Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Ich kann dieses System nicht autoritär nennen"

Russlands Präsident Putin auf der Jahrespressekonferenz in Moskau

Von Gesine Dornblüth

Der russische Staatspräsident Wladimir Putin spricht bei der Jahrespressekonferenz in Moskau (picture alliance / dpa / Tass / Sharifulin Valery)
Der russische Staatspräsident Wladimir Putin spricht bei der Jahrespressekonferenz in Moskau (picture alliance / dpa / Tass / Sharifulin Valery)

Auf seiner ersten Jahrespressekonferenz seit seiner Rückkehr ins Präsidentenamt sonnte sich Russlands Staatschef Wladimir Putin im Licht der Öffentlichkeit. Nach Protesten gegen und Krankheitsgerüchten um ihn inszenierte sich Putin in einem fast viereinhaltstündigen Auftritt als politisch fehlerfrei.

Es ist ein riesiges Theater, und bereits als der Hauptdarsteller die Bühne betritt, wird applaudiert. Wladimir Putin sitzt bei dieser Jahrespressekonferenz vor einem riesigen Hintergrund, auf dem in Blau abwechselnd der Kreml, die Umrisse der Russischen Föderation und die Internetadressen des Präsidenten wabern. Im Saal buhlen gut 1.200 russische und ausländische Journalisten um Putins Aufmerksamkeit und die seines Sprechers. Um ihre Frage stellen zu dürfen, schwenken sie Schilder, rufen ihren Heimatort, winken mit den Armen.

Es gab heute auffallend viele kritische Fragen, vor allem von russischen Hauptstadtjournalisten. Ob er nicht glaube, mit seinem autoritären Führungsstil die Entwicklung Russlands zu behindern, wollte einer wissen. Dazu Putin:

"Ich kann dieses System nicht autoritär nennen. Der beste Beweis dafür ist meine Entscheidung, eine Zeit lang vom höchsten Staatsamt Abstand zu nehmen und die Nummer zwei zu sein. Wenn ich autoritär wäre, hätte ich damals einfach die Verfassung geändert. Das hätten wir leicht machen können."

Putin war nach zwei Amtsperioden als Präsident vier Jahre Premierminister, hatte aber auch als solcher die Geschicke des Landes bestimmt.

Wie schon in seiner Rede zur Lage der Nation vergangene Woche warf Putin seinen Kritikern vor, sie wollten das System in Russland zerstören. Auf die Protestbewegung ging er nicht ein. Und – nein – er habe in der Vergangenheit keine politischen Fehler gemacht, über die er reden müsse.
Die wohl häufigste Frage zielte auf das gestern von der russischen Duma beschlossene Adoptionsverbot russischer Kinder für US-Amerikaner. Das Verbot ist in der russischen Gesellschaft äußerst umstritten, der Vorwurf lautet, die Duma missbrauche russische Waisenkinder als Spielball der Politik. Die russischen Abgeordneten haben mit dem Adoptionsverbot auf Einreisebeschränkungen der USA für russische Beamte, die Menschenrechte verletzt haben, reagiert. Putin verteidigte das Adoptionsverbot, als ein Journalist wiederholt nachfragte, wurde er ärgerlich. Einmal mehr machte seine Antwort klar: Es geht den russischen Politikern nicht um die Kinder, es geht um verletzten Nationalstolz. In Bezug auf US-amerikanische Beamte sagte er:

"Es ist ja wohl nicht in Ordnung, uns zu beleidigen. Oder gefällt Ihnen das. Sind sie etwa Sadomasochist? Man darf unser Land nicht beleidigen."

Nur kurz äußerte sich Putin zu Syrien. Er bekräftigte die bekannte russische Position, warnte vor einem Sturz Assads und verwies einmal mehr auf die Lage in Libyen und Ägypten.

"Diese Staaten brechen auseinander. Die Konflikte zwischen den Stämmen dort gehen weiter. Wir wollen das Assad-Regime in Syrien nicht um jeden Preis erhalten. Wir wollen nur, dass die Menschen in Syrien sich erst einigen, wie sie weiterleben wollen. Wie sie die Sicherheit gewährleisten wollen, wie sie eine Regierung bilden. Und dass sie erst dann die Ordnung ändern."

Putin genoss den fast viereinhalbstündigen Auftritt sichtlich.
Vor allem Journalisten aus den russischen Regionen übermittelten wie früher Grüße und Dank der dortigen Bewohner. Ein Fragesteller schlug gar vor, eine der zwischen Japan und Russland umstrittenen bisher unbenannten Kurilleninseln zum Zeichen der Zugehörigkeit zu Russland "Putin-Insel" zu nennen. Das war dem Präsidenten dann doch zu viel.

"Dafür muss man der Insel nicht meinen Namen geben, sondern den von Tolstoi oder Puschkin. Das wäre wohl produktiver."

Mehr zum Thema auf dradio.de:

Dementi aus Moskau zur Syrienpolitik - Russland erwartet keinen Sturz Assads
Auge um Auge, Zahn um Zahn - Russland reagiert auf die Magnitski-Liste
Russlandexperte: Gefahr eines neuen Kalten Krieges - Nach dem Veto gegen eine westliche Syrienresolution im UNO-Sicherheitsrat
Trübe Aussichten in Russland - Pussy Riot-Urteil ist ein Skandal

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 21:05 Uhr Musik-Panorama

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 21:30 Uhr Kriminalhörspiel

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 21:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Loveparade-KatastropheNotwendiges Neuland

Eine Gedenkstätte für das Loveparade-Unglück in Duisburg.  (dpa/Monika Skolimowska)

Die Aufarbeitung der Loveparade-Katastrophe von vor sechs Jahren sei in ein unwürdiges Schwarzer-Peter-Spiel ausgeartet, kommentiert Moritz Küpper. Warum nicht den Teufelskreis durchbrechen und eine unabhängige Untersuchungskommission einsetzen? Das wäre Neuland - und ein Zeichen an die Opfer.

Medienreform in PolenWackelt die vierte Gewalt im Staat?

Demonstration gegen Polens umstrittenen Medien- und Justizgesetze in Brüssel am 18. Januar 2016. (picture alliance / dpa  - Laurent Dubrule)

Die amtierende PiS-Regierung in Polen plant für den 1. Juli eine Reform der Medien. Die öffentlichen-rechtlichen Medien sollen in nationale verwandelt werden. Wegen internationaler Kritik hat die Regierung die Reform auf 2017 verschoben.

Darknet und Deep WebWarum Anonymität im Netz wichtig ist

Eine Illustration, bei der ein Mann im Hasso-Plattner-Institut in Potsdam (Brandenburg) eine Hand auf einen Bildschirm mit dem visualisierten, weltumspannenden Internet hält. (dpa / Ralf Hirschberger)

Der Journalist und Autor Alexander Krützfeldt hält es für falsch, nach den jüngsten Gewalttaten nun die Möglichkeiten zu begrenzen, anonym im Internet zu surfen. Solche Software sei wichtig für Dissidenten, NGOs und Reporter, sagte er im DLF.

Unruhe vor Parteitag der DemokratenHat die Parteispitze Clinton bevorzugt?

Arbeiter bereiten den Saal im Wells Fargo Center in Philadelphia für den National Convention der US-Demokraten vor. (picture-alliance/ dpa/ epa/ CJ Gunther)

Ex-Außenministerin Hillary Clinton will ins Weiße Haus. Der Nominierungsparteitag der Demokraten in Philadelphia soll deshalb zu einer machtvollen Demonstration der Einheit werden. Doch ausgerechnet jetzt sorgen pikante und geleakte E-Mails aus dem Kreis der Parteispitze für Unruhe.

Autorin Stefanie SargnagelZwischen Depression und Größenwahn

Die Autorin Stefanie Sargnagel (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)

Ihre literarische Karriere begann auf Facebook, ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte sie dieses Jahr mit einer Einladung zu den Bachmann-Tagen in Klagenfurt. Die Österreicherin Stefanie Sargnagel gilt als Kult-Autorin. Wir reden mit ihr über Depression und Größenwahn.

SchönheitsidealHilfe, mein Kinn ist nicht männlich!

Wenn ihr im Netz nach "Plastischer Chirurgie" sucht, findet ihr neben Nasen und Brüsten immer mehr Diskussionen über das Kinn. Junge Männer fragen sich: Sollte ich über ein Kinnimplantat nachdenken? DRadio Wissen hilft euch.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Türkei  Erdogan lässt Dauer des Ausnahmezustands offen | mehr

Kulturnachrichten

Schärfere Kontrollen bei Konzerten  | mehr

Wissensnachrichten

Anti-Ransomware-Programm  Europol gegen Netz-Erpressungen | mehr