Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Japans Atomausstieg auf der Kippe

Nach der Parlamentswahl kommen die traditionellen Befürworter der Kernenergie wieder ans Ruder

Das Atomkraftwerk  Fukushima 1 in Okuma, Fukushima-Präfektur, läutete die Wende ein.  (AP)
Das Atomkraftwerk Fukushima 1 in Okuma, Fukushima-Präfektur, läutete die Wende ein. (AP)

Die bisherige Regierung in Tokio wollte in den 2030er-Jahren raus aus der Atomkraft sein. Nach Fukushima hatte sich die Stimmung im Land gewandelt. Jetzt haben aber die Konservativen die Parlamentswahl deutlich gewonnen. Und in ihren Reihen sind zahlreiche überzeugte Anhänger nuklearer Energie.

Die Aktien der Betreibergesellschaft des havarierten Atomkraftwerks in Fukushima, Tepco, schossen am Tag nach den Parlamentswahlen mit einem Aufschlag von fast 33 Prozent regelrecht durch die Decke. Offenbar profitierten sie davon, dass die bei den Wahlen siegreiche Liberaldemokratische Partei (LDP) der Atomenergie gegenüber als wohlgesonnen gilt. Die bisher regierende Demokratische Partei (DPJ) hatte sich dafür stark gemacht, die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft von der Atomenergie unabhängiger zu machen. Sie beschloss, in den 2030er-Jahren die letzten Anlagen abzuschalten. Folgt nun der Ausstieg aus dem Ausstieg?

Der japanische Industrieverband Keidanren ließ jedenfalls schon einmal freudig wissen, man begrüße den "Erdrutschsieg" der LDP von Shinzo Abe. Der wird aller Voraussicht nach am 26. Dezember zum neuen Ministerpräsident gewählt. Mit seinem Koalitionspartner "New Komeito" würde er über eine Zwei-Drittel-Mehrheit verfügen und damit über die entsprechende Handhabe für einen grundsätzlichen Politikwechsel.

Im Wahlkampf kein großes Thema

Allerdings spielte der Umgang mit Atomkraft fast zwei Jahre nach dem Reaktorunglück von Fukushima im Wahlkampf keine große Rolle. Laut Politikwissenschaftler Kazuhisa Kawakami von der Meiji Gakuin Universität stand die Wirtschaftspolitik im Vordergrund. "Wir müssen den Schwerpunkt auf die Wirtschaft legen - vor allem weil wir eine Insel sind", sagte er. "Wir sind nicht Deutschland. Wir können nicht einfach Energie aus anderen Ländern beziehen." In Japan sind derzeit fast alle 50 Atomreaktoren für Überprüfungen abgeschaltet - nur zwei sind am Netz. Japan muss daher teure fossile Energien importieren, was die Energiekosten der Industrie nach oben treibt.

Umfragen zufolge sprechen sich bislang rund 70 Prozent der Japaner für einen langfristigen Ausstieg aus, wie unser Korrespondent Peter Kujath berichtet. Somit stellt sich die Frage, ob die Liberaldemokraten dem nicht Rechnung tragen müssen, sofern diese Stimmung im Volk Bestand hat. Shinzo Abe selbst bleibt vage: "Wenn man sich ernsthaft mit dem Thema beschäftigt, stellt man fest, dass es nicht einfach nur schwarz oder weiß gibt", erklärt er. Der Politiker, der bereits bis 2007 schon einmal Premierminister war, kündigte an, "viel staatliches Geld" in den Bereich der erneuerbare Energie zu investieren, um damit Innovationen zu bewirken. Im gleichen Atemzug schränkt er jedoch ein, niemand könne so genau sagen, ob diese Innovationen auch zustande kämen, und führte aus: "Wenn wir jetzt schon einen Zeitpunkt für den Ausstieg festlegen, werden die Ingenieure in der Atomindustrie nicht mehr motiviert sein. Manche verlassen dann Japan und gehen ins Ausland."

Die neue Regierung dürfte wenig Interesse an neuen Protesten haben

Knapp 6000 Japaner beim Anti-Atom-Protest in Tokio (picture alliance / dpa / Franck Robichon)Immer mehr Japaner lehnen Atomkraft ab. (picture alliance / dpa / Franck Robichon)Japan hat in den vergangenen beiden Jahren die größten Anti-Atomkraft-Proteste seiner Geschichte erlebt. Die neue Regierung dürfte wenig Interesse daran haben, diese Gruppen allzu stark zu provozieren und wieder auf die Straßen zu treiben. Auch innerparlamentarisch hat sich die Situation etwas verändert. Die kurz vor den Wahlen gegründete Zukunftspartei Japans, die explizit auf Atomausstieg setzt, erzielte immerhin auf Anhieb neun Mandate - die Wir-Partei, die ebenfalls Nuklearenergie ablehnt, kam auf 18, der DPJ bleiben 57 Abgeordnete.

Zudem konnte die alte Regierung gesetzlich durchsetzen, dass die vorhandenen Atomkraftwerke erst nach der Genehmigung durch eine neu ins Leben gerufene unabhängige Aufsichtsbehörde, wieder ans Netz dürfen. Ad hoc dürfte sich also in Japan nichts ändern in Sachen Atomkraft.

Mehr auf dradio.de

Made in Japan- Auswirkungen der Wahl auf die deutsch-japanischen Handelsbeziehungen
Viele Parteien, wenige Unterschiede- Japan wählt ein neues Parlament
Japanische Gewaltorgie in China- Vor 75 Jahren begann das "Massaker von Nanking"

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 08:50 Uhr Presseschau

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 08:05 Uhr Kakadu

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Mladen Ivanic, Vorsitzender des Präsidiums von Bosnien und Herzegowina2025 Verhandlungsauftakt für EU-Beitritt?

Mladen Ivanic, Mitglied des Dreier-Staatspräsidium von Bosnien und Herzegowina (dpa picture alliance/ Michael Kappeler)

Bosnien und Herzegowina könnte ab 2025 ernsthaft über einen EU Beitritt verhandeln. Einen früheren Verhandlungsauftakt hält der amtierende Vorsitzende des Präsidiums von Bosnien und Herzegowina, Mladen Ivanic, für unrealistisch. Ein EU Beitritt für sein Land jedoch die einzige Alternative.

Wildtiere in NotRettung in letzter Sekunde

Fast wäre ein Gullydeckel dem kleinen Eichhörnchen zum Verhängnis geworden. Es wollte durch eines der Löcher schlümpfen und hing fest. Zum Glück informierte eine Frau die Wildtierretter, die das völlig entkräftete Tier im letzten Moment noch befreien konnten.

VenezuelaGesundheitssystem vor dem Kollaps

Der kleine Isaai Camacho (v.r.) wartet mit seiner Mutter am 20.06.2016 am Kinderkrankenhaus «Jorge Lizarraga» der Stadt Valencia in Venezuela (Südamerika) auf eine Behandlung.  (dpa / picture-alliance / Georg Ismar)

Leere Klinik-Apotheken, durchgelegene Betten und marode Gebäude - das staatliche Gesundheitssystem in Venezuela ist völlig am Boden. Die Opposition wirft Präsident Nicolás Maduro vor, den Bürgern die Unterstützung von ausländischen Hilfsorganisationen zu verweigern. Er fürchte um das Image des Landes.

Vereine in DeutschlandEs sterbe der Sport?

Die TG Bornheim in Frankfurt ist einer der deutschen Großvereine. (Deutschlandradio / Marina Schweizer)

Es gibt immer mehr Vereine in Deutschland, aber immer weniger Mitglieder. Insbesondere Sportclubs klagen über Austritte und fehlende Ehrenamtler. Kann Deutschland den Titel als Vereinsweltmeister halten?

Tag der Menschenrechte Wie weit soll man die Wirtschaft auf Menschenrechte verpflichten?

Frauen und Männer arbeiten in der Textilfabrik "One Composite Mills" in Gazipur, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka in Bangladesch. (picture alliance / dpa)

Inwieweit wird in Deutschland die Würde aller Menschen geachtet? Michael Windfuhr, Direktor des Instituts für Menschenrechte, plädiert dafür, etwa Unternehmen dazu zu verpflichten, ihre Produktionskette auf die Wahrung von Menschenrechten zu überprüfen.

Literaturnobelpreis 2016 Bob Dylans Shakespeare

Seit mehr als einem halben Jahrhundert prägt und inspiriert Bob Dylan die Kultur seiner Nation und der Welt. Seine Songtexte erscheinen oft rätselhaft. Näher als in diesem Hörsaal können wir dem rätselhaften Songwriter nicht kommen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Palmyra  IS-Miliz zieht sich offenbar aus antiker Stadt zurück | mehr

Kulturnachrichten

"Toni Erdmann" zum besten europäischen Film gekürt  | mehr

Wissensnachrichten

Deutsches Kulturerbe  Ostfriesische Teekultur, Skat und Hebammen gehören dazu | mehr