Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Homosexuelle im Abseits

Diskriminierung in Europa noch immer weit verbreitet

Viele Homosexuelle wagen keine öffentlichen Zärtlichkeiten wie dieses Paar in Paris (picture alliance / dpa)
Viele Homosexuelle wagen keine öffentlichen Zärtlichkeiten wie dieses Paar in Paris (picture alliance / dpa)

Soziale Isolation bis hin zu offenen Anfeindungen - Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender haben in Europa noch mit vielen Problemen zu kämpfen. Das geht aus einer Studie der EU-Grundrechte-Agentur FRA hervor.

Angst, Isolation und Diskriminierung sind laut einer neuen Studie ein alltägliches Phänomen für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle (LSBT) in Europa. Fast zwei Drittel von ihnen wagen es demnach noch immer nicht, ihre sexuelle Orientierung in der Öffentlichkeit zu zeigen. Für die Onlineumfrage der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) waren 93.000 Menschen in den 27 EU-Mitgliedsstaaten sowie in Kroatien befragt wurden. Damit ist es laut FRA die größte Umfrage ihrer Art.

Mehr als ein Viertel der Befragten gaben dabei an, sie seien in den vergangenen fünf Jahren wegen ihrer sexuellen Orientierung körperlich oder verbal angegriffen worden. Bei den Transsexuellen waren es sogar 28 Prozent, die in den letzten zwölf Monaten mehr als drei Mal angegriffen oder bedroht wurden. Doch nur etwa jeder fünfte Zwischenfall wurde bei der Polizei angezeigt.

Bundesregierung kritisiert Diskriminierung von Homosexuellen

Homosexuelle, bisexuelle, transsexuelle und intersexuelle Menschen hätten ein Recht darauf, ein Leben in Würde und unter Achtung ihrer Privatsphäre zu führen, ohne Angst vor Gewalt oder Repressalien, sagte der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning, anlässlich des internationalen Tags gegen Homophobie: "In mehr als 70 Staaten ist Homosexualität auch heute noch mit rechtlichen Sanktionen bedroht, die von mehrjährigem Freiheitsentzug bis zur Todesstrafe reichen können», sagte der FDP-Politiker. Er forderte Staaten und Regierungen auf, "die Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte zu respektieren und zu schützen".

Situation verschlechtert sich auch in toleranteren Ländern

Eine gehisste Regenbogenflagge weht am Hamburger Rathaus. (picture alliance / dpa / Malte Christians)Angst, Isolation und Diskriminierung: laut einer neuen Studie ein alltägliches Phänomen für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle (picture alliance / dpa / Malte Christians)Viele Betroffene zweifeln laut der Studie, dass sich dadurch etwas verbessern könnte. "Ich erlebe so viel Diskriminierung, Belästigung und Gewalt, dass es zu meinem Alltag geworden ist", sagte ein 25-jähriger bisexueller Transgender aus Litauen in der Befragung.

Transsexualität bezeichnet das Gefühl, mit dem falschen Geschlecht auf die Welt gekommen zu sein. Betroffene bevorzugen die Bezeichnung Transgender, da diese nicht den Anschein erweckt, es handele sich um ein sexuelles Problem. Ihnen geht es um ihre Identität.

Einige Teilnehmer erklärten, die Situation verschlechtere sich selbst in traditionell toleranten Ländern. "Die Situation ist heute schlimmer als sie es etwa vor vier Jahre war", sagte etwa ein Belgier. In den Niederlanden, die 2001 als erster Staat der Welt die Homoehe legalisiert hatten, fühlten sich 20 Prozent der Befragten in Sportclubs, Krankenhäusern, bei der Wohnungssuche, beim Umgang mit Banken oder beim Ausgehen am Abend diskriminiert.

Schulzeit ist oft die "Hölle"

Die ersten negativen und für viele schlimmsten Erfahrungen sammelten Betroffene in ihrer Jugend. Vielfach wurde die Schulzeit in der Studie als "Hölle" bezeichnet. 91 Prozent der Befragten gaben an, sie hätten erlebt, dass Mitschüler schlecht behandelt wurden, nur weil sie für schwul oder lesbisch gehalten wurden. Ein Großteil behielt daher seine Neigung während der Schulzeit für sich. "Die Mitgliedsstaaten müssen dafür sorgen, dass sich LSBT-Schüler in der Schule sicher fühlen, da dies der Ort ist, wo die negativen Erfahrungen, die sozialen Vorurteile und die Ausgrenzung der LSBT oft beginnen", heißt es in dem Bericht.

Die Studie wird heute im Rahmen der ersten europäischen Konferenz für die Rechte Homosexueller in Den Haag präsentiert. Der 17. Mai ist der internationale Tag gegen Homophobie. Die Weltgesundheitsorganisation hatte am 17. Mai 1990 beschlossen, Homosexualität von der Liste psychischer Krankheiten zu streichen.

Mehr zum Thema:

Homophobie in deutschen Talkshows? Gespräch mit David Berger, Theologe und Chefredakteur des Magazins "Männer"
Homo-Ehe: Streit um die Gleichstellung - Status von gleichgeschlechtlichen Paaren in Europa
Ausgrenzung durch Outing - Homosexuelles Leben in Estland und dem Baltikum
Hoffen auf bessere Zeiten - Homosexuelle in Polen
Albtraum für Rosa Elefanten - Homophobie gehört zum Alltag auf Berliner Bowlingbahnen
Vor allem eine Glaubensfrage - Homosexuelle US-Sportler müssen noch immer Stigmatisierung und Ausgrenzung fürchten
Europakonferenz für Rechte Homosexueller - Gewalt und Diskriminierung gehören für viele Homosexuelle zum Alltag (Deutsche Welle)

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:11 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 06:00 Uhr Nachrichten

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 06:00 Uhr Nachrichten

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Ermittlungen der UNUkraine verweigert Antifolterkomitee den Zutritt

Ein Keller in Dscherhinsk - hier wurden Zivilisten und Angehörige der ukrainsichen Armee bzw. Freiwilligen-Bataillone festgehalten und gefoltert. (Von der Hilfsorganisationen "Recht auf Frieden im Donbass" zur Verfügung gestellt)

Die Menschenrechtsverletzungen im Kriegsgebiet in der Ostukraine halten an. Die Verbrechen sollen geahndet werden, die Dokumente stapeln sich in Den Haag und Straßburg. Die Ukraine will die Strafverfolgung - doch von Kontrollen auf ihrem Territorium hält sie offenbar nicht viel.

Bastei Lübbe für höhere Buchpreise"Für Kunden ist der Preis zweitrangig"

Buchhandlung (picture alliance / dpa / Foto: Ralf Hirschberger)

Bücher müssen teurer werden: Das fordert Klaus Kluge, Vorstand im Verlag Bastei Lübbe. Dabei gehe es vor allem um das Einkommen von Autoren und die Existenz von Buchläden. Für Käufer sei der Preis nicht entscheidend, sagt er.

KatholikentagAls Mann und Frau und … schuf er sie

Hochzeitstorte mit zwei Frauenfiguren (AFP / Gabriel Bouys)

Gender ist gerade für konservative Christen ein Reizwort, denn sie sehen dadurch Gottes Schöpfungsplan in Frage gestellt. Doch die Veränderungen der Geschlechterbilder machen nicht vor den Toren der Kirche Halt. Zwei große Podien widmen sich auf dem Katholikentag in Leipzig dem Thema Gender und lassen kontroverse Diskussionen erwarten.

FrankreichWie sicher sind die französischen Atomkraftwerke?

Das Atomkraftwerk in Fessenheim in Frankreich (dpa / picture-alliance / Patrick Seeger)

Die französische Atomaufsicht hat ihren Jahresbericht vorgelegt - und den Kraftwerken im Land insgesamt gute Noten ausgestellt. Doch Behördenchef Chevet gab auch zu, dass seine Behörde bei der Aufgabe, die französischen Kernkraftanlagen zu überwachen, zunehmend überlastet sei.

100 Jahre Schlacht von VerdunDas deutsch-französische Verhältnis ist gestörter denn je

Frankreichs Präsident Francois Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel - voneinander abgewandt (imago / Belga)

In der Energie- und Umweltpolitik: nur Gegensätze und Konflikte. Aber auch in der Außenpolitik sucht man vergeblich nach Gemeinsamkeiten. Deutschland und Frankreich sind weit auseinander gerückt, meint der Historiker Klaus Manfrass.

Präsidentschaftskandidat TrumpTweets statt Sicherheitspolitik

Donald Trump bei einer Rede nach den Vorwahlen in Indiana. (picture alliance / dpa / Justin Lane)

Donald Trump hat es geschafft: Nach aktuellen Zählungen wird er der Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Am Rande des G7-Gipfels zeigte sich Präsident Barack Obama besorgt. Er sei mehr an Schlagzeilen und Tweets interessiert, statt an Amerikas Sicherheit zu denken.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Nach Entführung  Journalistin in Kolumbien wieder freigelassen | mehr

Kulturnachrichten

"Fritz Bauer" ist der große Gewinner beim Deutschen Filmpreis  | mehr

Wissensnachrichten

Hate-Speech  Studie: Hälfte aller frauenfeindlichen Tweets von Frauen | mehr