Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Ich will an die 36 Millionen Menschen erinnern, die verhungert sind"

Yang Jisheng über die große chinesische Hungerkatastrophe

Von Silke Ballweg

Mao Zedong, erster Staatspräsident Chinas, Aufnahme von 1949 - ihn macht Yang Jisheng mitverantwortlich für die Hungersnot (AP Archiv)
Mao Zedong, erster Staatspräsident Chinas, Aufnahme von 1949 - ihn macht Yang Jisheng mitverantwortlich für die Hungersnot (AP Archiv)

Der Journalist Yang Jisheng hat sich in den 90ern Zugang zu Archiven in China verschafft und heimlich über die große Hungerkatastrophe Ende der 1950er-Jahre geforscht, bei der auch sein Vater starb. Yangs Buch darüber ist in China verboten, morgen kommt es in deutsche Buchhandlungen.

Sie gilt als die bislang größte Katastrophe in China, 36 Millionen Menschen starben. Doch bis heute darf über die große Hungersnot Ende der 50er-Jahre im Reich der Mitte nicht offen geredet werden. Kein Platz, kein Denkmal erinnert an die Toten. Yang Jisheng, dessen Vater 1959 ebenfalls verhungerte, will das nicht länger hinnehmen. Mit seinem Buch will sich der 72-Jährige erinnern.

"Ich will an die 36 Millionen Menschen erinnern, die verhungert sind. Persönlich auch an meinen Vater. Ich habe den Grabstein aber auch für das System errichtet, das zu der Katastrophe führte, damit man die Ursachen nicht vergisst. Und schließlich sollte es auch ein Gedenkstein für mich selbst sein, sollte mir irgendetwas zustoßen."

Der Hunger kam nur wenige Jahre nach Ausrufung der Volksrepublik 1949. Yang Jisheng macht vor allem das von Mao Zedong eingeführte, politische System dafür verantwortlich. Grund und Boden wurden kollektiviert. Um die Städte zu versorgen, mussten die neu geschaffenen Volkskommunen einen Teil ihrer Ernte abführen. Weil der Staat ihnen aber zu viel wegnahm, hatten die Bauern nach kurzer Zeit nichts mehr zu essen und verhungerten: Yang zitiert einen Augenzeugen:

"Im Dezember 1959 habe ich auf dem Weg nach Hause am Straßenrand etwa zehn Leichen gesehen, bei manchen war das Fleisch von Gesäß und Oberschenkeln bereits weggeschnitten, womöglich war das von anderen gegessen worden. Ich war vollkommen erschüttert. Fast in allen Dörfern kam es zu Kannibalismus."

In der politisch aufgeheizten Stimmung traute sich jedoch niemand, Kritik zu äußern. Man lief Gefahr, als Konterrevolutionär gebrandmarkt und totgeschlagen zu werden. Für Yang Jisheng ist deswegen klar: Das politische System an sich trägt die Schuld an der Katastrophe.

"Das totalitäre System ist auf Lügen gebaut. Es gründet sich auf systematische, strukturelle Verfolgung. Wenn man etwas sagte und Kritik äußerte, wurde man bestraft. Egel, in welcher Provinz. Die Verfolgung gehörte zum System."

Bis heute wird die Hungersnot in China weitgehend verschwiegen. Und so wusste Yang Jisheng jahrelang nicht, dass der Tod seines Vaters alles andere als ein Einzelfall war. Erst in den 80er-Jahren wurden dem Journalisten die Dimensionen klar. Als Reporter für die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua hatte er jahrelang selbst Propaganda gemacht. Nun benutzte er seine Anstellung ganz bewusst und verschaffte sich Zugang zu eigentlich verschlossenen Archiven.

"Ich bin in viele Archive gegangen und habe gesagt, ich käm von der Nachrichtenagentur und müsste etwas recherchieren. So hat man mich reingelassen und ich konnte eigentlich zensierte Berichte lesen und kopieren. Dass ich mich für die Hungersnot interessiere, das habe ich nie gesagt, denn das hätte man nie erlaubt."

Zehn Jahre lang forschte Yang heimlich im Verborgenen. Schließlich schrieb er ein Buch. Darin zitiert er aus tausenden Seiten verbotenen Materials, er lässt Augenzeugen und Opfer ausführlich zu Wort kommen. Yangs Buch ist in China verboten, die Machthaber wollen solche Texte nicht zulassen. Mit seinem Werk hat nicht nur ein Gedenkstein für die Toten gesetzt. Es hat den Abgesang auf Chinas politischen Totalitarismus geschrieben.

Das Buch ist 2008 auf Chinesisch in Hongkong erschienen, in China selbst aber verboten. Am Donnerstag, 21.6. erscheint es auf Deutsch im Fischerverlag, in den kommenden Monaten wird es auch auf Englisch, Französisch und Japanisch erscheinen.

Yang Jisheng: "Grabstein–Mubei. Die große chinesische Hungerkatastrophe 1958–1962". Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. Fischerverlag 2012, 800 Seiten, 28 Euro

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:53 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 20:10 Uhr Das Feature

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 20:03 Uhr Konzert

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 20:00 Uhr Eine Stunde Liebe

Aus unseren drei Programmen

Flüchtlingspolitik Familiennachzug - ein politischer Kampfbegriff

Flüchtlinge demonstrieren vor dem Innenministerium in Berlin und fordern den Familiennachzug. (picture alliance / Silas Stein/dpa)

Wer seit 2015 so tat, als würde mit der Wiedereinsetzung des so eng begrenzten Rechts auf Familiennachzug eine gewaltige Schleuse geöffnet, habe schlicht gelogen, meint Stephan Detjen. Denn anders als behauptet, ließen sich mit diesem Steuerungsinstrument die Flüchtlingszahlen nicht entscheidend drücken.

Schriftsteller Bernhard Schlink"Eine Ehrung für starke Frauen"

Der Jurist und Schriftsteller Bernhard Schlink im Juni 2017 auf der phil.Cologne in Köln (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)

In seinem Roman "Olga" porträtiert Bernhard Schlink eine Frau im deutschen Kaiserreich. Obwohl sie taub ist, wird sie gegen viele Widerstände Lehrerin. In seiner Hauptfigur steckten viele Frauen, denen er in seinem Leben begegnet sei, sagt Schlink. Die Männerfiguren kommen schlechter weg.

Tagebücher verfolgter JudenSo tragisch, so literarisch wie bei Anne Frank

Ein Foto von Anne Frank, entstanden um das Jahr 1941. Anne Frank war damals ungefähr 11 Jahre alt. (picture-alliance / dpa / Anne Frank Fonds Basel)

Das Tagebuch der Anne Frank gehört zu den bekanntesten Zeugnissen verfolgter Juden im Nationalsozialismus. Doch neben ihr schrieben Hunderte anderer junger Juden über ihre Erlebnisse.

GroKo-VerhandlungenNeustart für Europa?

Bei einer Kundgebung im französischen Toulouse schwenken pro-europäische Aktivisten EU-Flaggen. (imago stock&people)

Der SPD-Sonderparteitag am Sonntag stimmt darüber ab: Wird die GroKo verhandelt, ja oder nein? Es wird zugleich ein Votum für oder gegen einen politischen Neustart in der EU sein, glaubt Jörg Himmelreich.

RohingyaAngst vor der Rückkehr

Kinder der muslimischen Rohingya im Thankhali Flüchtlingslager in Bangladesch (AFP / Uz Zaman)

Myanmar und Bangladesch wollen in der kommenden Woche mit der Rückführung von Rohingya-Flüchtlingen beginnen, die in den Flüchtlingslagern in Süd-Bangladesch leben. Aber die Menschen dort wollen nicht zurück, zumindest nicht jetzt. Zu tief sitzen die Wunden, zu groß ist das Misstrauen.

VolkswagenAls der VW Käfer kriselte

Ein VW-Käfer mit historischem "H"-Kennzeichen bei einer Ausfahrt. (imago/Rüdiger Wölk)

Sparsam, zuverlässig, einfach zu reparieren: Der VW Käfer war das Auto der Wirtschaftswunder-Jahre und bald ein Exportschlager. Bis 1978 wurde er noch in Emden produziert, dann war aber Schluss: Der Käfer war nicht mehr zeitgemäß.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Merkel und Macron  Drängen auf Reformen | mehr

Kulturnachrichten

SPD will Bundeskulturministerium schaffen | mehr

 

| mehr