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Innenansichten aus Atomkraftwerken und aus Afghanistan

Die Dokumentarfilme im Forum

Von Robert Brammer

Das Logo der 61. Internationalen Filmfestspiele  in Berlin (picture alliance / dpa)
Das Logo der 61. Internationalen Filmfestspiele in Berlin (picture alliance / dpa)

Auch in diesem Jahr gibt es Regiearbeiten, die den Gang ins Kino lohnen. Drei Dokumentationen, die im Internationalen Forum des Jungen Films der Berlinale gezeigt werden, ragen besonders aus dem aktuellen Programm heraus.

Die Finanzkrise von 2008 ist mit dem hochgelobten amerikanischen Beitrag "Margin Call" zwar im Wettbewerb der Berlinale vertreten - aber offenbar hat das Auswahlkomitee der Sektion Forum auch in diesem Jahr keine Dokumentarfilme über dieses so einschneidende und viele Menschen bewegende Thema gefunden.

Dessen ungeachtet gibt es natürlich auch in diesem Jahr Regiearbeiten, die den Gang ins Kino lohnen. Drei Dokumentationen, die im Forum gezeigt werden, ragen besonders aus dem aktuellen Programm heraus.

"Heute nach 25 Jahren sind wir noch immer auf dem aktuellen Stand und haben eine Technologie, nach der sich Ingenieure die Finger lecken."

In seinem Dokumentarfilm Unter Kontrolle versammelt Volker Sattel Innenansichten deutscher Atomkraftwerke. Der Regisseur will mit seinem Film über eine Technologie, die einmal Synonym für den technischen Fortschritt war, auch ein Kapitel Zivilisationsgeschichte schreiben.

"Natürlich wollte ich auch die bekannte Bedrohung spürbar machen, aber ich wollte auch die Faszination zeigen, die diese Technik auf die Ingenieure ausübt. Und diese ja auch noch von der Utopie gespeist ist, was aber sehr interessant ist, das war einfach der Aspekt von Mensch und Technik, der eine ganz große Rolle spielt in dem Film. Wo man eigentlich immer nur davon redet, dass der Mensch diese Technologie beherrschen muss. Und der Film stellt aber auch die Frage, ob nicht auch der technische Apparat letztendlich die Kontrolle über den Menschen ausübt, ob dann nicht diese Technik über den Menschen hinauswächst."

Doch Volker Sattel kann nicht drehen was er will in dieser so streng hermetisch abgeschirmten Welt. Er kann nur drehen, was man ihm zeigt. Die Kontrollräume, die er abbildet, sind fast menschenleer. Hunderte bunt blinkende Lämpchen versinnbildlichen die Herrschaft der Technik.

Atomkraftwerke in Cinemascope: Blicke hinter die Werksmauern hoch gesicherter Anlagen: Kontaminierte Arbeitskleidung wird bei 90 Grad gewaschen, Castoren in riesigen Hallen zwischengelagert, Störfälle in einem Schulungszentrum simuliert.

"Helmut, der Druck im Sicherheitsbehälter steigt. Er ist schon bei zwölf Milligramm. Zwölf Milligramm? Was haben wir momentan für einen ADB-Druck? ADB Druck haben wir momentan von 55 bar. Feuermeldung. Au, jetzt haben wir einen automatischen Lüftungsabschluss bekommen. Das heißt – wir machen jetzt eine Reaktorschnellabschaltung. Lotus betätigt."

Sattels Bilder versinnbildlichen auch, dass die Atomkraftwerke so etwas sind wie eine der letzten Männerbastionen dieser Republik. Es sind Männer, die in den gleißenden weißen Kontrollräumen arbeiten. Und es sind Männer, die die atomaren Brennstäbe auswechseln oder Besucher durch das Werk führen und bis heute den Verheißungen der Atomkraft nachhängen.

Volker Sattels Betriebsausflug in die Welt der atomaren Energieerzeugung kommt ohne viel Worte aus. Der Regisseur setzt unkommentiert auf die Ästhetik der atomaren Architektur, die lange Zeit als ein Symbol des Fortschritts galt.

Am Ende des Films: ein Kettenkarussell im Kühlturm des 'Schnellen Brüters Kalkar, der niemals in Betrieb ging. Die kostspieligste Industrieruine Deutschlands ist heute ein Freizeitpark:

"Als Tschernobyl explodierte, da war eigentlich klar, dass wir in der Versuchsphase waren und das muss man ganz klar sagen, Tschernobyl hat uns den Nacken gebrochen."

Beeindruckend im Forum ist auch "El Mocito", übersetzt heißt das so viel wie: 'Der kleine Hausmeister'. Porträtiert wird hier ein heute völlig vereinsamter Mann, der in seiner Jugend den Folterern der chilenischen Junta Kaffee kochte, ein Mann, der den Tätern zu nah war, aber dann doch wieder zu unbeteiligt, um zum Kreis der Mörder zu zählen und der sich in dem Film jetzt aufmacht, um mit sich und seiner Vergangenheit in Reine zu kommen.

In Traumfabrik Kabulschließlich stellt Sebastian Heidinger eine höchst ungewöhnlich Frau vor: Saba Sahar, seit 18 Jahren Polizistin in Kabul. Aber sie ist auch Schauspielerin und Filmemacherin, die erste afghanische Filmemacherin überhaupt. Und als solche tritt sie unbeirrt für die Rechte der Frauen in ihrem kriegszerstörten Land ein.

"Die Frauen sollten sich ihrer Rechte und ihrer Stärke bewusst werden. Ich habe eine Geschichte geschrieben für eine Serie, in der Gewalt gegen Frauen gezeigt wird. Oder besser: die Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Ich will wachrütteln und Missstände anprangern."

Acht Filme hat Saba Sahar bis heute gedreht. Mit einem mobilen Kino bereist sie die Provinzen Afghanistans. Ihre Filme handeln von der Gewalt gegen Frauen. Leidenschaftlich kritisiert sie das afghanische Familienrecht und prangert dabei auch den von Frauen geforderten Blutzoll an.

"Der Mann begeht einen Mord und die Frau wird dafür bestraft und geopfert. Das ist in keiner Konfession, in keinem Gesetz so. Und wenn eine Frau Witwe wird, gibt es bei den Paschtunen eine Tradition, die weder in der Scharia, noch im Koran oder sonst wo steht. Die Witwe muss den Schwager heiraten. Und gibt es keinen, dann muss ein anderer her, sogar ein Kind der Familie!"

Der Alltag in Kabul ist plötzlich näher als die sieben Flugstunden, die zwischen Berlin und der afghanischen Hauptstadt liegen. Saba Sahar gibt dem täglichen Überlebenskampf in Afghanistan ein Gesicht. Der Dokumentarfilmer Sebastian bleibt er immer im Hintergrund, wenn er seine Protagonistin mit ernstem Gesicht vom Alltag afghanischer Frauen berichten lässt. Seit zwei oder drei Jahren, so das wenig ermutigende Resümee von Saba Sahar, sei in ihrem Land alles noch viel schlimmer geworden.

"Ich wünsche mir, dass Afghanistan zu einem Land wird, wo endlich Friedenstauben und lächelnde Menschen sich mit Freude um ihre Belange kümmern. Wir sind hier alle vom Krieg müde. Wir sind vom Krieg zermürbt."

Mehr zum Thema:
Unser Programm zur Berlinale<br />Alle Infos zum Filmfestival bei dradio.de

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr

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