Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

"Ich wollte nicht schuld sein am Dritten Weltkrieg"

Ex-Sowjet-Offizier bekommt Dresden-Preis

Stanislaw Petrow bei der Preisverleihung. (picture alliance / dpa / Oliver Killig)
Stanislaw Petrow bei der Preisverleihung. (picture alliance / dpa / Oliver Killig)

In einer Septembernacht des Jahres 1983 blinkt in Stanislaw Petrows Kommandozentrale nahe Moskau ein US-Raketenstart auf. Doch statt Alarm zu schlagen, wartet der Sowjetoffizier ab. Heute wurde Petrow in Dresden für seine Entscheidung geehrt.

Die Uhr zeigt eine Viertelstunde nach Mitternacht, als der damals 44-jährige Petrow mit seinem Assistenten beim Tee sitzt - die Nachtschicht ist lang, und mit besonderen Vorkommnissen rechnet er in den frühen Morgenstunden des 26. Septembers 1983 ebenso wenig wie in den Nächten zuvor. Aber dann blinkt plötzlich das Signal "Start" auf der Anzeige - ein Abschuss fünf amerikanischer Atomraketen Richtung Sowjetunion.

"Der Alarm war so laut, er hätte Tote wecken können", erinnerte sich Petrow 29 Jahre später im Interview mit der "Sächsischen Zeitung". Seine Aufgabe im Luftüberwachungszentrum wäre es gewesen, diese Meldung zu bewerten. Dem Generalstab teilte er nach kurzer Besinnung mit, dass es sich um einen Fehlalarm handele.

Laudatio: "Ein großer Mann"

Für diese Entscheidung bekam Stanislaw Petrow heute den mit 25.000 Euro dotierten Dresden-Preis verliehen. In der Semperoper hielt der ZDF-Journalist Claus Kleber die Laudatio. "Sie sind ein Mensch und sie sind ein großer Mann", sagte Kleber zu Petrow. Die Auszeichnung wird von dem US-amerikanischen Förderverein "Friends of Dresden" für Konflikt- und Gewaltprävention verliehen.

Die Flagge der UdSSR mit Hammer und Sichel (undatiert). (picture alliance / dpa / Istvan Bajzat)Wäre tatsächlich eine Atomrakete aus den USA unterwegs gewesen, hätte sie gut 20 Minuten später Moskau erreicht. (picture alliance / dpa / Istvan Bajzat)Damals hätten die Chancen, dass tatsächlich kein Angriff aus den USA im Gange war, 50 zu 50 betragen, sagt Petrow heute. "Ich wollte nicht schuld sein am 3. Weltkrieg", begründete der Ex-Offizier seine Entscheidung. Niemals sei die Welt der atomaren Vernichtung näher gewesen als in dieser Nacht, sagte Bruce Blair, US-Abrüstungsexperte, Co-Gründer von Global Zero und Chef des World Security Institute.

Mensch versus Computer

Der Präsident der "Friends of Dresden", Günter Blobel, sagte zur Begründung der Preisvergabe, Petrow habe vor einer Verantwortung gestanden, "die größer nicht sein konnte, der Verantwortung für das Überleben der Menschheit. Er ist ihr gerecht geworden, weil er nicht als Techniker, nicht als Offizier entschied, sondern als Mensch. Er hatte die Chance, diese Verantwortung abzugeben an seine Vorgesetzten, an Politiker. Und hat das nicht getan."

Das Publikum in der Semperoper erhob sich von den Sitzen, um dem heute 73-Jährigen Beifall zu spenden. Petrow nahm den Preis mit Bescheidenheit entgegen: "Es wurde viel berichtet über mein Heldentum, aber ich glaube, das ist ein wenig übertrieben." Er selbst habe seiner Tat nie besondere Bedeutung zugemessen, sein Wissen und seine Intuition hätten ihm die Entscheidung ermöglicht.



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:06 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Fazit

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 00:05 Uhr Freispiel

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Konföderation von Israel und Palästina"Eine Zukunft kann es nur gemeinsam geben"

Ein Grenzzaun in der Nähe der palästinensischen Stadt Beit Jala (Sabine Adler )

"Zwei Staaten - ein Heimatland" heißt eine Initiative von Israelis, die für eine Konföderation von Israel und Palästina kämpft. In echten Begegnungen lernen beide Seiten, das Recht auf Heimat des anderen anzuerkennen.

Dobrindt zur Regierungsbildung"Ich will diese Große Koalition mit der SPD"

Alexander Dobrindt telefoniert, im Hintergrund der Schriftzug CSU auf blauem Hintergrund. (dpa / Sven Hoppe)

Alexander Dobrindt begrüßt die Bereitschaft der SPD zu Sondierungsgesprächen für eine Große Koalition. Nun gehe es darum, ein Zukunftsprojekt für Deutschland zu beschreiben, sagte der CSU-Politiker im Dlf. Allerdings sei er sich nicht sicher, ob die SPD wirklich die Kraft dazu habe.

Philosophischer WochenkommentarEin Lob der Weltflucht

Ein Mann steht auf einem Steg am Gardasee in Italien, in Lazise. (imago/Westend 61)

Für Realitätsverweigerer hat Arnd Pollmann Verständnis: Sie zeichneten sich aus durch ihren Willen zur Abwesenheit. Auch wenn sie oft passiv und weltabgewandt erschienen, ihre utopischen Tagträume hätten das Potenzial ganze Welten zum Einsturz zu bringen.

InformationsgewinnungWozu noch Bibliotheken?

Blick in die Bibliothek mit Büchern auf Borden, stuckverzierten Wänden, Durchgängen und einer Empore (imago / Jürgen Ritter)

Als Informationsquelle ist das Internet schnell, vernetzt und für jeden zugänglich. Bibliotheken stehen hingegen für Dauer, Ordnung und Konzentration. Doch welchen Wert haben diese Eigenschaften im 21. Jahrhundert? Eine Spurensuche im Netz und in altehrwürdigen Gemäuern.

Schriftsteller und ihre PseudonymeDie Lizenz zur Lüge

Tippen auf einer alten Schreibmaschine (imago / Busse )

Pseudonyme sind wie kleine Menschen. Es ist gefährlich, Namen zu erfinden – ein Name lebt", schrieb Kurt Tucholsky, der unter anderem als Peter Panter, Theobald Tiger und Ignaz Wrobel Texte veröffentlichte. Wozu dieses Versteckspiel vieler Autoren hinter Pseudonymen?

Vor 25 Jahren gestorbenGünther Anders - ein konservativer Revolutionär

Günther Anders (links) erhält bekommt 13. September 1983 den Theodor W. Adorno-Preis der Stadt Frankfurt überreicht  (picture-alliance / dpa / UPI)

Er war überzeugter Pazifist, Philosoph und Schriftsteller: Günther Anders. Von den Nazis vertrieben, protestierte er aus dem US-Exil gegen den Einsatz der Atombombe. Zurück in Europa kämpfte Anders gegen den Vietnamkrieg, initiierte die Anti-Atom-Bewegung und kritisierte die Folgen der Technologie.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Erdogan  Türkei wird Botschaft in Ost-Jerusalem eröffnen | mehr

Kulturnachrichten

Verleihung des Europäischen Theaterpreises | mehr

 

| mehr