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Israelischer Historiker hält Günter Grass für "pathetisch" und "egozentrisch"

Grass löst mit Gedicht zu Israels Iranpolitik heftige Debatte aus

Blick auf die Titelseite der "Süddeutschen Zeitung" mit der Ankündigung des Grass-Gedichts (picture alliance / dpa /  Stephan Jansen)
Blick auf die Titelseite der "Süddeutschen Zeitung" mit der Ankündigung des Grass-Gedichts (picture alliance / dpa / Stephan Jansen)

Günter Grass' Gedicht zu Israel hat in Deutschland einen Sturm der Kritik ausgelöst. Der israelische Historiker Tom Segev findet, Grass hätte seine letzten Tintentropfen lieber in ein weiteres gutes Buch investieren sollen. Er nennt Grass "pathetisch".

Es gebe in Israel seit längerer Zeit eine rege Diskussion darüber, ob das Land den Iran angreifen solle oder nicht, sagte der israelische Historiker und Journalist Tom Segev im Deutschlandradio. "Deshalb fand ich das ein bisschen pathetisch, dass da ein deutscher Schriftsteller auf einmal sein 'Schweigen brechen' muss, wie wenn irgendwer über das israelische Atomprojekt jemals geschwiegen hätte."

Zugleich widersprach Segev dem Vorwurf, dass Grass' Äußerungen antisemitisch seien: "Er ist kein Antisemit, er ist nicht antiisraelisch." Schwierig halte er jedoch dessen Gleichsetzung des Iran mit Israel.

Grass kritisiert Israel

"Warum sage ich jetzt erst, / gealtert und mit letzter Tinte: / Die Atommacht Israel gefährdet / den ohnehin brüchigen Weltfrieden?"

So schreibt Günter Grass in dem Gedicht, das die "Süddeutsche Zeitung" unter dem Titel "Was gesagt werden muss" veröffentlicht hat. Grass kritisiert darin die israelische Politik gegenüber dem Iran.

Auch in der "New York Times" und der italienischen Zeitung "La Repubblica" ist Grass' Einlassung gegenüber Israel erschienen. Er fragt sich: "Warum aber schwieg ich bislang" und kritisiert auch die geplante Lieferung eines weiteren U-Boots aus Deutschland, "aus meinem Land", nach Israel.

Heftige Reaktionen aus Deutschland und Israel

Die israelische Botschaft in Berlin hat die Kritik Grass' zurückgewiesen und in eine Reihe mit antisemitischen Vorurteilen gestellt. Es gehöre zur europäischen Tradition, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen, heißt es in einer Erklärung des Gesandten Emmanuel Nahshon. Auch von anderen Stellen hagelte es Kritik für den Literaturnobelpreisträger. Die Bundesregierung reagiert unterdessen gelassen und will sich nicht äußern.

Grass habe sein Leben lang an der deutschen Schuld gelitten und meine deshalb, zu wichtigen politischen Themen Schweigen zu müssen, sagte der Soziologe und Publizist Micha Brumlik im Deutschlandradio Kultur. "Das ist falsch, dass es ein Tabu gibt", so Brumlik weiter. Grass' Gedicht komme dennoch dem Antisemitismus sehr nahe, da er den Staat Israel, der sich mit atomarer Bewaffnung vor der Vernichtungsandrohungen des Irans zu schützen versuche, als Hauptursache für den brüchigen Weltfrieden bezeichnet.

Günter Grass selbst lehnte eine Rechfertigung für das Gedicht am Donnerstag ab.

Lange schwelender Konflikt

Nicht zum ersten Mal gerät Grass in die Negativschlagzeilen. Im Herbst 2011 veröffentlichte die israelische Zeitung "Ha'aretz" ein Interview mit Grass, in dem er das Leid der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Leid der Juden durch die Schoah verglichen hat. Vor allem aus Deutschland gab es damals Kritik.

2006 war bekannt geworden, dass Grass als 17-Jähriger am Ende des Zweiten Weltkriegs Mitglied der Waffen-SS war. Er war damals scharf kritisiert worden, weil er selbst anderen immer wieder ihre NS-Vergangenheit vorgeworfen hatte.

Programmhinweis
Die Sendung "Fazit" widmet sich ab 23:05 Uhr der Debatte um das umstrittene Grass-Gedicht.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:50 Uhr

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