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Kirche kündigt Forschungsauftrag zu Missbrauchsfällen

Bischofskonferenz sieht Vertrauensverhältnis zu Forschern zerrüttet

Kriminologe Pfeiffer spricht von Zensur. (dpa / picture alliance / Frank May)
Kriminologe Pfeiffer spricht von Zensur. (dpa / picture alliance / Frank May)

Die katholische Kirche zieht die Bremse: Sie hat dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen den Auftrag entzogen, den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in ihren Einrichtungen wissenschaftlich zu untersuchen. Beide Seiten erheben schwere Vorwürfe gegeneinander.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung der Fälle sexueller Gewalt ist damit erst mal gescheitert. Die Deutsche Bischofskonferenz hatte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen im Juli 2011 beauftragt, den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche in der deutschen Nachkriegsgeschichte zu erforschen, berichtet Claudia van Laak. Doch Ende 2012 kam es zum Streit, der jetzt öffentlich wurde.

Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (AP Archiv)Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (AP Archiv)Die Bischöfe hätten sich vorbehalten, die Studie zu zensieren, sagte Institutsleiter Christian Pfeiffer im Deutschlandfunk: "Sie verlangten eindeutig, dass alle Texte ihnen zur Genehmigung vorzulegen sind, und sie machten uns (...) klar, dass sie dann auch das Recht haben, die Veröffentlichung von Texten zu verbieten." Darüber hinaus habe die Kirche ein Mitspracherecht bei der Anstellung neuer Mitarbeiter des Instituts gefordert. Dies widerspreche jeglichen Grundsätzen der wissenschaftlichen Forschung, sagte Pfeiffer. Er sprach von Hinweisen, dass in mehreren Diözesen Missbrauchsakten vernichtet worden seien. Der Sekretär der Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, widersprach dieser Darstellung in der "Süddeutschen Zeitung": "Für eine Vernichtung von Täterakten habe ich keinerlei Anhaltspunkte."

Misstrauen gegenüber Forschungsleiter

Stephan Ackermann, Bischof von Trier und Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz (dpa / Fredrik Von Erichsen)Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz (dpa / Fredrik Von Erichsen)Die Kirche stößt sich am Auftreten Pfeiffers. Der Beauftragte für Fragen sexuellen Missbrauchs, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, sagte im Deutschlandradio Kultur, die deutschen Bischöfe hätten kein Vertrauen mehr zum Leiter des Forschungsinstituts: "Da muss ich leider sagen, dass Professor Pfeiffer zwischendurch auch immer wieder Absprachen, die wir getroffen hatten, dann uminterpretiert hat, dass er Signale gesetzt hat, die irgendwie auch uns befürchten lassen mussten, dass er Dinge öffentlich macht, ohne dass wir jetzt gut damit im Gespräch sind." Der Kirche sei es nicht um Kontrolle, sondern um Vereinbarungen etwa zur Veröffentlichung von Forschungsergebnissen gegangen.

Die Studie soll es aber trotzdem geben. Die Bischofskonferenz will sich dafür jetzt eine neue Forschungseinrichtung suchen und in den kommenden Wochen dazu Gespräche führen, teilte Bischof Ackermann mit. Aber auch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen will seine Studie fortsetzen. Leiter Christian Pfeiffer rief im Deutschlandfunk alle Opfer von Missbrauchsfällen in der Kirche auf, freiwillig mitzumachen. Anonymität sei gewährleistet.

Offensive für neues Vertrauen

Das Forschungsvorhaben war von der Kirche als ein Baustein gedacht, um die Problematik zu analysieren, neue Missbrauchsfälle zu verhindern und Vertrauen zurückzugewinnen. Es sollte die weltweit umfangreichste Studie über Missbrauch in der katholischen Kirche werden. Die Kriminologen unter der Leitung von Christian Pfeiffer sollten für die Untersuchung Einblicke in Personalakten der Katholiken seit 1945 erhalten. Zur Wahrung des Datenschutzes hätte das Institut anonymisierte Daten aus den Akten erhalten, die Archivmitarbeiter und geschulte Juristen sichten sollten. Damit hätten erstmals kirchenfremde Fachleute Zugang zu den Kirchenarchiven erhalten. Genau dagegen hatten konservative Priester protestiert.

Bischof Walter Mixa (AP)Der zurückgetretene Bischof Walter Mixa (AP)Der Missbrauchsskandal hatte im Jahr 2010 die katholische Kirche erschüttert - mit ersten Verdachtsfällen am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten sowie später unter anderem im oberbayerischen Kloster Ettal und bei den Regensburger Domspatzen. Der Augsburger Bischof Walter Mixa bot nach Misshandlungsvorwürfen ehemaliger Heimkinder und zunehmendem öffentlichen Druck dem Papst seinen Rücktritt an, der diesen akzeptierte. Mehrere Priester wurden beurlaubt oder in den Ruhestand versetzt, etwa in Würzburg und Köln.

Die Deutsche Bischofskonferenz ernannte den Trierer Bischof Stephan Ackermann zum Beauftragten für das Thema und beschloss neue Leitlinien. Eine Telefon-Hotline für Missbrauchsopfer und deren Angehörige wurde eingerichtet, Experten boten Betroffenen hier bis Ende 2012 Hilfestellung. Die Kirche entschädigte zudem hunderte Opfer mit bis zu 5000 Euro, in Einzelfällen gab es auch mehr Geld.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

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