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Indien schaut auf den Prozessauftakt

Anklageschrift im Vergewaltigungsfall soll vorgelegt werden - neue Details zu der Tat

Junge Menschen zünden Kerzen für die verstorbene Frau an (picture alliance / dpa / Sajneev Gupta)
Junge Menschen zünden Kerzen für die verstorbene Frau an (picture alliance / dpa / Sajneev Gupta)

Heute erfolgt in Indien der Auftakt zum Strafprozess um die gemeinschaftliche Vergewaltigung einer 23-jährigen Studentin. Die Tat von Mitte Dezember sorgte im In- und Ausland für Entsetzen. Den Angeklagten droht die Todesstrafe. Unterdessen werden immer mehr Details über den Fall bekannt.

Tausend Seiten ist die Anklageschrift dick, die offiziell bei Gericht eingereicht werden soll. Unter den Anklagepunkten gegen die sechs mutmaßlichen Vergewaltiger der vor einer Woche gestorbenen Frau ist Medienangaben zufolge auch der Vorwurf des Mordes. Bei einer Verurteilung droht ihnen der Tod durch den Strang. In Indien gibt es die Todesstrafe, sie wird aber nur selten vollstreckt. Fünf der Beschuldigten sollen im Laufe des Tages zu einer ersten Anhörung erscheinen. Beim sechsten mutmaßlichen Täter müssen zunächst Knochentests Aufschluss über sein wahres Alter geben. Möglicherweise sei er minderjährig und müsse vor ein Jugendgericht gestellt werden, erklärte ein Polizeisprecher.

Die Öffentlichkeit erwartet mit großem Interesse den Prozess, berichtet unser Indien-Korrespondent Kai Küstner im Deutschlandfunk. "Dabei gehen die Fragen der Diskussion zunehmend in die Tiefe", stellt er fest - mehr als der Schrei nach Rache rückten Fragen nach dem grundsätzlichen Zustand der indischen Gesellschaft in den Vordergrund.

Der Prozessauftakt kommt ungewöhnlich schnell. Indiens Justiz gilt gemeinhin als äußerst behäbig. Ein Vergewaltigungsfall aus dem südlichen Bundesstaat Kerala zieht sich bereits seit 16 Jahren hin. Doch die jetzige Tat ist offenbar zu brutal und das öffentliche Entsetzen zu gewaltig, als dass man den Angehörigen und dem Rest der Bevölkerung auch noch eine Verzögerung zumuten will.

Ablauf der Tat

In den vergangenen Tagen waren durch die Polizei und indische Medien immer mehr Details über den Ablauf der Tat am 16. Dezember an die Öffentlichkeit gelangt. Mit Hilfe von Aussagen des Opfers - das nach der Tat zwischenzeitlich bei Bewusstsein war - und ihres Freundes, lässt sich die Tat bereits teilweise rekonstruieren.

Demnach verbrachten die sechs mutmaßlichen Täter ihren freien Sonntag zunächst damit, Alkohol zu trinken. Dann beschlossen sie, mit einem Bus eine Spritztour zu machen. Der 33-jährige Hauptverdächtige arbeitete werktags als Fahrer des Busses, mit dem vorwiegend Schulkinder befördert wurden.

Es war nach 21 Uhr, als das 23-jährige Opfer und ihr fünf Jahre älterer Freund aus einem Kino kamen und sich auf den Weg nach Hause machten. An einer Haltestelle habe der Bus mit getönten Scheiben gewartet, teilte die Polizei mit. Einer der Insassen habe sich als Busschaffner ausgegeben. Er lockte die beiden in das Fahrzeug und behauptete, man fahre das gewünschte Ziel an.

Mit Eisenstange traktiert

Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Die Zeitung "The Hindu" schreibt unter Berufung auf die Opfer, der Freund habe alsbald protestiert, weil der Bus von der Route abgewichen sei. Daraufhin begannen die Männer, ihn mit einer Eisenstange zu schlagen. Die Studentin versuchte, ihren Freund zu verteidigen. Laut "Times of India" biss sie einen der Angreifer. Ein Ermittler sagte der Zeitung: "Alkohol und der Widerstand des Opfers haben ihn durchdrehen lassen." Freunde des 33-Jährigen hätten den Mann als "verrückt" und streitsüchtig beschrieben. Die Bissverletzungen sowie Blut, Sperma und Haare bilden Medienberichten zufolge die Hauptbeweislast.

Während der Bus ziellos durch die Stadt fuhr, fielen die Männer über die 23-Jährige her. Mit der Eisenstange fügten sie ihr schwerste innere Verletzungen zu. Nach rund einer Stunde Fahrt sollen die Täter ihren Opfern Geld und Handys abgenommen haben, sie nackt ausgezogen und an einer Schnellstraße aus dem Bus geworfen haben. Die Nachrichtenagentur IANS berichtet, die Männer hätten dann noch versucht, die beiden zu überfahren. Dem 28-Jährigen, der die Tat überlebte, sei es jedoch gelungen, die Freundin zur Seite zu ziehen. Laut Polizei versuchten die Beschuldigten, die Spuren der Tat zu verwischen. Sie sollen die Kleider der Frau verbrannt und versucht haben, den Bus gründlich zu reinigen.

Anwälte weigern sich, die Verteidigung zu übernehmen

Sanjay Kumar, Mitglied der Anwaltskammer des Hauptstadtbezirks Saket, sagte der Nachrichtenagentur AFP, die 2500 beim zuständigen Gericht zugelassenen Verteidiger weigerten sich allesamt, die Beschuldigten in dem Verfahren zu vertreten. Sie hielten es für "unmoralisch", diesen Fall zu übernehmen, erläuterte er. Die Regierung muss im Zweifelsfall Pflichtverteidiger bestimmen.

Erneut gingen gestern in Neu Delhi hunderte Menschen auf die Straßen, sprachen Gebete für die Frau und zündeten Kerzen an. Der Staatssekretär für Bildung, Shashi Tharoor, schlug unterdessen vor, ein geplantes Gesetz zu schärferen Strafen für Sexualverbrechen nach ihr zu benennen. Voraussetzung sei, dass die Familie einverstanden sei, schrieb er auf Twitter. Der Name des Opfers ist bislang unbekannt.

Alle 18 Stunden eine Vergewaltigung

Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist in Indien weit verbreitet. Aus Furcht vor einer Stigmatisierung der Familien wird die Identität der Opfer meist geheim gehalten, viele Taten kommen nicht ans Licht. In Neu Delhi wird nach Polizeiangaben im Durchschnitt allein alle 18 Stunden eine Vergewaltigung angezeigt. Anfang der Woche wurde eine neue 24-Stunden-Hotline für "Frauen in Not" eingeführt.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

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