Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Immer mehr Kinder mit ADHS-Diagnose

Wissenschaftler bemängeln häufige Behandlung mit Ritalin und sprechen von "Schuldoping"

Das umstrittene Medikament Ritalin soll eigentlich Kindern mit Hyperaktivitätsstörungen helfen. (AP)
Das umstrittene Medikament Ritalin soll eigentlich Kindern mit Hyperaktivitätsstörungen helfen. (AP)

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, bei denen Hyperaktivität diagnostiziert wird, ist laut einer Studie rasant gestiegen, doch Wissenschaftler zweifeln, ob die Diagnosen immer sauber sind. Ihrer Meinung nach ist ADHS zu einer Modekrankheit geworden. Ritalin werde zu oft verschrieben.

Die Zahl der Kinder, bei denen Ärzte eine Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostizieren ist rasant gestiegen. Bei der Zahl der Fälle gab es zwischen 2006 und 20011 einen Anstieg bei den unter 19-Jährigen von 42 Prozent, wie aus dem Arztreport 2013 der Krankenkasse Barmer GEK hervorgeht. Rund 620.000 Kinder und Jugendliche hatten 2011 laut ärztlicher Diagnose das sogenannte Zappelphilipp-Syndrom, davon waren 472.000 Jungen.

Wissenschaftler spricht von "Schuldoping"

Rolf-Ulrich Schlenker, Vizechef der Barmer GEK, sprach von einer besorgniserregenden Entwicklung - jedoch nicht, weil es plötzlich so viele Kinder mit Aufmerksamkeitsstörugnen gibt, sondern weil Ärzte möglicherweise zu oft ADHS als Diagnose angeben. "Dieser Anstieg erscheint inflationär", sagte Schlenker. Es müsse aufgepasst werden, dass die Diagnostik "nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren." ADHS sei eine Modekrankheit geworden. Etwa ein Viertel aller Männer und ein Zehntel aller Frauen sind im Laufe von Kindheit und Jugend mit der ADHS-Diagnose konfrontiert, heißt es in dem Bericht. Wichtig sei es, dass Ärzte trennscharfe Diagnosen lieferten, sagte Schlenker. Außerdem sprach er sich dafür aus, Psychopharmaka nur als letztes Mittel in Erwägung zu ziehen. Per Elterntraining könnten sich Mütter und Väter besser auf die Situation ihrer Kinder einstellen. Auch Verhaltensherapien kämen in Frage.

Die Techniker Krankenkasse berichtete, Therapien machten bereits heute den Löwenanteil der Behandlungskosten für an ADHS erkrankten Kindern aus. Die Ausgaben für Verhaltenstherapie und Heilmittel wie etwa Ergotherapie lägen bei 44 Prozent der Kosten. Die von Medikamenten nur bei 12 Prozent.

Friedrich Wilhelm Schwartz, der Vorsitzende des Hannoveraner Forschungsinstituts Iseg, das die Studie erstellt hatte, betonte, gerade Jungen vor dem Wechsel aus der Grundschule seien betroffen. Oft herrsche die Sorge, dass die Kinder es nicht in gewünschter Weise schafften. "Ich habe mich gefragt, ob wir nicht befristetes Schuldoping betreiben statt die Behandlung einer Krankheit", sagte er. Schwartz meinte, oft werde zu Medikamenten gegriffen, weil es weniger aufwendig sei. Laut dem Bericht bekamen im Jahr 2011 bei den Kindern im Alter von elf Jahren rund 7 Prozent der Jungen und 2 Prozent der Mädchen das Medikament Ritalin verordnet.

Wissenschaftler: "Würzburg scheint Hauptstadt der ADHS-Diagnosen zu sein"

Der Arztreport gibt Hinweise darauf, dass die ADHS-Diagnose und der Griff zur Pille auch von den Eltern abhängt. So sinke mit steigendem Ausbildungsniveau der Eltern die Wahrscheinlichkeit einer ADHS-Diagnose und einer Ritalin-Gabe an die Kinder. Ein rund 50-prozentig höheres Risiko haben Kinder mit jungen Eltern unter 25 Jahren. Kinder Arbeitsloser seien häufiger betroffen. ADHS werde bei Kindern von Gutverdienern seltener diagnostiziert.

Auffällig seien regionale Unterschiede - es gebe sogar eine Region, die besonders hervorsteche, nämlich Würzburg und Umgebung. Während die ADHS-Diagnoserate bei Jungen im Alter von zehn bis zwölf Jahren im Jahr 2011 im Bundesschnitt bei knapp 12 Prozent lag, hätten Ärzte in Unterfranken diese Diagnose bei 19 Prozent dieser Jungen gestellt. Schlenker sagte unter Verweis auf internationale Vergleichsdaten sogar: "Würzburg scheint die Welthauptstadt bei ADHS-Diagnosen zu sein." Als Grund nannte er, dass dort besonders viele Kinder- und Jugendpsychiater säßen. Tatsächlich gibt es an der Würzburger Uniklinik sogar einen Forschungsschwerpunkt zu ADHS. Auch in Mannheim und Teilen von Rheinland-Pfalz gibt es mehr ADHS-Diagnosen.

Mehr zum Thema bei dradio.de:
ADHS: Droht uns eine 'Generation Ritalin'? Gäste: Medizinjournalist Jörg Blech und ADHS-Experte Manfred Döpfner
Der Hype um ADHS - Philosoph: Aufmerksamkeit wird durch den Einfluss neuer Medien ruckartig hin- und hergeworfen
Forschung Aktuell - Gefühlte Ewigkeit - Kinder mit ADHS nehmen Zeit anders wahr
Forschung Aktuell - Diät gegen ADHS - Nahrungsumstellung hilft bei Aufmerksamkeitsstörung
Forschung Aktuell - Doping oder Therapie - Psychostimulantien zur Behandlung von ADHS bei Sportlern

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:05 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 11:30 Uhr Sonntagsspaziergang

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 12:30 Uhr Die Reportage

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Dein Sonntag

Aus unseren drei Programmen

Kultur des TodesWenn der Friedhof stirbt

Jahrhundertelang war er der einzige Ort, um die Toten zu bestatten. Doch allmählich stirbt der Friedhof selbst. Immer mehr Menschen finden ihn als letzte Ruhestätte zu teuer und die strengen Vorgaben nicht zeitgemäß. Sie lassen ihre Asche lieber übers Meer verstreuen, sich unter einem Baum beerdigen oder neben dem geliebten Haustier.

Soziologe Khosrokhavar über Terror in EuropaWarum der Dschihadismus weiter andauern wird

Der iranisch-französische Soziologe Farhad Khosrokhavar ist Studienleiter an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. (AFP / Damien Meyer)

Seit fast 30 Jahren erforscht Farhad Khosrokhavar das Phänomen der Radikalisierung unter Moslems. Europa werde das nächste Jahrzehnt mit dschihadistischem Terror leben müssen, ist sich der iranisch-französische Soziologe sicher.

Unruhen in IndienDie Wut der Jugend von Kaschmir

Jugendliche werfen Steine auf ein indisches Polizeiauto während der Unruhen in Srinagar, der Sommerhauptstadt des indischen Teils Kaschmirs. (picture alliance / dpa / Farooq Khan)

Seit dem 8. Juli gehören Tote und Verletzte zum traurigen Alltag im indischen Teil Kaschmirs. Damals erschossen Soldaten den Kämpfer Burhan Wani. In den Augen der indischen Regierung ein Terrorist, für viele Jugendliche ein Held und Märtyrer. Seitdem gehen seine Anhänger regelmäßig demonstrieren - doch immer seltener geht es dabei friedlich zu.

Holocaust-ZeitzeugeMax Mannheimer ist tot

Der Holocaust-Zeitzeuge Max Mannheimer (dpa / picture-alliance / Andreas Gebert)

Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer ist im Alter von 96 Jahren in einer Münchner Klinik gestorben. Er galt als wichtige Stimme für die sechs Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten Juden.

Yvonne Hofstetter: "Das Ende der Demokratie"Big Data in der Politik

Blick in die Zukunft? - Was kann künstliche Intelligenz (dpa)

Die Big Data-Unternehmerin Yvonne Hofstetter warnt in ihrem neuen Buch davor, welche Konsequenzen künstliche Intelligenz für die Politik haben könnte: Es drohe das "Ende der Demokratie". Und sie zeigt Auswege an, wie eine digitale Zukunft human gestaltet werden kann.

MedizinWach, wacher, Kaffeeschock

Kaffee ist eigentlich eine Art Psychostimulanzie, die sich auf den ganzen Körper auswirkt: der Blutdruck steigt, wir können uns besser konzentrieren und sind aktiver. Nur manchmal trinken wir eine Tasse zu viel - Dr. Johannes Wimmer weiß, was dann zu tun ist.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Fußball  HSV trennt sich von Trainer Labbadia | mehr

Kulturnachrichten

Autor Nahed Hattar in Jordanien erschossen  | mehr

Wissensnachrichten

"Spectacles"  Snapchat macht jetzt Sonnenbrillen | mehr