Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Kalter Krieg auf Werksebene

Das Jenaer Glaswerk Otto Schott und Genossen, Reihe "Die Mauer der Wirtschaft", Teil 4

Von Ludger Fittkau

Blick auf Jena mit dem Glaswerk, das 1884 von Otto Schott gegründet worden war. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)
Blick auf Jena mit dem Glaswerk, das 1884 von Otto Schott gegründet worden war. (picture alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)

Das Jenaer Glaswerk Otto Schott und Genossen war der Inbegriff für deutsches industrielles Glasmacher-Know-how. Doch nach dem Zweiten Weltkrieges begann eine Teilungsgeschichte der Werke, die ehemalige Angehörige der Firma in Ost und West trennte und in einen "Kalten Krieg auf Werksebene" trieb.

Ausschnitt aus der "Wochenschau":

Mit über neun Millionen Mark zum größten Teil aus Marshall-Plan- Mitteln entstand in Mainz ein neues, leistungsfähiges Werk der berühmten Jenaer Glaswerke. Das in der Ostzone liegende Stammhaus des Unternehmens wurde von der ostzonalen Regierung enteignet.

Eine Wochenschau aus dem Jahre 1952 - dem Jahr, als Erich Schott in Mainz ein neues Werk der Jenaer Glaswerke einweihte. Vorausgegangen war der sogenannte "Zug der 41 Glasmacher" von Jena in den Westen. Die US-Militärs zwangen 1945 ausgewählte Spezialisten des Thüringer Unternehmens, mit leichtem Gepäck auf Militär-LKWs in den Westen zu fahren. Die USA wollten das kriegswichtige Wissen der Glasmacher nicht den Sowjets überlassen. Zu den Deportierten gehörte Erich Schott, der Sohn des Firmengründers Otto Schott:

"Und wir hatten nur das, was wir in den Köpfen hatten. Aber das, meine Damen und Herren, dieses geistige Kapital, das ist das entscheidende."

Professor Udo Ungeheuer, der heutige Vorstandsvorsitzende der Schott AG, schildert die Nachkriegsodyssee der 41 Glasmacher aus Jena. In den westlichen Besatzungszonen wurden sie in das britisch besetzte Heidenheim an der Brenz und das amerikanisch kontrollierte Zwiesel im Bayerischen Wald verteilt:

"Da gibt es viele mit Augenzeugenberichten belegte Taten dieser 41 Glasmacher, wie sie es geschafft haben, untereinander Verbindung zu halten. Wie sie es geschafft haben, wichtigste Materialien wie Platin, das wir ja für die optische Glasherstellung brauchen, zwischen diesen Zonen auszutauschen. Wir heute haben fast gar kein Verständnis mehr dafür, aber das war schlimmer, als heute irgendwo noch Grenzen zu überwinden."

Schließlich die Neugründung des Werkes in Mainz und ein jahrelanger "kalter Krieg" mit dem nun zum VEB umgewandelten Stammhaus in Jena. Man konkurrierte auf den Weltmärkten mit den gleichen Produkten:

"Die DDR brauchte Devisen und dadurch kamen wir uns natürlich sehr schnell dann ins Gehege. Und das hat dann zu langwierigen, wirklich jahrzehntelangen juristischen Auseinandersetzungen geführt. Wir haben uns gegenseitig Messestände auf den internationalen Messen juristisch versucht weg zu bekommen."

Irgendwann kommt doch noch eine Einigung: Mainz verzichtet auf den Namensbestandteil Jenaer Glaswerke und Jena wiederum auf Schott im Firmennamen. Dann die Wende - und die Bitte der Jenaer Belegschaft an die Mainzer, sich doch das Stammwerk anzuschauen - zwecks Wiedereinstieg in die Firma. Klaus Schneider, seit 1991 im Jenaer Werk beschäftigt und heute Geschäftsführer am Standort:

"Am Anfang hatte ich das Gefühl, das man sich erst mal orientiert, was man da eigentlich da vorfindet. Aber dann hat wahrscheinlich nicht die unternehmerische Vernunft überwogen, wenn man den Standort hier gesehen hat, sondern eher das Herz für Schott."

"Wir haben lernen können, wie aus einem Unternehmen, das vor allen Dingen Verbrauchsgüter hergestellt hat, ein High-Tech-Unternehmen geworden ist, das weltweit präsent ist und weltweit erfolgreich ist."

"Natürlich gab es auch eine Rivalität genauso bei den Mainzer Kollegen - dort war ja auch nicht die heile Welt - und man hatte eben Angst auch in Mainz, dass zu viele Gelder oder zu viel Knowhow oder zu viele Dinge abfließen würden von Mainz nach Jena und damit der Standort Mainz gefährdet wird."

Doch inzwischen, glaubt Schott Vorstandsvorsitzender Udo Ungeheuer, sei innerhalb des Konzerns klar: Sowohl das grundlegend modernisierte Werk in Jena als auch der Standort im Rhein-Main-Gebiet haben jeweils ihre spezifischen Vorteile. Mainz vor allem für die Präsenz auf den internationalen Märkten:

"Gerade hier die Nähe zu Frankfurt, das ist so wie das Tor zur Welt. Wir fahren - ich hoffe die Polizei hört nicht zu - in zwanzig, fünfundzwanzig Minuten bis zum Frankfurter Flughafen. Und dann sind wir draußen. Das ist ein unschätzbarer Vorteil."

Mehr zum Thema:
Sammelportal 50 Jahre Mauerbau



Mehr bei deutschlandradio.de

 

Links bei dradio.de:

Sammelportal 50 Jahre Mauerbau

 

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 14:35 Uhr Campus & Karriere

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 14:05 Uhr Kompressor

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 10:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Nach der BundestagswahlNeues Kapitel in den deutsch-türkischen Beziehungen

Deutsche und türkische Flaggen (dpa-Bildfunk / Marijan Murat)

Türkische Politiker haben den Ausgang der Bundestagswahl genau verfolgt. Der erfolgreiche Einzug der islamfeindlichen AfD ins Parlament macht ihnen Sorgen. Dennoch hoffen einige auf die Verbesserung der deutsch-türkischen Beziehungen.

Bernard PivotFrankreichs Kritikerpapst kommt zur Buchmesse

Literaturkritiker Bernard Pivot (imago/Leemage)

Bernard Pivot schuf in den 1980er-Jahren mit der französischen Kultursendung "Apostrophes" die Vorlage für das "Literarische Quartett". Heute ist der Literaturkritiker immer noch aktiv - und er reist auch zur Frankfurter Buchmesse. Hier erzählt er, worauf er sich besonders freut.

Die deutsche Wirtschaft und die Wahl"Hängepartien sind Gift für die Wirtschaft"

BDI-Präsident Dieter Kempf hält im Deutschen Historischen Museum in Berlin eine Rede.  (dpa / picture alliance / Rainer Jensen)

BDI-Präsident Dieter Kempf hält eine rasche Regierungsbildung für dringend notwendig. Mangelnde Vorhersehbarkeit sei für die Wirtschaft sehr schwierig. Solange Unsicherheit bestehe, werde gerade im Mittelstand niemand investieren, sagte er im Dlf.

Joachim Herrmann"Die rechte Flanke zu schließen, bedeutet keinen Rechtsruck der CSU"

Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) (picture alliance/ dpa/ Alexander Heinl)

Vor den Sondierungsgesprächen mit FDP und Grünen will die CSU laut Bayerns Innenminister Joachim Herrmann zunächst wesentliche Punkte der Zusammenarbeit innerhalb der Union klären. Die Mehrheit der Wähler wolle etwa eine Begrenzung der Flüchtlingszahlen, sagte Herrmann im Dlf. Das sei aber kein Entgegenkommen gegenüber der AfD.

Soziologische Forschung zum WahlverhaltenDie Wissenschaft hinkt der AfD hinterher

"Wahlsieg" steht auf einem der Transparente während der Kundgebung der islamfeindlichen Pegida-Bewegung am 25.09.2017 auf dem Neumarkt in Dresden (Sachsen). Betont einmütig haben Pegida und AfD am Montagabend in Dresden den Wahlerfolg der Rechtspopulisten bei der Bundestagswahl gefeiert.  (dpa / picture alliance / Monika Skolimowska)

Der Leipziger Soziologe Holger Lengfeld sieht bei der AfD noch erheblichen Forschungsbedarf: Die Partei gebe es erst seit vier Jahren und die Sozialwissenschaftler kämen angesichts der schnellen Veränderung kaum hinterher.

Umgang mit der AfDDeutscher Kulturrat kritisiert Medien

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des deutschen Kulturrats (imago stock & people)

Nach der Bundestagswahl fordert der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, eine Debatte über die Rolle der Medien. Sie hätten die AfD erst salonfähig gemacht. Kultur und Medien müssten jetzt einen neuen Weg beschreiten.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

AfD  Petry kündigt Austritt aus der Partei an - auch Pretzell verlässt AfD | mehr

Kulturnachrichten

David Hockney schenkt Paris ein Kunstwerk | mehr

 

| mehr