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Isländisches ist angesagt

Island, die Krise und die Literatur

Von Jessica Sturmberg

Ein Messebauer hängt auf der Buchmesse in Frankfurt am Main am Stand des Gastlandes Island ein Island-Plakat auf. (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)
Ein Messebauer hängt auf der Buchmesse in Frankfurt am Main am Stand des Gastlandes Island ein Island-Plakat auf. (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)

Island ist das bisher kleinste Land, dass je als Ehrengast nach Frankfurt kam, literarisch tritt es wie eine Großmacht auf. Im Gepäck haben die Isländer rund 200 Neuerscheinungen. Hat eine Nation mit 320.000 Einwohnern tatsächlich so viel zu erzählen?

Es gibt keinen anderen Ort, an dem es sich die Isländer so gut gehen lassen, an dem sie besser entspannen als im heitur pottur, Hot Pot oder "Heißen Pott" wenn man es genau übersetzt, dem Bad im warmen Wasser. In jedem noch so kleinen Kaff gibt es ein Schwimmbad mit Hot Pot. Treffender wäre es aber wohl, von Hot Pots mit angeschlossenen Schwimmbädern zu sprechen. Denn sportlich betätigen sich nur die wenigsten.

Ohnehin ist das Bad in einer der vielen warmen Quellen in der freien Natur noch immer das größte Erlebnis, für das man dann gerne viele Kilometer Fahrt oder Wanderung auf sich nimmt.

"Man kann praktisch die Hot Pots mit Stammkneipen in Deutschland vergleichen. Da wird diskutiert und Meinungen ausgetauscht und geschimpft","

erzählt Kristín Steinsdóttir, Vorsitzende des isländischen Schriftstellerverbands. In diesen Tagen dürfte es in den isländischen Hot Pots besonders hoch hergehen. Die Stimmung im Land ist wegen des strikten Sparkurses der links-grünen Regierung wieder angespannt. Gerade hat der Internationale Währungsfonds die letzte Tranche seiner 2,1-Milliarden-Dollar-Hilfe ausgezahlt. Die Wirtschaft wächst wieder, die Staatsfinanzen sind laut IWF auf dem Weg der Besserung, aber für viele private Kreditschuldner spitzt sich die Lage jetzt zu. Für eine Weile konnte man Schulden stunden, die Zeit ist jetzt vorbei. Und die Arbeitslosigkeit liegt weiter bei ungewohnt hohen acht Prozent.

Soweit die ökonomische Lage, die seelische ist noch sehr viel komplizierter.

Schriftsteller Einar Már Guðmundsson sieht Island beispielsweise als Versuchskaninchen irgendwo da draußen im Nordatlantik.

" "Wir sind eine Art Labor für die EU und den Internationalen Währungsfonds, sie wollen sehen wie eine friedliche und gut ausgebildete Mittelklasse auf eine solche Krise reagiert."

Gestern noch so eng vernetzt mit der Welt, dann plötzlich abgehängt mit einem riesigen Berg von Problemen. Darunter eine Währung, deren Wechselkurs künstlich stabil gehalten wird. Die mächtigen, selbst problembeladenen Nationen könnten von außen beobachten: Was macht so eine Krise mit den Menschen? Die schlichte Antwort darauf ist: Die Menschen machen sich auf die Suche. Jeder vordergründig nach etwas anderem, aber alles hat mit neuem Halt im Leben zu tun.

"Ich wusste, dass er nicht dumm ist, im Gegenteil, er war clever und vorausschauend wie ein Rabe, aber er sollte wohl einfach nicht die Fähigkeit besitzen, sich weiterzuentwickeln, nicht dazu fähig sein, genug an seiner eigenen Vorzüglichkeit zu zweifeln, um sich Fragen zu stellen, die ihn weiterbringen, er war zu keiner spürbaren Entwicklung fähig, als anzufangen, statt Mars Snickers zu essen oder Mineralwasser statt Cola zu trinken, oder damit aufzuhören, EC-Karten-Belege mit seiner Telefonnummer zu unterschreiben, wenn ihm die Verkäuferin gefiel. Eine weitere Entwicklung sollte ihm wohl nicht vergönnt sein."

Nachdem der luxuriöse Lebensstil, der den arbeitslosen Banker Markús mit seinem Ex-Kollegen und früheren Freund Anton einst verband, sich nicht mehr halten lässt, leben sich die beiden in dem Roman "Bankster" sehr schnell auseinander. Dass der gewöhnliche Banker aus der dritten oder vierten Reihe kein Gangster ist, sondern selbst auf der Suche nach dem persönlichen Fehler im Leben, erzählt der Autor Guðmundur Óskarsson in seinem als Tagebuch verfassten Roman. Ex-Banker Markús, der eigentlich isländische Literatur studieren wollte, sich aber wegen der tollen Karriereaussichten für das Bankwesen entschied, hadert mit seiner neuen Situation. Sein ganzes Leben gerät aus den Fugen. Ein Gefühl, das die Seelenlage vieler Isländer treffend beschreibt. Inzwischen besinnt man sich wieder auf fast vergessene isländische Werte. Ex-Banker Markús muss allerdings erst noch darauf kommen, dass die hausgemachte Lamm-Blutwurst seiner Mutter genauso gut schmeckt wie französische Gänseleberpastete. Ansonsten ist Isländisches wieder angesagt. Die Leute stricken warme Wollpullis, machen Camping-Urlaub im eigenen Land, und plötzlich ist es sexy, kein Geld zu haben.

"Das ist so, dass die Menschen mittlerweile darum fast wetteifern, mit wie wenig man auskommen kann. Das ist wie ein Statement, fast ein Status, ein rebellischer Status","

diagnostiziert Autor Guðmundur Oskarsson. Was aber nicht heißt, dass die Menschen sich einfach hängen ließen. Dafür ist die Gesellschaft zu klein und hatte schon zu oft mit schwierigen Umständen zu kämpfen.

Das mit dem neoliberalen Konzept eines sehr freien Marktes hat so nicht funktioniert, probieren wir es doch mit ein bisschen Spaß und Schrägem, denken sich wohl die Isländer, mindestens solange sie keine neue durchschlagende Ideologie gefunden haben. Ungefähr so lässt sich der Wahlerfolg von Komiker Jón Gnarr mit seiner Besten Partei im vergangenen Jahr erklären. Jetzt regiert der 44-Jährige seit knapp eineinhalb die Stadt Reykjavík als deren Bürgermeister und das ganz ohne ideologisches Konzept. Also mehr oder weniger:

""Wir haben keine Ideologie, wir sind weder links, noch rechts, oder mittig. Wir sind Anarcho-Surrealisten. Und keiner weiß, was das ist. Ich auch nicht."

Ins Chaos hat er die Hauptstadt mit dem anarcho-surrealistischen Ansatz jedenfalls nicht geführt, im Gegenteil: Er spart in Bereichen, in denen es wehtut. Bei den Schulen etwa oder den städtischen Versorgungsbetrieben. Seine politische Unschuld hat er damit verloren, nicht aber seinen Humor. Und die Bürger nehmen es ihm und seinen kreativen Parteigenossen - die meisten von ihnen Künstler - ab, dass sie zumindest ihr Bestes geben, um die Stadt wieder nach vorn zu bringen.

Der Skurrilste unter den Literaten ist wohl Hallgrímur Helgason, der seiner Gesellschaft allzu gern einen ironischen Spiegel vorhält, dabei bewusst überzeichnet. Und dem nichts heilig ist. In seinem jüngsten Werk "Eine Frau bei 1000°" geht es um die 80-Jährige todkranke Herbjörg, die mit einem Laptop und einer alten Handgranate allein in einer Garage lebt und schon mal ihre Bestattung organisieren will.

"Ja, ich möchte einen Termin für eine Einäscherung buchen. - Einen Termin buchen? - Ja genau. - Aha, ja. Wie war noch mal der Name? Herbjörg Maria Björnsson. (...) Haben Sie den Antrag auf Einäscherung schon eingereicht? - Nein, nein. Ich möchte einen Termin für mich buchen. Für mich selbst. - Für Sie persönlich? - Jawohl. - Aber erst muss der Antrag gestellt eingereicht werden. - Wie mache ich das? - Sie können ihn online ausfüllen und dann an uns schicken, aber wir bearbeiten ihn eigentlich nicht, bevor, naja - bevor? - Nun ja, wir bearbeiten ihn nicht, bevor sie wissen schon, bevor die Leute ... tot sind. - Gut. Wenn es soweit ist, werde ich tot sein, darauf kannst Du Dich verlassen. So?"

Hallgrímur hat sichtlich Spaß, seinen schwarzen Humor selbst zu präsentieren. Die Isländer waren schon immer offen für so etwas. Aber inzwischen ist Galgenhumor zum festen Bestandteil im Leben nach der Krise geworden. Früher, vor der Krise, hatte man die Vorstellung, dass die Superreichen sich ihren großen Wohlstand redlich verdient hatten, sagt Bestseller-Autor Andri Snær Magnason. Er hat das kritische Sachbuch "Draumalandið", "Traumland" geschrieben hat.

"Es gab die normalen Diskussionen in den Hot Pots, wo die Leute sich nie beklagt haben, wer wie viel verdient hat oder woher das Geld kam. Aber jetzt finden viele, dass es ungerecht verteilt ist. Und das Argument, dass die wichtigen Geschäftsleute immer angeführt haben, dass sie ja auch ein großes Risiko tragen, stimmt so gar nicht. Es gibt für die kein Risiko. Es ist für sie wie in einem Computerspiel mit zehn Leben."

Heute wird in den Hot Pots kein gutes Haar mehr an den Finanz-Wikingern gelassen. Auch nicht an den meisten Politikern. Andererseits: Im warmen Wasser werden auch keine Revolutionen gemacht. Dafür ist es dort viel zu entspannt.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:45 Uhr

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