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Honig satt

Über den Dächern von Berlin fühlen sich die Bienen wohl

Von Anja Nehls

Auch so leben Bienen in Berlin: Das Künstlerduo Harry Sachs (links) und Franz Höfner hat Bienenstöcke im Plattenbau-Miniformat gebaut. (picture alliance / dpa - Wolfgang Kumm)
Auch so leben Bienen in Berlin: Das Künstlerduo Harry Sachs (links) und Franz Höfner hat Bienenstöcke im Plattenbau-Miniformat gebaut. (picture alliance / dpa - Wolfgang Kumm)

Wer meint, dass Bienenvölker in der Stadt nicht ausreichend Nahrung finden, irrt. Im Gegenteil: Im städtischen Raum ist der Speiseplan der Honigbienen abwechslungsreicher als auf dem Land mit seinen Monokulturen. Bienenzucht ist in - sogar auf dem Berliner Abgeordnetenhaus stehen zwei Bienenstöcke.

Kein Baum, kein Strauch, weit und breit, Blumen und Blüten schon gar nicht. Nur die Kieselsteine auf dem Dach knirschen als Imker Hein Risse auf dem Dach des Berliner Abgeordnetenhauses mitten in der Berliner Mitte um eine Ecke biegt - und da stehen sie. Zwei sogenannte Beuten und eine Bienenkiste – die Behausungen von je bis zu 40.000 Bienen. Sorgen machen dem Imker nur die gierigen Blicke der Raben, die es sich auf dem Dach gemütlich gemacht haben. Sie beobachten genau, ob vielleicht irgendwo eine ganz besondere Biene unterwegs ist:

Heinz Risse: "Also, wenn es eine Prinzessin ist, die gerade geschlüpft ist, geht dann zum Begattungsflug raus, und wenn sie da gerade vom Raben erwischt wird, vorm Flugloch, dann ist das ganze Volk in Not. Die können sich nicht so schnell eine neue Königin wieder ziehen. Also, die Königin wird dadurch zur Königin, dass das Ei, das die Mutter gelegt hat, mit Gelee Royal gefüttert wird und dadurch entsteht dann aus diesem Ei anstatt einer Arbeiterin eine Königin."

Vor dem kleinen Flugloch in der Holzkiste herrscht Hochbetrieb:

"So, da ist schon gut etwas los."

Viele Bienen sind dick bepackt mit dunkelgelben Pollen. Heute will Imker Heinz Risse seine Bienenstöcke kontrollieren, er trägt einen Imkerhut und zieht sich ein weißes T-Shirt an:

"Man weiß nie, wie sie drauf sind, man kann Glück haben, dass sie gut drauf sind, man kann Pech haben, das sie einfach gucken, wo der Bär ist. Im Moment bin ich zum Beispiel angezogen wie ein Bär ganz dunkel. Und deshalb hat der Imker meistens weiße Sachen an. Und dann werde ich nicht so schnell mit einem Bär verwechselt, weil der Bär ist der einzige natürliche Feind der Biene."

Vorsichtig und langsam nährt er sich nun der Bienenkiste:

"Ich muss immer anklopfen vorher, damit sie wissen, dass man kommt. So, da kann man jetzt sehen, dass sie schon fleißig gebaut haben. Und da kann man sehen, dass die Königin fleißig Eier legt, die Zelldeckel sind verschlossen. Also, hier ist alles in Ordnung und da können wir auch wieder zumachen."

Aus den Waben erntet der Imker irgendwann gut 100 Kilogramm Honig. Besten Honig in Demeter- oder Biolandqualität. Kaum zu glauben mitten in der Großstadt:

"Tiergarten – hier gibt es alte Mauerstreifen, hier gibt es Friedhöfe, hier gibt es auch einfach viele Brachflächen, die noch nicht bebaut sind, wo die Bienen abwechslungsreiche Nahrung finden. Das ist teilweise dann besser als auf dem Land. Hier gibt es keinen großflächigen Pestizideinsatz, hier gibt es viel mehr Nahrungsvielfalt als auf dem Land, hier gibt es keine Monokultur in dem Sinne und draußen in der Landwirtschaft gibt es viele Monokulturen - und wenn die Obstblüte vorbei ist, wenn der Raps verblüht ist, dann finden die Bienen nicht mehr viel. Das ist für die wie Wüste. Dann müssten die teilweise im Sommer hungern."

Honig aus der Stadt hat Konjunktur. Auch ein paar Straßen weiter, auf dem Dach des Grand Hotel Unter den Linden stehen Bienenstöcke. Die Bienen haben besten Blick auf den Reichstag, den Fernsehturm oder das Brandenburger Tor - unten braust der Verkehr. Aber wenn die Linden blühen, schleudert der Hoteldirektor persönlich anschließend besten Lindenhonig für den Hausgebrauch, sagt Andera Bishara vom Grand Hotel:

"Wir selber machen zum Beispiel eigenes Honigeis. Es ist sehr begehrt bei unseren Gästen. Sie können bei uns am Frühstückstisch natürlich unseren eigenen Lindenhonig genießen und unser Küchenchef kocht auch damit. Also, da gibt es dann mal Spanferkelrücken mit Honig glasiert und da sind wir auch stolz, dass wir unseren eigenen Honig dafür benutzen können."

In Berlin gibt es inzwischen fast 1000 Imker. Tendenz steigend. Bienenstöcke stehen inzwischen auch auf dem Dach des ZDF, auf dem Planetarium, auf dem deutsch-russischen Museum und auf dem ehemaligen Flughafen Tempelhof.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:54 Uhr

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