Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Hunderte Tote in Ägypten - ElBaradei tritt zurück

Ausnahmezustand über das Land verhängt

Räumung der Protestlager in Kairo. (picture alliance / dpa / Mahmoud Ghany)
Räumung der Protestlager in Kairo. (picture alliance / dpa / Mahmoud Ghany)

Mit Gewalt hat die ägyptische Polizei die Protestlager der Mursi-Anhänger in Kairo geräumt. Es gab mehr als hundert Tote. Über das ganze Land wurde der Ausnahmezustand verhängt. Vizepräsident ElBaradei zog sich als Reaktion auf die Ereignisse aus der Übergangsregierung zurück.

In Ägypten überschlugen sich am Mittwoch die Ereignisse. Nach schweren Ausschreitungen infolge der gewaltsamen Räumung von Protestlagern der Mursi-Anhänger stieg die Zahl der Toten im Laufe des Abends nach offiziellen Angaben der Behörden auf fast 300, darunter 43 Polizisten. Die Zahl der Verletzten wurde mit mehr als 2000 angegeben. Vertreter der Muslimbrüder sprachen sogar von einem Massaker mit deutlich mehr Toten.

Derweil reichte der ägyptische Vizepräsident und Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei seinen Rücktritt ein. Dies ging aus einem Brief an den Übergangspräsidenten Adli Mansur hervor. Dem Fernsehsender al-Arabija sagte er: "Ich habe meinen Rücktritt eingereicht, weil ich nicht die Verantwortung für Entscheidungen tragen kann, mit denen ich nicht einverstanden bin."

Ausnahmezustand und Ausgangssperre verhängt

Mansur hatte zuvor den Ausnahmezustand über das Land verhängt und angordnet, dass das Militär die Polizei unterstützt. Die Entscheidung trat unmittelbar in Kraft und soll für mindestens einen Monat gelten. Zudem wurde das Militär beauftragt, das Innenministerium bei der Wiederherstellung der Sicherheit zu unterstützen. Für Kairo und zehn weitere Provinzen wurde zusätzlich eine nächtliche Ausgangssperre verhängt.




Die Räumung der Protestlager hatte in den frühen Morgenstunden begonnen und ist nach Angaben des ägyptischen Militärs am Abend abgeschlossen worden. Die staatlichen Medien meldeten, die Polizei habe die volle Kontrolle über die größten Protestlager übernommen. Mehrere Hundert Menschen sollen festgenommen worden sein.

Ägypten-Kenner spricht von ersten Zügen eines Bürgerkriegs

Bei langjährigen Ägypten-Kennern sorgten die Ereignisse für Bestürzung. "Ich bin jetzt seit sechs Jahren hier, und ich habe noch nie einen solchen Moment erlebt", sagte der Leiter des Kairoer Büros der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung, Ronald Meinardus, im Gespräch mit Deutschlandradio Kultur. Die Stiftung habe daher ihr Büro in Kairo frühzeitig geschlossen. Erste Züge eines Bürgerkrieges seien sichtbar geworden, meinte Meinardus. Auch die Grünen-Europapolitikerin Franziska Brantner warnte vor dem Beginn eines Bürgerkriegs. "Diese Gefahr ist reell", sagte Brantner im Deutschlandfunk.

Westliche Politiker und Entscheidungsträger reagierten besorgt und riefen zur Mäßigung auf. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen zeigte sich beunruhigt über die Gewaltausbrüche in Ägypten. "Ich bin tiefbesorgt über die Situation und die anhaltenden Bericht über Blutvergießen", teilte er in Brüssel mit. Die Europäische Union forderte Zurückhaltung. Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon drückte sein Bedauern aus. US-Außenminister John Kerry verurteilte die Gewalt. Der Ausnahmezustand müsse so schnell wie möglich enden. Nötig sei eine rasche Rückkehr zur politischen Lösung der Krise, betonte er. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan appellierte an den UN-Sicherheitsrat, sich mit dem gewalttätigen Einsatz der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten zu befassen.

Westerwelle beruft Krisenstab ein

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) berief den Krisenstab des Auswärtigen Amts ein. "Wir bewerten natürlich die Entwicklungen in Ägypten sehr genau auch unter dem Gesichtspunkt, was das für unsere Staatsangehörigen bedeutet, die in dem Lande sich befinden", sagte Westerwelle in Tunis. Er appellierte erneut an alle Deutschen in Ägypten, die Reisehinweise des Auswärtigen Amts im Internetzu beachten.

Protestierende in der Nähe des Rabaa al-Adawiya-Platzes (Kairo) (AFP / Khaled Desouki)Protestierende in der Nähe des Rabaa al-Adawiya-Platzes (Kairo) (AFP / Khaled Desouki)Innenminister Mohammed Ibrahim verteidigte das Vorgehen der Sicherheitskräfte. Im Land seien unter anderem 21 Polizeiwachen angeriffen worden. Auch ins Finanzministerium sei eingebrochen worden.

Die Einsatzkräfte hatten am Mittwochmorgen die beiden Zeltstädte der Anhänger des entmachteten Präsidenten Mohammed Mursi am Al-Nahdha-Platz im Stadtteil Giza und vor der Rabea-al-Adawija-Moschee in Nasr-City mit Tränengas beschossen und anschließend mit der Räumung begonnen. Im Staatsfernsehen war zu sehen, wie Bulldozer von den Demonstranten errichtete Barrikaden zerstörten. Mursi-Anhänger sollen Steine und Flaschen auf die Polizei geworfen haben. Die Staatsführung zeigte auch Video-Aufnahmen, die belegen sollten, dass die Protestierenden als erste mit scharfer Munition auf die Polizisten geschossen hätten.

Ein dpa-Reporter sah, wie Demonstranten im Nasr-City-Viertel auf Polizisten feuerten. Ein AP-Reporter berichtete, über dem Camp hänge eine Wolke weißen Rauchs. Unter den Todesopfern ist auch ein Kameramann des britischen Senders Sky News. Mick Deane sei erschossen worden, als er während der Unruhen in der ägyptischen Hauptstadt im Einsatz war, berichtete der Sender.

Weitere Proteste in anderen Städten

Das Innenministerium ordnete zugleich die Einstellung des Zugverkehrs von und nach Kairo an, offensichtlich um die Bewegungsfreiheit möglicher Protestgruppen einzuschränken. Der Nachrichtensender Al-Dschasira berichtete, Anhänger der Muslimbruderschaft seien nach Beginn der Räumung einem Aufruf ihrer Führung zu neuen Demonstrationen gefolgt. In Alexandria sei die Uferstraße von Islamisten blockiert worden. Auch dort gab es am Abend mehrere Tote.

Die Übergangsregierung hatte mehrmals Ultimaten zum freiwilligen Abzug gestellt. Auch am Mittwochmorgen soll noch einmal ein Appell rausgegangen sein, vor allem die zwei größten Protestlager zu verlassen. Als dies erneut verweigert wurde, erhielt die Polizei schließlich grünes Licht für die Räumung. Seit Mursis Sturz waren bislang bereits mehr als 250 Menschen bei gewaltsamen Zusammenstößen zwischen ägyptischen Sicherheitskräften und den Islamisten sowie bei Auseinandersetzungen zwischen Mursi-Anhängern und -Gegnern getötet worden.


Mehr zum Thema auf dradio.de:

Vermittlungsgespräche in Ägypten gescheitert - Führung in Ägypten kündigt hartes Vorgehen gegen die Muslimbrüder an
Westerwelle fordert Gewaltverzicht in Ägypten - Muslimbrüder bereiten sich auf Zusammenstöße vor
Viele Tote und Verletzte in Ägypten - Blutige Nacht in Kairo und anderen Städten
EU-Außenbeauftragte fordert Ende der Gewalt in Ägypten -Übergangsregierung droht Mursi-Anhängern mit Härte
Angst vor Bürgerkrieg wächst - USA fordern Ägyptens Militär zur Zurückhaltung auf

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:15 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 10:10 Uhr Kontrovers

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 11:07 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Karl Lamers (CDU) zum Brexit"Diese Krise ist keine Katastrophe"

Der langjährige CDU-Europapolitiker Karl Lamers (imago/stock&people/Gerhard Leber)

Der frühere CDU-Außenpolitiker Karl Lamers sieht in dem Brexit-Referendum eine Chance für Europa. "Diese Krise ist keine Katastrophe, sie sollte genutzt werden, um Europa innerlich voranzubringen", sagte er im DLF - und forderte ein Europa der zwei Geschwindigkeiten.

Orthodoxe ChristenWas hat das Konzil auf Kreta gebracht?

Bischöfe mehrerer christlich-orthodoxer Kirchen feiern (19.6) in einer Kirche auf der griechischen Insel Heraklion gemeinsam eine Messe. (AFP PHOTO/COSTAS METAXAKIS)

Ist es gescheitert - oder setzt es Impulse? Das erste Panorthodoxe Konzil ist am Wochenende zu Ende gegangen. Im Vorfeld waren die Erwartungen hoch - dann stiegen mehrere orthodoxe Kirchen aus und blieben dem Konzil auf Kreta fern. Dabei ist es nicht nur für die rund 300 Millionen Christen weltweit wichtig, es ist auch ein Politikum.

Schauspieler wurde 77 Jahre altGötz George ist gestorben

Der Schauspieler Götz George bei der Verleihung "GQ Mann des Jahres 2013" in der Komischen Oper in Berlin. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Der Theater- und Filmschauspieler Götz George ist tot. Er wurde 77 Jahre alt und starb laut "Bild"-Zeitung bereits am 19. Juni. In unzähligen Rollen spielte er sich in die Herzen der Zuschauer. Seine Rolle als "Tatort"-Kommissar Schimanski machte ihn unsterblich.

Peter Altmaier"Es wird für kein Land eine Sonderbehandlung geben"

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU). (AFP/Berry)

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) hat davor gewarnt, Großbritannien bei den EU-Austrittsverhandlungen einen Bonus einzuräumen. "Wir sollten klarmachen – und das haben wir klargemacht –, dass man dieses Referendum nicht benutzen kann, um einen besseren Deal oder etwas Ähnliches zu verhandeln", sagte er im Interview der Woche des DLF.

Sahra Wagenknecht"Europa ist wesentlich unsozialer und brutaler geworden"

Die Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht. (Imago / Metodi Popow)

Nach dem britischen Votum für einen Brexit hat die Linken-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Sahra Wagenknecht, ein sozialeres Europa angemahnt. Gerade Regionen mit einer hohen Arbeitslosigkeit hätten für den Austritt aus der EU gestimmt, sagte sie im DLF. Der Sozialstaat dürfe nicht weiter zerstört, sondern müsse wiederhergestellt werden.

Schule hinter GitternWie Lernen im Knast funktioniert

Mehrere Häftlinge der Justizvollzugsanstalt (JVA) Ravensburg stehen am 18.03.2014 an der geschlossenen Eingangstür zum Schultrakt. (picture alliance / dpa / Felix Kästle)

Die Gefangenen sitzen hier nicht nur ihre Strafe ab: Die JVA Berlin-Tegel ermöglicht es ihnen, ihren Schulabschluss nachzuholen. Viele Inhaftierte können sich hinter Gittern erstmals auf den Unterricht und auf das Lernen konzentrieren.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Brexit  Johnson: Großbritannien wird weiter Zugang zum Binnenmarkt haben | mehr

Kulturnachrichten

New York warnt Touristen vor falschen Mönchen  | mehr

Wissensnachrichten

Fukushima  Radioaktiver Glasregen | mehr