Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Kaum Ärzte auf der Straße

Nach der Tarifeinigung fordern Mediziner nun mehr Transparenz bei ihrer Bezahlung

Ärzte und ihre Angestellten demonstrieren in Berlin (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)
Ärzte und ihre Angestellten demonstrieren in Berlin (picture alliance / dpa / Maurizio Gambarini)

Nach wochenlangem Streit und Verhandlungen bis in die Nacht bekommen die Ärzte nun eine Milliarde Euro mehr. Zufrieden sind viele der Ärzte trotzdem nicht. Aber nur wenige demonstrierten heute.

Nach der Einigung auf ein Milliardenplus für deutsche Kassenärzte sind heute deutlich weniger Mediziner auf die Straße gegangen als zunächst angekündigt. Vor der Zentrale des Krankenkassen-Verbands in Berlin versammelten sich gut 100 Mediziner und Angestellte mit Transparenten und Trillerpfeifen. In Aschaffenburg protestierten vor der Filiale der Techniker Krankenkasse etwa 150 Demonstranten. Aus anderen Städten wurden ähnliche Zahlen gemeldet. Rund 100 Praxen blieben nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung in Hamburg geschlossen. Die Organisatoren des Streiks hatten bundesweit bis zu 30.000 protestierende Ärzte erwartet.

Nach wochenlangem Streit hatte sich die Kassenärztliche Bundesvereinigung am Dienstagabend mit den gesetzlichen Kassen auf höhere Honorare geeinigt. Insgesamt sollen die niedergelassenen Ärzte im kommenden Jahr bis zu 1,2 Milliarden Euro mehr bekommen. Der Vorsitzende des Verhandlungsgremiums, Jürgen Wasem, bewertete die Einigung als fairen Kompromiss. An die Ärzte appellierte er, die Streiks zu beenden. Mit ihren weitergehenden Forderungen nach einem neuen Honorarsystem müssten sie sich an den Gesetzgeber wenden, sagte Wasem im Deutschlandfunk.

Ärtze nach wie vor unzufrieden

Die streikenden Mediziner sehen auch nach der gestrigen Einigung Probleme bei der Bezahlung ihrer Arbeit. Sie fordern feste Preise und eine Regelung für bisher unbezahlte Leistungen von Ärzten und Psychotherapeuten. "Immer wieder sind Ärzte von Regressen betroffen, wenn sie Arzeien oder Medikamente verschreiben, die - aus Sicht der Krankenkassen - zu teuer seien", kritisiert Dirk Heinrich, Sprecher der Allianz der Ärzteverbände. Diese Eingriffe gingen inzwischen soweit, dass Krankenkassen sich zum Beispiel für Impfstoffe entschieden, die dann gar nicht lieferbar seien. Diese treffe derzeit für die Grippeimpfungen in Bayern, Schleswig-Holstein und Hamburg zu, wo es im Moment zu Impfstoffengpässen komme.

Gesundheitsexperte: "Selbstverwaltung droht zu scheitern"

Prof. Eckhard Nagel, Universitätsklinikum Essen (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Prof. Eckard Nagel, Professor für Medizinmanagement und Gesundheits-wissenschaften an der Universität Bayreuth (picture alliance / dpa / Horst Galuschka)Eckhard Nagel, Professor für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth und ärztlicher Direktor des Universitätsklinikums Essen, kritisierte im Deutschlandfunk die ungerechte Verteilung der Honorare in den unterschiedlichen Facharztbereichen.

Demnach verdient ein Facharzt der Nierenheilkunde rund vier Mal mehr als ein Kinderarzt. Im bestehenden System werde "die reine technische Leistung besser bezahlt als die konkrete menschlich-ärztliche Zuwendung", sagte Nagel.

Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KVB) hatten am Dienstagabend eine Honorarsteigerung von 1,15 bis 1,27 Milliarden Euro vereinbart. Das entspricht nach Angaben der KBV einem Plus von drei bis vier Prozent. Die rund 150.000 niedergelassenen Ärzte in Deutschland sollen demnach 2013 bis zu 1,27 Milliarden Euro mehr verdienen.

Gesundheitsminister Bahr (FDP): "tragbare Grundlage"

Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr begrüßte die Einigung von Krankenkassen und Ärzten. Er sprach von einer tragbaren Grundlage für Ärzte, Patienten und Beitragszahler. Die monatelangen Verhandlungen seien aber "kein Glanzstück" gewesen.

Haben Sie Verständnis dafür, dass viele Praxen geschlossen sind. Trotz der Einigung über die Honorare? Diskutieren Sie mit auf der Facebook-Seite des Deutschlandfunks.

Mehr zum Thema auf dradio.de:

"Wenn man bei Ärzten nur spart, ist das ein falscher Weg" - Gesundheitsökonom zeigt Verständnis für die Forderungen der Ärzte beim Honorarstreit
Der Skandalgehalt hält sich in Grenzen - Ärzte lassen wegen Honorarstreit Verhandlungen platzen
Streit um Ärztehonorare - Patienten müssen sich auf Praxisschließungen einstellen



Mehr bei deutschlandradio.de
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:59 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 11:05 Uhr Interview der Woche

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 11:05 Uhr Deutschlandrundfahrt

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr DRadio Wissen

Aus unseren drei Programmen

Aus den FeuilletonsRussisches Schulamt verbietet Lindgren-Buch

Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, aufgenommen 1989 in der Fußgängerzone Arbat in Moskau während eines Russland-Besuchs. (picture alliance / dpa)

Behörden in aller Welt treiben ihr Unwesen: Ein russisches Schulamt stuft "Karlsson vom Dach" als kinderschädigend ein, türkische Schulbücher beschreiben die Deportation der Armenier vor 100 Jahren als humanitäre Maßnahme.

Liebe und Geschäft"Menschen wie Waren auf einem Tisch ausgelegt"

Die Professorin Eva Illouz im Studio am Mikrofon. (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Die israelische Soziologin Eva Illouz ist Professorin für Soziologie an der Hebräischen Universität von Jerusalem. Im Deutschlandfunk erläutert sie warum die Soziologie die Profession des Fremden an sich sei - und warum Gefühle in die Geschäftswelt und Maximierung in die Liebe Einzug halten.

KulturgeschichteMein Freund, der Baum

Mittagspause auf einem Baum im Wald. (Damien Meyer / AFP)

Zwischen Baum und Borke will niemand stecken. Auf dem Baum, in seiner Krone sitzen, allerdings schon. Der Blick kann über das Land schweifen, er könnte sich aber auch im Wald verlieren. Und bis heute hält sich der Glaube, das Bäume die Wohnstätten von Feen sind.

Wahl in NigeriaIm Schatten von Boko-Haram

Viele Menschen stehen Schlange bei der Parlaments- und Präsidentschaftswahl in Nigeria (afp / Tom Saater)

Kleinere Anschläge und technische Probleme überschatten die Präsidentschafts- und Parlamentswahl in Nigeria. Die Wahlkommission musste in einigen Bezirken die Abstimmung aussetzen, weil Maschinen nicht ordnungsgemäß funktionierten. Dort soll die Wahl morgen fortgesetzt werden.

Wim Wenders dreht in 3D "Einem Menschen in die Seele schauen"

Regisseur Wim Wenders posiert am 10.02.2015 in Berlin während der 65. Internationalen Filmfestspiele auf dem Fototermin zu "Every Thing Will Be Fine". Er lacht. (Jens Kalaene, dpa picture-alliance)

Wim Wenders hat seinen neuen Film "Every Thing Will be Fine" in 3D gedreht - der Regisseur ist fasziniert von der Technologie. Der Film kreist um die Frage: Wie geht ein Mensch mit der Schuld um, ein Kind getötet zu haben?

UnkrautGünstig, lecker und gesund

Für die meisten von uns ist Unkraut das, was wir aus den Fugen kratzen, aus Blumentöpfen rupfen und eigentlich überhaupt nicht im Garten sehen wollen. Ganz anders sieht das Jutta Langheineken. Die Gärtnerin und Buchautorin rät dazu, das Gewächs zu essen, statt zu vernichten und hat auch gleich einen Menüvorschlag.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Dobrindt  will über weitere Konsequenzen aus Absturz beraten | mehr

Kulturnachrichten

Simon Rattle bedauert Entscheidung gegen Konzertsaal in München  | mehr

Wissensnachrichten

Flugzeugabsturz  Viele Beschwerden beim Presserat | mehr