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Keine Wiedervereinigung nach der Wende

Der Mikrofonbauer Georg Neumann in Gefell und Berlin, Teil 1 der Serie "Mauer der Wirtschaft"

Von Andreas Kolbe

Ein Studiomikrofon der Firma Neumann West.
Ein Studiomikrofon der Firma Neumann West. (Deutschlandradio)

Der Bau der Mauer besiegelte auch die wirtschaftliche Spaltung des Landes. Sichtbar wurde das bei Unternehmen, die in Ost und West ein Standbein hatten. So wie der Mikrofonbauer Neumann: Durch den Mauerbau getrennt treten Neumann Berlin und Neumann Gefell heute als Konkurrenten auf.

Walter Ulbricht: "Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten."

Jochem Künast: "Tja, leider ist nun diese Verkündigung über unsere Mikrofone geschehen von der Georg Neumann & Co. Gefell."

Jochem Künast, Jahrgang 1935 aus dem Kleinstädtchen Gefell, im südöstlichen Zipfel Thüringens, kurz vor der bayerischen Landesgrenze. In einem schmucklosen DDR-Bau am Rande der Stadt ist hier eine Mikrofonfabrik zuhause, die einst zu den Größten der Welt gehörte.

Die Geschichte des Unternehmens beginnt im Berlin der 20er-Jahre. Dem Tüftler Georg Neumann gelingt es erstmals serienmäßig ein Kondensatormikrofon herzustellen, ein Quantensprung in der Tontechnik. Seine Mikrofone finden reißenden Absatz in der Schallplattenindustrie und beim aufkommenden Rundfunk.

Reichsrundfunk: "Hier ist die Sendestelle Berlin auf Welle 400 Meter."

Im Zweiten Weltkrieg wird die Mikrofonfabrik Georg Neumann in Berlin von einer Brandbombe getroffen. Man beschließt den Umzug an einen halbwegs sicheren Ort und wird in Gefell fündig.

Doch Georg Neumann ist kein Landmensch. Nach Kriegsende verlässt er Gefell, dass inzwischen im sowjetischen Sektor liegt, und gründet 1946 in Berlin sein Unternehmen noch einmal. Fortan gibt es die Kommanditgesellschaft Georg Neumann & Co. in Gefell und die Georg Neumann GmbH in Berlin.

In den ersten Jahren arbeiten die Unternehmen eng zusammen, wie Stephan Peus erzählt, heute einer der Geschäftsführer von Neumann Berlin:

"Das ging soweit, dass auch Materialien rübergeschmuggelt worden sind von Westberlin nach Gefell, die dort nicht verfügbar waren oder die nicht importiert werden durften. Also zum Beispiel ganz essenziell ein spezielles Granulat aus England, um daraus die Membranen herzustellen."

Ausschnitt Mauerbau-Reportage: "Seit etwa 1 Uhr heute Nacht rattern die Pressluftbohrer und bohren einen Graben quer durch die Ebertstraße hier am Brandenburger Tor."

Künast: "Es brach also sowohl im familiären Bereich als auch von den geschäftlichen Kontakten her, es brach über Nacht alles zusammen."

Mit dem Mauerbau geht Neumann in Ost und West nun völlig getrennte Wege. Während der Betrieb in Gefell 1972 verstaatlicht und in VEB Mikrofontechnik umbenannt wird, avanciert Neumann Berlin zum Marktführer in der westlichen Welt.

Wolfgang Fraissinet: "Dieses zylindrische U47 ist ein Mikrofon, dass in den 50er und 60er-Jahren praktisch die ganze Zeit des Jazz geprägt hat."

Wolfgang Fraissinet, Co-Geschäftsführer von Neumann Berlin:

"Die Beatles haben damit viel produziert. Bei Abbey Road in London gibt es also noch viele dieser Mikrofone, die heute im Einsatz sind und original aus der Zeit der Beatles immer noch dort verwendet werden."

Die Beatles hören die Neumänner auch in Gefell. Ihre Produkte liefern sie allerdings in den Ostblock, vor allem in die Sowjetunion.

Künast: "Ich erinnere mich an einen Lieferschein. Den hat meine Tante geschrieben. Da stand drauf: 1,2 Tonnen Mikrofone."

Sprechchor: "Tor auf! Tor auf! Tor auf! Tor auf!"

Ausschnitt Nachrichten: "Deutschlandfunk. Die Nachrichten: Die DDR hat von sofort an ihre Grenzen zum Bundesgebiet und nach Westberlin bis auf weiteres geöffnet."

Mit dem Fall der Mauer bricht der Export in den Ostblock zusammen. In Gefell verlieren drei Viertel der Belegschaft ihren Job. Aus dem VEB Mikrofontechnik wird die Microtech Gefell GmbH. Doch eine Wiedervereinigung mit dem Berliner Schwesterbetrieb gibt es nicht. Der wird stattdessen 1991 selbst vom Konkurrenten Sennheiser geschluckt.

Unter diesem Dach ist Neumann Berlin noch immer weltweit führend bei Studiomikrofonen; die Microtech Gefell GmbH heute ein Konkurrent, der sich vor allem auf Spezialanwendungen konzentriert.

Angela Merkel: "Frau Präsidentin, meine Damen und Herren ... "

Die Mikrofone im Berliner Reichstag zum Beispiel, ist Jochem Künast stolz und fügt – mit einem Seitenhieb auf Walter Ulbricht – hinzu:

"Heute sind unsere Mikrofone im Bundestag. Und wir hoffen, dass die Politik sich doch zum Besten wendet und dass nicht wieder solcher Unfug den Leuten nahe gebracht wird."

Überblick zur Serie:

Die Mauer der Wirtschaft - Ost-westdeutsche Unternehmensgeschichten - Reihe in "Wirtschaft und Gesellschaft"

Mehr zum Thema:

Sammelportal 50 Jahre Mauerbau



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

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