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Im Agrarland Nummer 1 tut sich was

Tierschutz als Wahlkampfthema in Niedersachsen

Von Susanne Schrammar

Auf acht Millionen Einwohner kommen in Niedersachsen 80 Millionen Hühner, Puten und Gänse. (Joerg Koch/dapd)
Auf acht Millionen Einwohner kommen in Niedersachsen 80 Millionen Hühner, Puten und Gänse. (Joerg Koch/dapd)

Die industriell-geprägte Landwirtschaft in Niedersachsen bekommt immer mehr Gegenwind. Megaställe, Verstöße gegen das Tierschutzgesetz und der Einsatz von Antibiotika sorgen für Diskussionen. Vor der Landtagswahl versprechen nun alle Parteien mehr Tierschutz.

"Im Geflügelschlachthof von Wietze lassen täglich viele Tiere ihr Leben. In Massentierhaltung wurden sie ohne jede Rücksicht auf artgerechte Haltung herangezogen. Stellvertretend für alle Leidenden wollen wir in den nächsten drei Minuten ein paar von ihnen gedenken. Um sie von ihrer Anonymität und ihrem Status als bloße Ware zu befreien, soll jedes Huhn, an das wir denken, einen Namen erhalten."

Künstler protestieren gemeinsam mit örtlichen Aktivisten gegen die größte Hähnchenschlachtanlage Europas. In dem weiß-grünen Gebäude hinter Stacheldraht in Wietze bei Celle können theoretisch 432.000 Hühner am Tag getötet werden. 6,6 Tiere pro Sekunde. Vermutlich sind es in der Praxis deutlich weniger – wie viele, darüber schweigt der Betreiber. Doch die Zahl verdeutlicht, wie viele Geflügelmäster gebraucht werden, um die Anlage profitabel zu halten. Seit der Errichtung vor zwei Jahren sind im Umkreis dutzende Mastställe gebaut worden, in denen jeweils mehrere 10.000 Hühner gehalten werden – und fast überall gab es Proteste. Die industriell-geprägte Landwirtschaft in Niedersachsen bekommt immer mehr Gegenwind. Nicht nur die Megaställe, auch Verstöße gegen das Tierschutzgesetz und der Einsatz von Antibiotika sorgen vielerorts für Diskussionen. Bürgerinitiativen und Agrarbündnisse rufen zu Demonstrationen auf und Tausende kommen.

"Wir sind heute hier, weil wir endlich dafür sorgen wollen, dass diese agrarindustrielle Produktion in Niedersachsen zurückgedrängt wird."

"Was mit den Kreaturen heute in der Massentierhaltung gemacht wird, ist eine einzige Katastrophe und wir müssen alle viel mehr auf die Straße gehen, um diese schrecklichen Zustände zu ändern."

"So kann es nicht weitergehen. Wir brauchen einfach einen Wechsel und einen Wandel."

Das niedersächsische Landvolk fühlt sich verunglimpft und missverstanden, doch die Politik reagiert. Im Agrarland Nr. 1 tut sich was: Vor der Landtagswahl versprechen alle Parteien mehr Tierschutz. Bei Umfang und Zeitraum der angedachten Maßnahmen allerdings gehen die Positionen stark auseinander. Die schwarz-gelbe Landesregierung etwa verweist auf ihren 42 Maßnahmen umfassenden Tierschutzplan, den Landwirtschaftsminister Gerd Lindemann (CDU) bereits vor zwei Jahren vorgelegt hat. Schrittweise sollen Landwirte danach in den nächsten Jahren zum Beispiel bei Geflügel auf das Schnäbelkürzen verzichten oder Ferkel ohne Betäubung nicht mehr kastrieren dürfen. Nicht alle Bauern ziehen begeistert mit, viele klagen über Mehrkosten. Die CDU jedoch merkt, dass auch beim eigenen Klientel die Unterstützung der bisherigen Landwirtschaft schwindet und versucht den Spagat zwischen Ökonomie und Tierschutz.

Minister Lindemann: "Wir wollen auf der einen Seite eine hoch effektive Landwirtschaft beibehalten, auf der anderen Seite eine nachhaltige, ressourcenschonende, vorsichtig mit den Tieren umgehende Landwirtschaft und wir kriegen das in Niedersachsen auch hin, da bin ich fest von überzeugt."

Kritiker beklagen jedoch den zu langen Zeitraum - bis 2018 - in dem die Verbesserungen umgesetzt werden sollen. SPD und Grüne kündigen an, die Belange des Tier- und Umweltschutzes in der Landwirtschaft stärker und schneller zu berücksichtigen. Bei einem Wahlsieg wollen die Sozialdemokraten einen unabhängigen Tierschutzbeauftragten einsetzen. Außerdem sollen Betriebsumstellungen auf ökologischen Landbau künftig gefördert werden, konventionelle Stallbauten dagegen nicht mehr.

Birgit Honé, Agrarministerin im Schattenkabinett von SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil:

"Wir sind der Auffassung, dass die Haltungssysteme sich den Tieren anpassen müssen und nicht umgekehrt. Und wir sind zumindest für eine Diskussion um eine Größenbegrenzung bei den Tierbeständezahlen. Es gibt eine Reihe von Erfahrungen, auch anderer Bundesländer, da wollen wir uns intensiv austauschen."

Die Grünen in Niedersachsen gehen am weitesten beim Umbau der Landwirtschaft und kündigen eine radikale Agrarwende an. Für den Fall eines rot-grünen Wahlsiegs wird erwartet, dass das Agrarressort an die Ökopartei geht.

Christian Meyer, landwirtschaftspolitischer Sprecher der grünen Landtagsfraktion:

"Wir werden dafür sorgen, dass die Förderung nicht mehr in die Massentierhaltung, in die Riesenschlachthöfe geht, sondern in eine landschaftsschonende, in eine umweltschonende artgerechte bäuerliche Tierhaltung in Familienbetrieben, dass wir mehr Arbeitsplätze, mehr Wertschöpfung im ländlichen Raum kriegen, die Ökolandbauprämien erhöhen. Und wir werden dafür sorgen, dass die Kommunen auch die Freiheit bekommen, große Mastställe, die sie nicht wollen, zu verhindern, indem wir einheitliche und hohe Umwelt- und Tierschutzstandards in Niedersachsen verbindlich machen."

Die FDP sieht die Landwirte in erster Linie als mittelständische Unternehmer. Diesen sollen so wenige Vorschriften wie möglich gemacht werden, um sie in ihrem Handlungsspielraum nicht einzuschränken. Das privilegierte Stallbaurecht wollen die Liberalen erhalten, beim Tierschutz setzen sie auf die Verbrauchermacht und befürworten ein Tierschutzlabel für Lebensmittel. Die Linken kündigen in ihrem Wahlprogramm unter anderem ein Mindesteinkommen für Landwirte an und wollen Antibiotika in der Tierzucht verbieten.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

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