Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Konfliktlösungsressourcen des Rechts

Andreas Vosskuhle eröffnet den Deutschen Historikertag in Mainz

Von Ludger Fittkau

Andreas Vosskuhle demonstrierte in seiner Rede, warum auch die Rechtsgeschichte ein reizvolles Forschungsfeld für Geisteswissenschaftler ist. (AP)
Andreas Vosskuhle demonstrierte in seiner Rede, warum auch die Rechtsgeschichte ein reizvolles Forschungsfeld für Geisteswissenschaftler ist. (AP)

Der mehrtägige Deutsche Historikertag in Mainz ist mit 3000 Teilnehmern eine der größten wissenschaftlichen Veranstaltungen Europas. Andreas Vosskuhle, der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, veranschaulichte in seiner Festrede zum Thema "Ressourcenkonflikte", die Rolle des Rechts bei Konfliktlösungen.

Bundesverfassungsgerichtspräsident Andreas Vosskuhle nutzte den Historikertag zum Thema "Ressourcenkonflikte", um die aus seiner Sicht oft kaum beachtete Rolle des Rechts bei Konfliktlösungen zu veranschaulichen. Das Konfliktlösungswerkzeug des Rechts in der Alltagsgesellschaft, etwa der Vertrag, der Eigentumsbegriff oder der der "juristischen Person" gehört laut Vosskuhle "zum Inventar der modernen Welt". Es sei voller Wirkungsmacht, ohne das man sich das im Alltag so recht klar mache. Oftmals nehme das Recht in Situationen von Knappheit oder gar Mangel Ressourcenverteilungen nicht selbst vor, sondern schaffe einen Rahmen für Verteilungsentscheidungen. Etwa gegenüber den Märkten und Wirtschaftsprozessen habe das Recht Prägekraft, betont der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes. Etwa der Vertrag als Regelungsinstrument zwischen Marktteilnehmern:

"Unterkomplex wäre jede Beschreibung, die den Vertrag schlicht mit einem Versprechen identifiziert. Verträge, ihre Voraussetzungen, Gegenstände, Grenzen und Durchsetzungsmechanismen sind Gebilde, die nur nach Maßgabe einer normativen Ordnung. Und eingebettet in diese Bestehen können. Für das Eigentum oder die juristische Person, weitere Elementarteilchen des Marktes gilt dasselbe."

Andreas Vosskuhle mutete also den Historikern durchaus ein rechtsphilosophisches und rechtshistorisches Seminar zu. Auch, als er daran erinnerte, dass bestimmte, auch im Recht benutzte Verteilungsordnungen wie das Losverfahren, die Versteigerung als Brücke zur Ökonomie oder auch das Prinzip, "wer zuerst kommt, mahlt zuerst", bereits uralt sind:

"Zu dem Rechtssprichwort 'wer zuerst kommt mahlt zuerst' verfestigt, lässt sich der Verteilungsmodus nach Priorität bis in das 13. Jahrhundert bis in den Sachsenspiegel zurückverfolgen. Über einen Zugang zu Amt und Würden entschied das Los im Athen im vierten vorchristlichen Jahrhundert und 2000 Jahre später im Venedig der Renaissance. Auf Versteigerungen stoßen wir nicht nur in San Francisco, wo ein stiller Algorithmus die Erstverteilung der Google-Aktien vornimmt, sondern auch in Harlem, wo sich holländische Kaufleute zähe Bieterschlachten um Tulpenzwiebeln lieferten."

Vom sogenannten "Tulpenkrieg" des 17. Jahrhunderts, der als erste Spekulationsblase der Wirtschaftsgeschichte gilt, schlug Vosskuhle am Ende den Bogen zu den ebenfalls oft spekulationsgetriebenen Globalisierungsanforderungen von heute, denen auch das "Haus des Rechts" ausgesetzt sei:

"Werden am Haus des Rechts heute Anbauten und Umbauten vorgenommen, hat dabei kein preußischer Baudirektor das Sagen, sondern eine polyglotte Eigentümergemeinschaft, die sich zwar mitunter verständig und einigt, nicht selten aber auch nebeneinander arbeitet."

Womit wir wieder bei der EU und anderen internationalen Institutionen und ihren Ressourcenkonflikten angelangt wären. Andreas Vosskuhle demonstrierte dem deutschen Historikertag zum Auftakt glänzend, warum das Recht und vor allem auch die Rechtsgeschichte nach wie vor ein reizvolles Forschungsfeld für die Geisteswissenschaften sind. Inneruniversitäre und wissenschaftliche Ressourcenkonflikte und Geldmangel der Universitäten, die bei der Eröffnung des Kongresses auch Thema waren, hin und her: Wissenschaft, so der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, bedeutet auch, die Dinge richtig zu fragen. Dann Antworten sie. Für die Fragen nach den Konflikt lösenden oder zumindest mindernden politischen Ressourcen des Rechts hat Andreas Vosskuhle das eindrucksvoll vorgeführt.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:58 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 18:10 Uhr Informationen am Abend

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 17:07 Uhr Studio 9

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 18:00 Uhr Update

Aus unseren drei Programmen

Illegale Autorennen"Es geht nur darum, sich selbst zu bestätigen"

Blick auf eine befahrene Straße (imago stock&people)

Mit dem Urteil des Landgerichts Berlin werde klar aufgezeigt, dass man solches Verhalten im Verkehr nicht mehr toleriere, sagte die Schweizer Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry im DLF. Sie forderte, den Zugang zu hochmotorisierten Autos für junge Leute zu erschweren. Und generell die emotionale Bindung zum Auto zu lösen.

"Welt"-Korrespondent Deniz Yücel"Er konnte das wissen"

Yücel sitzt als Gast einer Talkshow auf dem Podium.  (dpa/Karlheinz Schindler)

Die Empörung in Deutschland ist groß: Ein türkischer Richter verhängte Untersuchungshaft gegen den Türkei-Korrespondenten der "Welt", Deniz Yücel. Die Anwältin Seyran Ates meint: Es war klar, dass man Yücel irgendwann "greifen" würde.

UnruheAs soon as possible? - Ohne mich!

Ein junger Geschäftsmann sitzt in Meditationshaltung auf seinem Arbeitstisch hinter seinem Laptop (imago stock&people)

Morgen ist Aschermittwoch, für Christen der Beginn der Fastenzeit. "Sieben Wochen ohne Sofort" ist die Fastenaktion der Evangelischen Kirche überschrieben. Innehalten sollen wir. Doch wer will das ernsthaft? Der Philosoph Ralf Konersmann, Autor einer Kulturgeschichte der Unruhe, sagt: So schnell kommt eine Gesellschaft aus dem Hamsterrad nicht raus.

Streit um Abschiebungen"Afghanistan ist kein sicheres Land"

Der menschenrechtspolitische Sprecher der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Tom Koenigs (picture-alliance / dpa / Arne Dedert)

Der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen-Fraktion, Tom Koenigs, lehnt die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber nach Afghanistan ab. Das Land sei nicht sicher, sagte Koenigs, im DLF. Die Bundesregierung sollte ihre Lageeinschätzung überdenken.

Frankreich und DeutschlandNeuer Schwung für ein altes Paar

Die französische und die deutsche Fahne am Rathaus von Frankfurt/Main (dpa / picture alliance / Frank Rumpenhorst)

Die Beziehung der Nachbarn Deutschland und Frankreich schwächelt. Doch US-Präsident Trump und der Brexit fordern die symbolische Partnerschaft zu engem Zusammenrücken und kraftvoller Kooperation heraus. Das kann eine reale Chance sein, meint der Historiker Klaus Manfrass.

125 Jahre DieselmotorEffizient, aber schadstoffreich

Eine Frau betrachtet am Mittwoch (12.03.2008) im MAN-Museum Augsburg (Schwaben) den ersten Versuchsdieselmotor, den Rudolf Diesel in den Jahren 1893 bis 1895 erbaute. Vor 150 Jahren, am 18.März 1858, wurde Rudolf Diesel als Sohn deutscher Eltern in Paris geboren. In Augsburg verwirklichte er seine Idee einer "neuen rationellen Wärmekraftmaschine" in Zusammenarbeit mit der Maschinenfabrik Augsburg, einer Vorgängerfirma der heutigen MAN-Gruppe. Foto: Karl-Josef Hildenbrand dpa/lby (zu dpa-KORR vom 13.03.2008: "Rudolf Diesel - Genialer Erfinder und begnadeter Ingenieur") +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (dpa)

Jahrelang tüftelte Rudolf Diesel an einem Motor, der die ineffizienten Dampfmaschinen seiner Zeit ersetzen sollte. Heraus kam dabei der nach ihm benannte "Dieselmotor", der bis heute Schiffe, Lkw und Pkw antreibt. Vor 125 Jahren reichte er die Pläne beim Patentamt ein.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Deniz Yücel  Bundestag will sich nächste Woche mit dem Fall des inhaftierten Journalisten befassen | mehr

Kulturnachrichten

Verschollene Bronzestatuette zurück in Berlin  | mehr

Wissensnachrichten

Kannibalismus  Frösche fressen fremden Nachwuchs | mehr