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Kirchen beklagen zunehmende Selbstsucht

Papst Benedikt XVI. spendet Segen "Urbi et Orbi"

Papst Benedikt XVI. verliest Weihnachtsgrüße in 65 Sprachen (picture alliance / dpa / Maurizio Brambatti)
Papst Benedikt XVI. verliest Weihnachtsgrüße in 65 Sprachen (picture alliance / dpa / Maurizio Brambatti)

Das Oberhaupt der katholischen Kirche hat in der Christmette im Petersdom die zunehmende Ich-Bezogenheit der Menschen angeprangert. Die Menschen seien so von sich eingenommen, dass kein Platz mehr für Kinder, Arme und Fremde sei. Der Münchener Kardinal Marx rief die Gläubigen auf, dem Kinderwunsch mehr Priorität einzuräumen.

Gerade im Heiligen Land ist zur Weihnacht wenig von Frieden zu spüren: Die Gewalt zwischen Israelis und Palästinenser war vor einem Monat erneut eskaliert; der Bau neuer jüdischer Siedlungen im besetzten Westjordanland erzürnt nicht nur Palästinenser. Im benachbarten Syrien - wo die Weihnachtsgeschichte nach Lukas ihren Anfang nimmt - tobt ein Bürgerkrieg. In der gesamten Region ist der Frieden fragil. Wie soll da der Mensch seinen inneren Frieden finden, fragte sich Papst Benedikt XVI. in der Christmette an Heiligabend im Petersdom in Rom. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, kritisierte, "menschliche Aggression zeigt sich auch bei uns nahezu täglich: ob als häusliche Gewalt, ob auf Straßen und Plätzen". Auch in Massenmedien sei Gewalt allgegenwärtig.

Der Papst rief die Konfliktparteien im Nahen Osten eindringlich zu Frieden auf. "Beten wir darum, dass Israelis und Palästinenser im Frieden des einen Gottes und in Freiheit ihr Leben entfalten können", sagte der 85-Jährige. "Beten wir auch für die umliegenden Länder, für den Libanon, für Syrien, den Irak und so fort: dass dort Friede werde; dass die Christen in diesen Ländern des Ursprungs unseres Glaubens dort ihr Zuhause behalten können, dass Christen und Muslime im Frieden Gottes miteinander ihre Länder aufbauen."

Der Papst kritisierte den "Missbrauch der Religion" durch Fundamentalisten als Vorwand für Gewalt und Intoleranz. Er mahnte, wo Gott "vergessen oder sogar verleugnet wird, da kann es auch keinen Frieden geben". Auch in der Weihnachtsansprache am ersten Weihnachtsfeiertag forderte der Papst ein Ende von Gewalt und insbesondere eine Lösung des Konflikts in Syrien, "der nicht einmal die Wehrlosen verschont und unschuldige Opfer hinwegrafft".

Abkehr von Materialismus und Ich-Bezogenheit

Papst Benedikt XVI. bei der Christmette im Petersdom (picture alliance / dpa / Claudio Peri)Papst Benedikt XVI. bei der Christmette im Petersdom (picture alliance / dpa / Claudio Peri)Wenn der Glaube verloren gehe, verliere der Mensch Respekt vor der Menschenwürde, betonte der Papst in seiner Predigt vor Tausenden Gläubigen. Er erinnerte daran, dass Maria und Joseph in der Weihnachtsgeschichte nirgendwo Obdach fanden und Jesus schließlich in einem Stall zu Welt kam. "Die moralische Frage nach unserer Einstellung gegenüber Obdachlosen, Flüchtlingen und Migranten hat eine größere Dimension: Haben wir wirklich Platz für Gott, wenn er unter unserem Dach einkehren will? Haben wir Zeit und Raum für ihn?", fragte der Papst. "Je schneller wir uns bewegen können, je effizienter unsere zeitsparenden Geräte werden, desto weniger Zeit haben wir."

Benedikt XVI. sagte, er befürchte, dass die Menschen so von sich eingenommen seien, dass kein Platz für Gott bleibe, "dass auch für andere kein Platz mehr ist - für die Kinder, die Armen, die Fremden".

Ja zum Leben mit Kindern

Reinhard Marx, der neue Erzbischof von München und Freising (AP)Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising (AP)Mehr Platz für Kinder forderte auch der Münchener Kardinal Reinhard Marx. "Ohne das intensive Ja-Wort zu Kindern kann keine wirklich nachhaltige Zivilisation bestehen", sagte Marx in seiner Weihnachtsbotschaft. "Wir brauchen eine Wende in den Herzen und Köpfen aller, um neu die Lust auf Leben zu entdecken und die Freude, Leben weiterzugeben." Eine solche Wende werde nicht durch Maßnahmen in der Familienpolitik wie das Betreuungsgeld geschaffen, "sondern durch die grundsätzliche Bereitschaft, dem neuen Leben eine wirkliche Priorität einzuräumen". Der seit Jahrzenten andauernde Rückgang der Geburten in vielen Ländern Europas sei ein tiefer kultureller Einschnitt.

Ralf Meister, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Hannover (dpa / Peter Steffen)Ralf Meister, Landesbischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Hannover (dpa / Peter Steffen)Der evangelische Landesbischof Ralf Meister aus Hannover ermutigte zu einem Leben mit Kindern. "Das Leben eines jeden Kindes verheißt Hoffnung", sagte Meister in der hannoverschen Marktkirche. Für Eltern halte das Leben mit Kindern eine "unglaubliche Erweiterung" bereit. Zwar seien politische Diskussionen über Betreuungsmodelle und finanzielle Erleichterungen für Eltern wichtig. Entscheidend sei jedoch, dass sich die innere Haltung zum Leben mit Kindern verändere.

Der Schweriner Bischof Andreas von Maltzahn rief die Gläubigen auf, sich für andere einzusetzen. Das Leben sei mehr als Mühe und Arbeit und erschöpfe sich auch nicht in Spaß und Vergnügen, sagte Maltzahn bei Christvespern. Die Kinder Gottes seien vielmehr dazu geboren, zu lieben, sich hinzugeben. "Da zu sein für andere, sich einzusetzen im Ort, im Verein oder einfach für jemanden zu beten - das sind lohnende Aufgaben", sagte von Maltzahn.

Stephan Ackermann, Bischof von Trier, die linke, geöffnete Hand zu einer Geste erhoben. (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)Stephan Ackermann, Bischof von Trier (picture alliance / dpa / Fredrik Von Erichsen)Der Trierer Bischof Stephan Ackermann warnte indessen vor der Ausgrenzung von Flüchtlingen. Christen dürften sich nicht damit abfinden, dass "Menschen an den Grenzen des 'Hauses' Europa inhaftiert und gedemütigt werden oder gar ihr Leben verlieren, weil sie zurückgedrängt werden".

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

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