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Jenoptik: Vom DDR-Kombinat zum Technologie-Konzern

Teil 1 - Die Ostwirtschaft 20 Jahre nach dem Mauerfall

Von Andreas Kolbe

Ein Mechatroniker justiert  für das Unternehmen "Jenoptik Laser, Optik, Systeme GmbH" einen Laserkopf zum Schneiden von Solarzellen.
Ein Mechatroniker justiert für das Unternehmen "Jenoptik Laser, Optik, Systeme GmbH" einen Laserkopf zum Schneiden von Solarzellen. (AP)

In der Serie "Vom Blühen und Welken" will der Deutschlandfunk die Transformation der Ostwirtschaft nach dem Mauerfall nachzeichnen. Ein Beispiel ist, wie in Thüringen Lothar Späth aus den Resten des VEB Kombinats Carl Zeiss Jena den ostdeutschen Vorzeigekonzern Jenoptik schmiedete.

"Jeder Zweite, jede Zweite in Jena war irgendwo mit dem damaligen VEB Carl Zeiss verbunden."

Günther Reißmann ist ein Urgestein im Unternehmen. Der Werkzeugmacher hat 1965 als Lehrling bei Carl Zeiss angefangen. Bis zur Wende produzieren in Jena rund 30.000 Menschen alles, was mit Optik zu tun hat: Feldstecher und Mikroskope, Brillengläser und Planetariumsprojektoren.

Doch nach der Währungsreform 1990 muss Günther Reißmann mitansehen, wie über Nacht das Geschäft zusammenbricht – und dass, obwohl Carl Zeiss im Gegensatz zu vielen anderen DDR-Betrieben Präzisionsprodukte auf Weltniveau herstellt.

""Nach der Einführung der D-Mark ist ja der Osthandel zusammengebrochen, sodass unsere Barter-Geschäfte, die wir ja mit Ostblockstaaten hatten, nicht mehr funktionierten und wir plötzlich feststellten: Wir haben zwar gute Produkte, aber keine Vertriebswege. Also 1990/91 sind 17.000 Kündigungen ausgesprochen worden, nur allein in Jena."

Mit der Privatisierung des Kombinats durch die Treuhandanstalt wurde das Jenaer Unternehmen aufgespalten. Das klassische Optikgeschäft ging als Tochter an den westdeutschen Carl Zeiss-Konzern aus Oberkochen. Und aus dem Rest wurde Jenoptik. Güther Reißmann ist heute der Betriebsratschef des Unternehmens.

""Die Jenoptik hatte alle Immobilien, die da im VEB irgendwo verbunden waren. Zum Beispiel gehörte uns der Fußball-Klub. Wir hatten eigene Betriebspolikliniken. Wir hatten eigene Schulen. Wir hatten Kindergärten in Größenordnungen. Also das war schon ein großer Moloch,"

... der eigentlich abgewickelt werden sollte. So jedenfalls sah es der Treuhandvertrag für Jenoptik vor. Doch einer vor allem sah das ganz anders: Lothar Späth. Der ehemalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg war als Berater der Thüringer Landesregierung nach Jena gekommen und hatte eigene Pläne.

"Späth hat damals sehr intensiv darauf gedrungen, zu sagen: Nee, aus dem Unternehmen lässt sich was machen. Viele, viele motivierte Leute. Viele gute fachlich ausgebildete Leute. Und auch viele Ideen, wie kann man zu Produkten oder sonstigen Dingen kommen. Das war ein Segen für Jena und auch für die Jenoptik, dass Späth hier schon seine Spuren hinterlassen hat."

Lothar Späth räumte auf und baute um. Als Chef der Jenoptik verkaufte er lukrative Immobilien, um Unternehmen im Westen kaufen zu können. Mit diesen Töchtern – so der Plan – sollte Jenoptik auch Vertriebskanäle in der westlichen Welt erschließen. Um technische Anlagen für Chipfabriken verkaufen zu können, übernahm Jenoptik beispielsweise die Firma Meissner und Wurst, die auf den Bau von Chipfabriken spezialisiert war. Höhepunkt dieser Entwicklung war der Börsengang von Jenoptik als ostdeutsches Vorzeigeunternehmen im Juni 1998.

Ein Leuchtturm – so sah es die Politik – auch wenn Peter Röhlinger diesen Begriff nicht mag. Der heutige FDP-Bundestagsabgeordnete war von 1990 bis 2006 Oberbürgermeister von Jena.

"Tatsache ist, dass wir sehr schnell zum Hoffnungsträger wurden, und zwar in der Kleingliedrigkeit. Nicht als ein Turm Jenoptik, sondern mit Uni, mit dem Erhalt von Jenapharm und von Schott und anderen mittelständischen Firmen. Und da spielte Jenoptik vom Imagegewinn her, von der Öffentlichkeitsarbeit spielte Lothar Spät eine überragende Rolle."

Jena – der Technologiestandort, das sollte Investoren locken. Doch Lothar Spät motivierte auch die eigenen Mitarbeiter, sich mit Ausgründungen selbstständig zu machen. So entstanden in Jena eine Reihe von Start-Up-Unternehmen, die einst Teil von Jenoptik waren, aber schon bald auf eigenen Füßen stehen mussten. Betriebsratschef Günther Reißmann:

"Wir haben heute im Gewerbegebiet Göschwitz, wo wir unsere Hauptproduktionsgebäude haben, rund 10.500 Beschäftigte. Aber nicht von Jenoptik, sondern von Jenoptik sind es etwa 1.600 bis 1800. Und alles andere sind ausgegründete Firmen, die sich daraus entwickelt haben und natürlich eng mit uns zusammenarbeiten."

Jenoptik selbst hat sich in der Zwischenzeit verkleinert. Von der mit Abstand größten Sparte, dem Geschäft mit den Chipfabriken, hat sich das Unternehmen im Jahr 2006 getrennt. Weltweite Großbaustellen für die Halbleiter- und Solarindustrie: Das passte nicht recht zum Rest – weder technologisch noch von der Rendite. Jenoptik-Sprecherin Katrin Lauterbach:

"Vom Geschäftsmodell her ein ganz anderer Ansatz als das Technologiegeschäft in Jena im Kern. Natürlich sehr viel kleiner, aber mit einer viel höheren Wertschöpfungstiefe. Und insofern hat sich die Jenoptik mit diesem Schritt nicht gesundgeschrumpft, sondern auf ihr ursächliches Kerngeschäft konzentriert."

Heute baut Jenoptik Laser, die beispielsweise in der Automobilfertigung Türverkleidungen perforieren und schneiden. Radargeräte für die Verkehrsüberwachung gehören ebenso zu den Produkten, wie Komponenten für die Raumfahrt.

"Hier gibt es Lageregelungssensoren aus der Jenoptik, unter anderem die geholfen haben, den automatischen Andockungsprozess von Versorgungsfahrzeugen an die ISS mitzusteuern."

Im Zuge des Umbaus ist der Konzernumsatz von Jenoptik auf ein Fünftel zurückgegangen, auf rund 550 Millionen Euro im vergangenen Jahr. Weltweit arbeiten nun noch etwa 3400 Mitarbeiter für den Konzern. Nach westdeutschen Maßstäben ist aus dem Jenaer Vorzeigeunternehmen damit eher ein klassischer Mittelständler geworden.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:34 Uhr

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