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Jung und politisch erfahren

Enrico Letta, Italiens neuer Ministerpräsident

Italiens Ministerpräsident Enrico Letta beim ersten Kabinettstreffen (picture alliance / dpa / Ettore Ferrari)
Italiens Ministerpräsident Enrico Letta beim ersten Kabinettstreffen (picture alliance / dpa / Ettore Ferrari)

Der neue "Moderator" in Rom hat eine anspruchsvolle Aufgabe. Der 46-Jährige muss das Land mit einer großen Koalition aus der Krise führen - einer wirtschaftlichen wie politischen. Enrico Letta selbst nannte die Lage "sehr schwierig". Kaum im Amt, muss sich der Regierungschef heute einem Vertrauensvotum im Parlament stellen.

Ganz schön jung sei er, der neue Regierungschef Letta - "jedenfalls für italienische Maßstäbe", schmunzelte Italiens Präsident Giorgio Napolitano, der selbst stramm auf die 88 zugeht. In der Tat: Erst zwei Mal hatte Italien nach dem Krieg einen jüngeren Premier. Auch im Kreis seiner Kollegen in der EU wird der 46-Jährige Letta den Altersschnitt senken. Mit dem linksliberalen Regierungschef regiert in Italien zum ersten Mal seit 1947 ein Bündnis linker und rechter Kräfte.

Enrico Letta stammt aus Pisa, wo er auch studierte, Politik und internationales Recht. Auf die landesweite politische Bühne trat er 1991, als er Vorsitzender der Jugendorganisation der Christdemokratischen Partei wurde. 1998 holte ihn der damalige Ministerpräsident Massimo d’Alema in sein Kabinett, zunächst als Europaminister, später wechselte er ins Industrie-Ressort. Auch in anderen Funktionen machte Letta sich Freunde in Europa: In den 1990er Jahren leitete er im Finanzministerium den Ausschuss, der den Beitritt Italiens zur Euro-Währungsgemeinschaft vorbereitete. Dem Europäischen Parlament in Straßburg gehörte er von 2004 bis 2006 an. Als eine seiner ersten Aufgaben nannte Letta den Kampf gegen die Spardoktrin, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verordnet hatte.

Der Nicht-Ideologe

Italiens Staatschef Napolitano vereidigt das Kabinett Enrico Lettas (picture alliance / dpa / Alesandro Di Meo)Italiens Staatschef Napolitano vereidigt das Kabinett Enrico Lettas (picture alliance / dpa / Alesandro Di Meo)Wer Letta nach seiner politischen Position befragt, bekommt zur Antwort "post-ideologisch". Geht es um moralische Fragen, vertritt er konservative Ansichten, ökonomisch gilt er als gemäßigt, seine Demokratische Partei reiht sich im italienischen Politspektrum eher im Mitte-Links-Bereich ein. Über verwandschaftliche Bande hat Letta auch einen guten Draht zum konservativen Lager. Sein Onkel Gianni Letta war in Silvio Berlusconis Regierungszeit Staatssekretär und ist ein Vertrauter des konservativen Spitzenpolitikers.

Enrico Letta hatte Berlusconi in der Vergangenheit durchaus deutlich kritisiert, machte zuletzt aber klar, dass er zu einer Koalition mit Berlusconis Partei "Volk der Freiheit" bereit sei. Vor der Vereidigung trafen sich beide Politiker, um zwei Stunden lang ihre Standpunkte abzugleichen. Letta wird parteiübergreifend zumindest ernst genommen; er weiß aber auch, die Politik habe "ihre gesamte Glaubwürdigkeit verloren". Wie konkret verbittert das Volk darüber ist, wurde während der Vereidigung Lettas Kabinetts offenbar: Ein arbeitsloser 49-Jähriger schoss aus Wut auf die Politiker um sich und verletzte dabei drei Menschen.

Understatement als Symbol

Mehrere Bücher hat Letta bereits veröffentlicht, darunter den Titel "Eine Kathedrale bauen - warum Italien wieder groß denken muss". Stilistisch setzte der AC-Mailand-Fan und Vater dreier Kinder dagegen ein Zeichen der Bescheidenheit, indem er mit dem eigenen Familienauto zum Präsidentenpalast fuhr. Hinter dem Lenkrad eines Fiat Ulysse statt im Fond einer Luxuskarosse - auch das wird vielen Wählern gefallen, die derzeit mit dem italienischen Politiker-Establishment fremdeln.

Seit den Parlamentswahlen Ende Februar war Italien wegen eines Patts im Senat ohne Regierung und damit politisch quasi gelähmt. Nach der Vereidigung kam das Kabinett am Sonntag bereits zu einer ersten Arbeitssitzung zusammen. Letta muss sich heute nach der Vorstellung seines Regierungsprogramms im Parlament einem Vertrauensvotum stellen.

Der "Frauenheld" und sein Kabinett

Olympionikin wird Sportministerin: Josefa Idem (dpa / Rainer Jensen)Olympionikin wird Sportministerin: Josefa Idem (dpa / Rainer Jensen)Der Wochenzeitung "Corriere della Sera" vertraute der 46-Jährige an, er wäre gern wie der italienische Comic-Held Dylan Dog: "intelligent und von den Frauen umworben". In seiner auffallend junger Ministerriege sind nun sieben Frauen, mehr denn je in einer italienischen Regierung. Unter ihnen ist auch die gebürtige Deutsche und Kanu-Olympiasiegerin Josefa Idem, die Ministerin für Sport und Gleichberechtigung wurde. Die in Goch am Niederrhein geborene Athletin ist die erste Frau, die bei acht olympischen Spielen gestartet ist. Sie trat 1988 noch für Deutschland an und wechselte dann nach Italien. Seit 1992 ist sie italienische Staatsbürgerin. 2000 gewann sie Gold bei den Olympischen Spielen.

Letta will zurück an die Spitze in Europa. Die 64. Nachkriegsregierung Italiens hat einen Berg an Arbeit vor sich: Neben Vertrauensbildung im Volk soll sie das Wahlrecht reformieren, die beiden Kammern des Parlaments verschlanken, für Wirtschaftswachstum und den weiteren Schuldenabbau sorgen sowie die Arbeitslosigkeit von elf Prozent verringern, die auch dafür sorgt, dass viele junge Italiener das Land verlassen.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:10 Uhr

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