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Keine Gedenktafel für eine "linke Socke"

Der Ort Amorbach verschweigt Adorno

Von Ludger Fittkau

Der Philosoph Theodor W. Adorno war regelmäßiger Gast in Amorbach. (AP Archiv)
Der Philosoph Theodor W. Adorno war regelmäßiger Gast in Amorbach. (AP Archiv)

Sein ganzes Leben kam der Philosoph Theodor W. Adorno immer wieder nach Amorbach im Odenwald und widmete der Region wunderbare Texte. Doch der Ort zeigt Adorno bis heute die kalte Schulter - wohl auch aus politischen Gründen.

"Sie sehen ja selber, was hier los ist: Amorbach ist tot, tot. Die Geschäfte: Leerstand, Leerstand, Leerstand. Es ist traurig."

Hartmut Böhm sitzt auf der Bank vor dem alten Rathaus des Odenwaldstädtchens Amorbach 80 Kilometer südöstlich von Frankfurt am Main. Mehrere kleine Einzelhandelsgeschäfte rundherum stehen leer – schlimmer noch ist es aber, dass die beiden ehemals führenden Hotels im Ort geschlossen sind und langsam verfallen: Der "Badische Hof", in dem einst Max Planck und später Helmut Kohl gerne abstiegen und gegenüber das Hotel Post – mehr als ein halbes Jahrhundert lang die zweite Heimat Theodor W. Adornos:

"Er ist nach Amorbach gekommen durch seinen Vater, der war Weinhändler in Frankfurt und hat Wein ans Hotel Post geliefert. Und er hat dann sehr viele Urlaube hier verbracht, sein ganzes Leben eigentlich immer wieder Amorbach aufgesucht, war gerne hier zum Wandern, zum Ausruhen, zum Spazierengehen."

Buchhändlerin Ursula Emig-Völker und ihr Mann, der Schriftsteller Werner Völker gehören zu den wenigen in Amorbach, die sich aktiv daran beteiligen, dass Adorno in dem Ort, den der Philosoph gerade nach der Rückkehr aus dem Exil als seine eigentliche Heimat ansah, nicht vergessen wird. Doch sie haben es schwer. Denn die politischen Verantwortlichen haben kein Interesse, etwas daraus zu machen, dass gerade nach der Rückkehr aus dem Exil für Adorno Amorbach – so wörtlich "der einzige Ort auf diesem fragwürdigen Planeten ist, in dem ich mich im Grunde noch zuhause fühle." Patrik Pavlicek ist der Tourismusverantwortliche der Stadt:

"Amorbach hat da – ich will nicht sagen – ein gespaltenes Verhältnis. Aber er war eben ein Gast irgendwie, wie auch Max Planck oder Helmut Kohl, das ist etwas, womit sich die Stadt nicht wirklich rühmen kann. Wir freuen uns natürlich über solche Gäste, aber es ist nichts, was in unserem Verdienst liegt, in dem Sinn."

Der Amorbacher Schriftsteller Werner Völker, der selbst noch in den 1960er in Frankfurt am Main Adorno gehört hat, sieht das ganz anders:

"Die Heimat, die ihm geblieben ist, als er aus Kalifornien zurückkommt – selbst wenn er Flusskrebse isst in Kalifornien, denkt er an das Hotel Post, wo er sie genossen habe. Selbst kulinarische Erinnerungen kommen ihm unterwegs und in den Minima Moralia und auch sonst wo kommt immer wieder Amorbach vor."

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte erstmals 1966 16 wunderbare autobiografische Stücke, in denen Adorno seine Erlebnisse in Amorbach mit philosophischen Reflexionen verbindet. Damit setzt der Denker Menschen, der Odenwaldlandschaft und markanten Gebäuden der Region ein literarisches Denkmal – doch die Amorbacher Politik weiß das nicht zu schätzen. Adornos Liebeserklärungen an den Ort finden sich weder im Stadtbild wieder, noch auf möglichen Adorno-Wanderrouten, die sich problemlos aus den Texten zusammenstellen ließen. Noch nicht einmal eine Gedenktafel gibt es bisher am Hotel Post - obwohl regelmäßig gerade Frankfurter auf den Spuren Adornos nach Amorbach kommen.

Auf der Suche nach Erklärungen bekommt man vorsichtig bedeutet – für dieses Verschweigen Adornos in Amorbach gibt es auch politische Gründe. Adorno scheint manchem aus dem konservativen Establishment der schon zu Bayern gehörenden Odenwaldstadt zu links zu sein:

"Es ist nun mal CSU-geprägt, und wenn er nun mal links-orientiert war – ich denke mal, das wird schon ein Rolle spielen."

"Würde ich sagen, das spielt schon noch eine Rolle. Oder einfach Unkenntnis über seine Person und seine Philosophie ist ja nun, sagen wir mal, umstritten."

Sogar die Bezeichnung "linke Socke" fällt für den weltberühmten Denker bei der Recherche in Amorbach. Werner Völker schüttelt den Kopf:

"Adorno als eine 'linke Socke' zu bezeichnen, er würde rotieren im Grabe. Adorno war ein in der Wolle gefärbter Konservativer, ein Wertkonservativer, würden wir heute sagen, ein Bildungsästhet."

Adorno hat sich noch kurz vor seinem Tod Ende der 60er-Jahre in einem Brief an die Stadtverwaltung Amorbach gegen den Bau einer Umgehungsstraße mitten durch die "Amorbacher Kulturlandschaft" ausgesprochen – im Schreiben wettert er wertkonservativ gegen die "planerischen Verwüstungen der Moderne". Aufgrund seiner "Zugehörigkeit" zu Amorbach, schreibt Adorno, habe er ein "geistiges Mitspracherecht."

Rumgesprochen hat sich das in Amorbach bis heute nicht.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:54 Uhr

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