geschlossen. Man schätzt, dass es bis heute 25.000 bis 30.000 sein dürften.

In Großbritannien, wo es seit 2005 die eingetragene Lebenspartnerschaft ("civil partnership") gibt, sollen Homosexuelle künftig formell heiraten und den Bund der Ehe sogar mit kirchlichem Segen eingehen können. Das britische Unterhaus stimmte jüngst für den von der Regierung eingebrachten Gesetzentwurf. Schon jetzt werden gleichgeschlechtliche Partnerschaften von einem Standesbeamten geschlossen. Paare müssen ein Aufgebot bestellen und 15 Tage auf die Zeremonie warten. Die zivile Partnerschaft ist der heterosexuellen Zivilehe praktisch gleichgestellt, auch in Sachen Steuerrecht, Unterhaltsrecht und Zeugnisverweigerungsrecht. Sowohl die Stiefkind-Adoption, bei der ein Lebensgefährte ein Kind seines Partners aus einer früheren Beziehung annimmt, als auch die gemeinsame Adoption eines fremden Kindes sind erlaubt.

Ganz anders sieht es in Italien aus, wo gleichgeschlechtliche Partnerschaften vom Staat bisher nicht anerkannt werden. Auch Kinder dürfen homosexuelle Paare nicht adoptieren - weder gemeinsam, noch einer der beiden Partner das leibliche Kind des anderen. Allerdings werden die Rechte von Lesben und Schwulen immer wieder diskutiert. Nachdem sich im November 2012 ein 15 Jahre alter Schwuler das Leben genommen hatte, ging ein Aufschrei durch das Land. Umfragen zufolge würde die Mehrheit der Italiener die Anerkennung homosexueller Partnerschaften befürworten. Bisher scheiterten jedoch entsprechende Vorstöße der Politik - auch an der Ablehnung der katholischen Kirche.

Auch im stark katholisch-konservativ geprägten Polen gibt es bisher keine gesetzliche Regelung für homosexuelle Paare, die heiraten oder eine eingetragene Partnerschaft bilden wollen. Erste Gesetzentwürfe der liberalkonservativen Regierung und der linken Opposition für ein Partnerschaftsgesetz wurden erst jüngst im Parlament zurückgewiesen. Sowohl Regierungschef Donald Tusk als auch Vertreter der Linksopposition wollen aber neue Gesetzesinitiativen starten. Allerdings wird der Begriff "Ehe" in allen Gesetzentwürfen vermieden, auch eine Adoption von Kindern ist nicht vorgesehen. Ziel ist vor allem, Rechtslücken zu schließen - etwa bei gemeinsamen Verträgen, Krediten oder Immobilienkäufen. Auch Steuersplitting für homosexuelle Paare ist Bestandteil des angestrebten Gesetzes.

Davon können Homosexuelle in Russland nur träumen. Die Staatsduma in Moskau nahm unlängst in erster Lesung ein Gesetz zum Verbot von "Homosexuellen-Propaganda" an, das in Städten wie St. Petersburg schon in Kraft ist. Die Bundesregierung kritisiert die gegen Schwule und Lesben gerichtete Novelle als Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention. Obwohl Homosexualität in Russland seit 1993 nicht mehr strafbar ist, werden immer wieder Gay-Pride-Paraden verboten und Aktivisten tätlich angegriffen.

In Rumänien gilt Homosexualität erst seit dem Jahr 2001 nicht mehr als strafbar. Dennoch haben Schwule immer noch ein sehr schlechtes Image, wegen der wachsenden Religiosität im Land. Toleranz gegenüber Schwulen gilt zudem als kulturelles Diktat der "Hegemonialmächte" EU und USA. Die Homosexuellen-Verbände verlangen zwar die gleichgeschlechtliche Ehe, treten aber sehr zurückhaltend auf.

Mehr auf dradio.de

Französische Nationalversammlung debattiert über Homo-Ehe- Katholische Kirche mobilisiert gegen den Gesetzentwurf
Franzosen laufen Sturm gegen Homo-Ehe- Hunderttausende Demonstranten auf Pariser Straßen
Vielschichtiger Protest gegen französische Homo-Ehe- Literaturwissenschaftler Ritte über die Masendemonstration gegen die gleichgeschichtliche Ehe im Nachbarland

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:06 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 16:30 Uhr Forschung aktuell

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 16:05 Uhr Religionen

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

ErnährungMediengurken und Ehekrach

Darf's noch ein bisschen mehr sein?

Nun sollen fünf Mal Obst und Gemüse pro Tag nicht mehr genügen, um das Leben zu verlängern, mindestens sieben Portionen sollten es schon sein, so eine britische Studie. Lebensmittelchemiker Udo Pollmer über den Wert der Forschungsarbeit und Aggressionen durch Kalorienzählen.

FreibadEndlich wieder rutschen

Looping, Trichter oder Freefall: In Sachen Wasserrutschen macht Julian Tschech so schnell keiner was vor. Der 20-Jährige hat zusammen mit seinem Bruder schon rund 600 Rutschen getestet - in Deutschland, im Ausland, überall. Die Freibadsaison kann kommen!

SyrienAssad profitiert von der Ukraine-Krise

Syriens Präsident Assad spricht in ein Mikrofon. 

Die Ukraine-Krise hält die Regierungen im Westen in Atem. Syriens Präsident Assad dürfte das freuen - denn sein Bürgerkrieg ist aus dem Blickfeld fast verschwunden. Assad fühle sich durch den Konflikt im Osten Europas in seiner Politik bestätigt, kommentiert Tomas Avenarius im Deutschlandfunk.

Online-CharitySoziales Shoppen

Ein Finger zeigt auf das Symbol eines Einkaufwagens auf einer Taste einer Computertastatur.

Gerade beim Einkaufen im Internet begleitet einen oft das schlechte Gewissen. Besonders wenn man von den schlechten Arbeitsbedingungen bei einigen Onlinehändlern liest.

SpargelDeutschland bleibt bei der Stange

Bei der Spargelernte

Wie soll man Spargel essen? "Mit Andacht" antwortete der Reichskanzler Otto von Bismarck. Dank des milden Winters und der warmen Witterung konnte die Spargelsaison dieses Jahr in Deutschland früher als sonst starten.

AusstellungDas heilige Amt des Toraschreibers

Ein Sofer schreibt die letzten Zeilen für eine neue Torarolle in der Synagoge der Jüdischen Gemeinde Halle/Saale.

Im Jüdischen Museum Berlin erklärt "Die Erschaffung der Welt", wie wichtig die Schrift in der jüdischen Kultur ist. In der Ausstellung können die Besucher einen Toraschreiber bei der Arbeit beobachten.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Ukraine: Timoschenko  plädiert für Runden Tisch | mehr

Kulturnachrichten

Weltweite Anteilnahme  am Tod Gabriel Garcia Marquez´ | mehr

Wissensnachrichten

Abitur  Abitur: G8 oder G9 macht keinen Unterschied | mehr