Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Katholische Kirche und Kriminologen erheben gegenseitig Vorwürfe

Im Streit um das Scheitern der Missbrauchsaufklärung werden Details bekannt

Nach dem Abbruch der Missbrauchsaufklärung durch die katholische Kirche hagelt es Kritik (AP)
Nach dem Abbruch der Missbrauchsaufklärung durch die katholische Kirche hagelt es Kritik (AP)

Die Katholische Kirche will nicht schuld sein, und die Wissenschaftler des Kriminologischen Instituts Niedersachsen wollen es auch nicht: Nach dem Aus für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche werden weitere Details bekannt. Juristischem Druck der Kirche will sich der Kriminologe Christian Pfeiffer nicht beugen.

Inzwischen wurden weitere Details zu dem Streit zwischen der Kirche und dem Institutsleiter Christian Pfeiffer bekannt. Der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, räumte im Deutschlandfunk ein, es habe Differenzen über die Auswertung von Tonband-Interviews gegeben. Hier gehe es um delikate Daten, die einen besonderen Schutz von Persönlichkeitsrechten erforderten. Von Kontrolle oder Zensur könne jedoch nicht die Rede sein. Auch den Verwurf, die katholische Kirche habe brisante Akten vernichtet, bestreitet er.

Pfeiffer dagegen bekräftigte seine Vorwürfe. Und er denkt auch nicht daran, sich an eine Unterlassungserklärung der Bischöfe zu halten. Diese sei rechtlich ungültig, sagte Pfeiffer dem Evangelischen Pressedienst. Die Kirche will es dem Kriminologen damit untersagen, wegen der aufgekündigten Zusammenarbeit von Zensur zu sprechen.

"Die katholische Kirche wollte offenbar ein Gutachten ganz nach ihrem Geschmack", hatte Pfeiffer kritisiert. Die Hauptwiderstände seien aus der Diözese München und Freising gekommen, in der Papst Benedikt XVI. einst Erzbischof war. Es gebe aber keine Hinweise darauf, dass dieser Zusammenhang eine Erklärung sein könnte. Im Deutschlandfunk berichtete Pfeiffer, die Kirche habe sich das Recht vorbehalten, sich alle Texte zur Genehmigung vorlegen zu lassen und deren Veröffentlichung zu verbieten.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zweifelte am Willen der Kirche, die Fälle aufzuklären. Der Entzug des Forschungsauftrags gegenüber dem Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen erwecke den Eindruck, als wolle man letztendlich doch nicht alles unabhängig aufklären lassen, sagte die Ministerin im Deutschlandfunk. Sie betonte, das Institut unter Leitung von Christian Pfeiffer sei aus ihrer Sicht eine der ersten Adressen in Deutschland.

Der Präsident der deutschen Katholiken, Alois Glück, äußerte die Hoffnung, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle bald fortgesetzt werde. Er erwarte, dass die Bischofskonferenz bei ihrer nächsten Zusammenkuft eine Entscheidungtreffen werde, sagte Glück im Südwestrundfunk.

"Grundsatz der Forschung"

Der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes Wilhelm Rörig, bedauerte ebenfalls den vorläufigen Stopp des Projekts. "Wichtig ist, dass ein solches Forschungsprojekt wissenschaftlich unabhängig durchgeführt werden kann. Das ist Grundsatz der Forschung", erklärte Rörig im Deutschlandfunk.

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen im Juli 2011 beauftragt, den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche in der deutschen Nachkriegsgeschichte zu erforschen. Es sollte die weltweit umfangreichste Studie über Missbrauch in der katholischen Kirche werden. Die Kriminologen unter der Leitung Pfeiffers sollten für die Untersuchung Einblicke in Personalakten der Katholiken seit 1945 erhalten.

Mehr zum Thema auf dradio.de:
Bundesjustizministerin lobt Arbeit des Kriminologen Pfeiffer - Sabine Leutheusser-Schnarrenberger spricht Forschungsinstitut KFN Vertrauen aus
Sekretär der Bischofskonferenz: Keine Kontrolle oder Zensur - Hans Langendörfer bestreitet Aktenvernichtungen in Missbrauchskandal
Kriminologe Pfeiffer unterstellt katholischer Kirche Zensur - Vertragsbedingungen für Missbrauchsstudie sollten geändert werden
"Es ging nicht darum, Dinge zurückzuhalten" - Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz über das Scheitern der Pfeiffer-Studie

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 14:05 Uhr Campus & Karriere

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 14:05 Uhr Rang 1

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 14:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Per Molander: "Die Anatomie der Ungleichheit"So entsteht Armut - und setzt sich fort

Vordergrund: Buchcover von Per Molanders "Die Anatomie der Ungleichheit". Hintergrund: Ein Mann kniet auf einem belebten Bürgersteig und bettelt. (Westend Verlag, dpa picture alliance/ Markus C. Hurek)

Je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto ineffizienter ist sie auch. Diese These kann der Mathematiker Per Molander in "Die Anatomie der Ungleichheit" eindrucksvoll belegen. Und hat auch Vorschläge, wie sich der Mangel reduzieren lässt.

Sexismus-Debatte"Wir reden über Sexismus ja schon seit 50 Jahren"

Ein Smartphone mit dem Hashtag "#MeToo" (dpa-Zentralbild)

Kompliment oder sexistische Bemerkung? Der Fall der Staatssekretärin Sawsan Chebli hat eine erneute Sexismus-Debatte in Gang gesetzt. Die Soziologin Sabine Hark sagte im Dlf, noch immer werde nur Männlichkeit mit Kompetenz konnotiert - Weiblichkeit jedoch nicht. Auf diese Zuschreibungen habe auch die Sprache Einfluss.

Kunstauszeichnung in BerlinAgnieszka Polska bekommt Preis der Nationalgalerie

(© Nationalgalerie – Staatliche Museen zu Berlin / Jan Windszus / Courtesy Zak Branicka Galerie, Berlin and OVERDUIN & CO., LA)

Der Preis der Nationalgalerie 2017 geht an die in Berlin lebende polnische Künstlerin Agnieszka Polska. Unser Kunstkritiker Carsten Probst begrüßt die Entscheidung: Polska habe als einzige der Nominierten einen völlig eigenständigen künstlerischen Stil hervorgebracht.

Nach der Wahlschlappe der UnionKanzlerin fernab ihres Volkes

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihre Hände zu einer Raute geformt. (dpa picture alliance/ Michael Kappeler)

Die CDU muss sich erneuern. Das habe nicht zuletzt der Rücktritt von Sachsens Ministerpräsident Stanislav Tillich gezeigt, kommentiert unser Hauptstadtkorrespondent Volker Finthammer. Aber ist Angela Merkel dafür die richtige Vorsitzende?

Eine Lange Nacht über die Gruppe 47Das Wirtschaftswunder der Literatur

Heinrich Böll, Ilse Aichinger und Günther Eich 1952 während der Tagung der Gruppe 47 (v.lks).  (picture alliance / dpa)

Die Gruppe 47 ist ein Mythos geworden. Autoren wie Günter Grass oder Hans Magnus Enzensberger wurden durch sie berühmt und bestimmten die gesellschaftspolitische Diskussion.

Sondierungsgespräche"An der Union wird Jamaika nicht scheitern"

Der CDU-Europaabgeordnete Daniel Caspary. (Europäische Union / Fabry)

Am Freitag fanden die ersten Sondierungsgespräche von Union, FDP und Grünen statt. Der CDU-Europapolitiker Daniel Caspary zeigte sich im Dlf zuversichtlich, dass die Verhandlungen erfolgreich enden können. "Rumpeln" werde es vor allem bei Wirtschaftsthemen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Spanien  Rajoy leitet Entmachtung der katalanischen Regierung ein | mehr

Kulturnachrichten

Tanzschritte sollen Weltkulturerbe werden | mehr

 

| mehr