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Kommunen schaffen Stromriesen

Die wiedergefundene Macht der Stadtwerke

Von Caspar Dohmen

850 Stadtwerke gibt es in Deutschland. (Jan-Martin Altgeld)
850 Stadtwerke gibt es in Deutschland. (Jan-Martin Altgeld)

Im Frühling haben sechs Stadtwerke aus dem Ruhrgebiet mit der Steag den fünftgrößten deutschen Stromversorger gekauft. Andernorts nehmen Kommunen die Stromerzeugung wieder in die eigene Hand, wenn die Konzessionen an private Konzerne auslaufen. Einige Kommunen arbeiten an der Gründung neuer Stadtwerke.

Manfred Lehmann: "Wir haben hier Bänder, die ungefähr 200 Tonnen pro Stunde bekohlen können."

Manfred Lehmann ist Betriebsführer in einem Kohlekraftwerk der Stadtwerke Duisburg. Jeden Tag laufen etwa 900 Tonnen in den Bunker des Kraftwerks. Das deckt etwa den Strombedarf von 100.000 Menschen. Seit dem Atomausstieg sind Kohle und Gas als Brückentechnologie wieder wichtiger. Den Stadtwerken aus Essen, Oberhausen, Bochum Duisburg, Dinslaken, Dortmund hat die Bundesregierung mit ihrem Beschluss ein wertvolles Geschenk gemacht.

Schließlich hatten die Stadtwerke erst kurz zuvor die Steag, den fünfgrößten Stromerzeuger Deutschlands gekauft. Seitdem gehören ihnen gemeinsam neun Kohlekraftwerke. Der Chef der Stadtwerke Duisburg, Hermann Janning, ist neuer Aufsichtsratschef der Steag. Spricht man ihn auf die Renaissance der Stadtwerke an, dann kommt er auf die Finanzkrise zu sprechen:

"Diese Krise hat ein gesellschaftliches Phänomen zutage gefördert, das ich mal umschreiben würde mit dem Misstrauen des Bürgers gegen alles Große und Globale. Und Stadtwerke sind genau das Gegenteil: Wir sind klein, dezentral und vor Ort. Das heißt, der Bürger, der Kunde überlegt, wo kann ich Strukturen erkennen, wo sind sie mir vertraut und das begünstigt Stadtwerke. Und ein zweiter Aspekt als Ursache ist klar zu definieren mit dem, was an Energiewende in Deutschland statt gefunden hat, auch die Energiewende und zwar nicht nur der Kernenergieausstieg, sondern insgesamt der Trend hin zur dezentralen Erzeugung, zu kleinteiligen Anlagen."

Die jetzige Situation scheint günstig für die 850 Stadtwerke. Womöglich verschieben sich die Marktanteile auf dem Energiemarkt - wieder einmal. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs betrieben Gemeinden nur etwa jedes dritte Kraftwerk. In der Weimarer Republik verstaatlichte man dann weitgehend die Versorgung. 80 Prozent des Stroms lieferten nun die kommunalen Betreiber. Erst die von der EU 1996 angestoßene Liberalisierung der nationalen Energiemärkte brachte Bewegung. Zuletzt produzierten Stadtwerke in Deutschland nur noch zehn Prozent des Stroms. Seit dem Erwerb der Steag sind es 18 Prozent. Auch andernorts haben sich Stadtwerke zusammengeschlossen, ob in der Thüga, dem mit 450 Gemeinden und 90 Stadtwerken größten Verbund kommunaler Versorger in Deutschland, oder dem Einkaufsverbund Trianel, dem 80 Versorger angehören. Die Offensive der Stadtwerke beobachtet schon länger Rainer Wiek, Chefredakteur Energie Informationsdienst:

"Sie sind mittlerweile auf nahezu allen Stufen der Wertschöpfungskette vertreten. Sie kümmern sich jedenfalls in gewissen Ausmaßen um alle Geschäftsbereiche, es gibt Stadtwerke, die mittlerweile in der norwegischen Nordsee nach Gas suchen"

Lange waren sich Ökonomen sicher: Private Unternehmer erledigen die Stromversorgung wirtschaftlicher als kommunale Betreiber. Heute antworten sie vorsichtiger. Dr. Christian Growitsch ist Privatdozent am Energiewissenschaftlichen Institut der Universität Köln:

"Ich war als Ökonom durchaus überrascht, dass es so, ja effiziente und gut bewirtschaftete kommunale Unternehmen gibt."

Seine Prognose:

"Diese Erfahrungen sprechen dafür, dass die Rolle der Stadtwerke entgegen auch ökonomischer Erwartung in der Zukunft eher stärker sein wird, als wir das erwartet hätten."

Gerade im Ruhrgebiet sind viele Städte fast pleite. Klamme Kommunen, deren Stadtwerke auf Einkaufstour gehen - wie passt das zusammen? Schließlich hat allein der Kauf der Steag 650 Millionen Euro gekostet. Stadtwerkechef Janning kontert:

"Ein gutes Stadtwerk hat heute eine Kapitalrendite zwischen acht und zwölf Prozent, dass ist die eine Seite, die zweite Seite, nicht jede Rekommunalisierung erfordert einen hohen Kapitalbedarf bei den Kommunen, dann wäre das in der Tat ein Hemmnis, weil ein Großteil unserer Kommunen eben nicht kapitalkräftig sind."

Und dann spricht Janning aus, was viele klamme Kommunen wirklich antreiben dürfte:

"Hätten wir keine funktionierenden Stadtwerke mit Gewinnen, dann gäbe es in weiten Teilen in den Großstädten in Deutschland keinen ÖPNV mehr."

Mehr zur Serie:

Serie Wende wohin? - Die Zukunft des deutschen Energiemarktes

Zu hören wochentäglich vom 15. bis 24. August 2011 im Deutschlandfunk in der Sendung "Wirtschaft & Geselschaft" ab 17:05 Uhr



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

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