Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Ich habe ein gutes Drittel der Filmgeschichte miterlebt"

Der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge wird 75

Von Walter Kittel

Alexander Kluge (AP)
Alexander Kluge (AP)

Über 30 Filme wie "In Gefahr und größter Not", "Deutschland im Herbst" oder "Die Patriotin" tragen seit den 60er Jahren seine Handschrift. Der Film ist Alexander Kluges große Leidenschaft bis heute geblieben. Einen so schönen Ort wie das Kino gebe es selten für die Versammlung von Menschen, sagte er im Gespräch.

Kluge: "Ich habe ja einen Vater, der alt wurde. Ich kann ja sehen, im Spiegel, was Alter ist. Und selbstverständlich denke ich darüber nach. Umgekehrt: Sie kommen, wenn sie wirklich arbeiten, nicht zu viel zu solchen Besinnungspausen, dass sie überlegen. Solange ich keine Ausfallserscheinung habe, bilde ich mir ein, dass der 6-Jährige in mir, den gibt’s ja auch, und der schreibt Geschichten, oder der 23-Jährige in mir, dass die eben dem 75-Jährigen Gesellschaft leisten."

Er wirkt jünger als er ist, wenn man Alexander Kluge zuhört und über die Schulter schaut in seinem Münchner Büro. Überall auf den Tischen liegen Zettel und Bücher verstreut. In den Regalen stehen Kopien seiner Filme: über dreißig sind seit den 60er Jahren entstanden. Und der Film ist Alexander Kluges große Leidenschaft geblieben, bis heute.

Kluge: "Der Film, eine sehr junge Kunst, also 120 Jahre alt, ich alleine habe ein gutes Drittel der Filmgeschichte miterlebt. Das lässt am meisten Freiheiten. Einen so schönen Ort wie das Kino gibt es selten für die Versammlung von Menschen."

Seine Liebe zum Kino hat Kluge in dem Band "Geschichten vom Kino" auch literarisch verarbeitet. Angesichts der intensiven Tätigkeit als Produzent von drei Kulturmagazinen fürs Fernsehen, fragt man sich allerdings, wann Alexander Kluge, der Büchnerpreisträger des Jahres 2003, überhaupt zum Schreiben kommt.

Kluge: "Morgens, abends und wenn ich zum Beispiel aus der Wohnung hier rausgehe, dann klingeln ja keine Telefone und ich brauche so einen Stift, wie sie ihn hier sehen und ein Stück Papier, und das ist eigentlich meine Arbeitsweise."

So entstehen meist kleine Geschichten, Beobachtungen und Reflektionen, die sich in Kluges Büchern aneinanderreihen und verdichten.

"Es gibt ja in den 2000 Jahren, in denen Bücher geschrieben werden, vertrauenswürdige Autoren. Einer der Vertrauenswürdigsten für mich ist Tacitus. Und er hat die Kürze erfunden, die Lakonie. Wenn etwas mir sehr wichtig ist, dann wird es kurz. Und nicht weitschweifig. Und diese Kürze ermöglicht gleichzeitig Konstellationen von Geschichten. Das ist das, wie ich schreibe."

Über sein Alter lange nachzudenken, wird Alexander Kluge auch in Zukunft nicht viel Gelegenheit haben. Er kommt kaum zur Ruhe; das Telefon klingelt und schon werden mit Freunden oder dem Lektor Ideen für neue Bücher besprochen. Alexander Kluge bleibt ganz dicht am Puls der Zeit.

"...und was mich sehr fesseln würde, das sind transatlantische Geschichten. Wir leben heute in unserem Land eigentlich schon recht isoliert, die ganzen Ereignisse finden in der Welt statt. Und übrigens bei der mächtigen Nation am anderen Ufer des Atlantik. Finden viele Entscheidungen statt. Wenn ich für die Zukunft meiner Kinder etwas tun will, dann würde ich ne Stiftung gründen in Washington, die die Weltgeschicke mit durch Beratung zu lenken versucht oder zu unterstützen versucht. Und in dem Sinne interessiert mich diese Brückenstellung in Form von Geschichten ganz besonders."

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:21 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 01:10 Uhr Hintergrund

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Bundeswehreinsatz im InnernErst mal sehen, was realistisch ist

Soldaten bergen während einer Übung einen Kameraden, der einen verletzten Soldaten simuliert, und transportieren ihn in ein gepanzertes Transportfahrzeug. (dpa)

Vor der für Februar geplanten Übung von Polizei und Bundeswehr müsse erst über Szenarien nachgedacht werden, die realistisch seien, meint Falk Steiner. Dabei müsse geklärt werden, wie die Bundeswehr tatsächlich helfen könne. 

Historiker Martin Sabrow "Die Bedeutung wächst mit der Zeit"

Das Zitat von Bundeskanzlerin Angela Merkel "Wir schaffen das!" steht auf einem wolkenförmigen Schild beim Rosenmontagszug in Köln im Februar 2016. (imago/Chai von der Laage)

"Wir schaffen das": Dieser Satz, vor einem Jahr von Angela Merkel gesprochen, wurde zum geflügelten Wort und hat viele Vorgänger. Er weckt Assoziationen an Obamas "Yes we can" oder Brandts "Mehr Demokratie wagen". Was braucht es zu einem Satz für die Ewigkeit?

Kapitulation der KünsteDer Reiz des Scheiterns

Tocotronic im April 2015 in Hamburg (picture alliance / dpa / Foto: Henrik Josef Boerger)

Der Soziologe Richard Sennett hat Scheitern als ein Tabu der Moderne bezeichnet. Erfolg und Karriere sind heute mehr denn je gefragt. Doch ist das Scheitern nur Misslingen? Oder kann sich aus der scheinbaren Niederlage nicht zugleich etwas ungeahnt Neues entwickeln?

Integrationspolitik"Es ist nicht klar, welche Werte wir vertreten wollen"

Ahmad Mansour, Psychologe und Programmdirektor der European Foundation for Democracy (Imago / Jens Jeske)

Der Islamismus-Experte Ahmad Mansour hat sich für einen Dialog über Werte in unserer Gesellschaft ausgesprochen. Erst dann könne Deutschland Zuwanderern klar machen, "was diese Gesellschaft tolerieren kann und was nicht", sagte der Programmdirektor der European Foundation for Democracy im DLF.

IntegrationVon der Sehnsucht nach Patentante und Butterbrotpapier

Türkisch singen diese deutschen und türkischen Kinder in einer Klasse. (dpa/ picture-alliance/ Rainer Jensen)

Sich integrieren, sich assimilieren innerhalb einer Mehrheitsgesellschaft – dazu ist Sprache besonders wichtig. Aber ist das alles? Die Publizistin Dilek Güngör denkt an ihre Kindheit zurück und beschreibt, was "Anders-Sein" eigentlich ausmacht.

Ein Jahr "Wir schaffen das"Ankommen in Deutschland

Vor einem Jahr hat Bundeskanzlerin Angela Merkel das Credo ausgegeben: "Wir schaffen das!" Damit das am Ende wirklich funktioniert, packen viele Deutsche ehrenamtlich mit an. Das Wichtigste für die Flüchtlinge: Deutsch lernen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Machtwechsel in Brasilien  Temer ist neuer Präsident | mehr

Kulturnachrichten

Festival Pop-Kultur in Neukölln gestartet  | mehr

Wissensnachrichten

Sachsen  AfD-Politiker wünscht sich Merkels Terrortod | mehr