Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Konfusion ist bei der documenta Programm

Viele Kunstwerke in Kassel stiften Verwirrung

Von Anke Petermann

Ein gerahmtes Foto der künstlerischen Leiterin der Documenta, Carolyn Christov-Bakargiev, steht auf der Eröffnungs-Pressekonferenz in Kassel vor dem Podium. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)
Ein gerahmtes Foto der künstlerischen Leiterin der Documenta, Carolyn Christov-Bakargiev, steht auf der Eröffnungs-Pressekonferenz in Kassel vor dem Podium. (picture alliance / dpa / Boris Roessler)

Zusammenbruch und Wiederaufbau ist ein Leitmotiv der documenta 13, die am 9. Juni in Kassel beginnt. Dass die Ausstellung die Grenzen zwischen Kunst und Politik, Physik und Psychologie verschwimmen lässt, bringt manche zur Weißglut und lässt andere schwärmen.

<p>Konfusion ist Programm. Verwirrung stiften viele documenta-Kunstwerke: Für einen Teich in der Karlsaue könnte man das kleine Bassin vor der barocken Orangerie halten, wäre da nicht dieses ständige Schwappen – erzeugt von einem Motor: "Die Welle" nennt der Italiener Massimo Bartolini den Mini-Tsunami – künstlerisch gezähmte Natur. Neun Meter hoch und dennoch eine Miniatur ist der "Doing-Nothing-Garden" des Chinesen Song Dong. Salat und bunte Stauden wachsen wild durcheinander auf dem dreigipfligen Bonsai-Gebirge, das aus Kasseler Müll aufgeschüttet wurde. Neongelbe chinesische Schriftzeichen formen die welligen Hügel nach, der Künstler liest vor:<br /><br />Soll in etwa heißen: Was man vergeblich tut, muss trotzdem getan werden.<br /><br />&quot;Das trifft meine Einstellung, alle tun hektisch etwas, vieles muss man tun. Aber am Ende bleibt nichts.&quot; <br /><br />Allerdings wächst neues Leben aus dem Müllberg. "Collapse and recovery", Zusammenbruch und Wiederaufbau – das ist eines von Song Dongs Themen und es ist ein Leitmotiv der documenta 13. Genau das Richtige in Kassel, wo die Narben der Kriegszerstörung bis heute sichtbar sind. Hier wie anderswo gilt, meint documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev.<br /><br />&quot;Man kann kratzen, und unter der Oberfläche findet man Schichten von Widersprüche, Leid und Ungerechtigkeit.&quot;<br /><br />Historisch-politische Spurensuche fasziniert die künstlerische Leiterin der 100-Tage-Schau. Ihr Kunstbegriff ist so offen, dass Kritiker ihr Beliebigkeit unterstellen. Ein Konzept für die documenta will sich die italo-bulgarische Museumsmanagerin aus den USA nicht abringen lassen. Sie besteht auf dem "nonconcept-concept". Und zweifelt dazu noch die Vormachtstellung menschlichen Denkens und menschlicher Kunst an,<br /><br />&quot; ... und deshalb ist in Leserbriefen in der Hessisch-Niedersächsichen Allgemeinen nachzulesen, sie hat so verrückte Ideen, wie das Stimmrecht für Erdbeeren einzuführen. Das kann man wörtlich verstehen und sich fürchterlich darüber aufregen. Das kann man auch bildlich verstehen, dann wird es begreiflicher.&quot;<br /><br />Lacht Reinhold Kilbinger, einer der speziell geschulten Kasseler Laienführer, die von der kommenden Woche an Besucher übers Documenta-Gelände begleiten. Mit ihrer Sichtweise provoziert Carolyn Christov-Bakargiev auch Kunstjournalisten. Entsprechend deftig formulieren manche ihre Fragen an die documenta-Chefin:<br /><br />&quot;Wenn sie davon sprechen, dass Photonen singen und tanzen– wollen sie mit dieser Strategie jeden Unterschied nivellieren und ein Publikum anziehen, das so ungebildet und verwirrt ist wie sie selbst?&quot;<br /><br />&quot;Ich wusste gar nicht, dass auch Sportjournalisten unter uns sind&quot;,<br /><br />kontert die documenta-Chefin ungerührt. Und:<br /><br />&quot;Ich glaube, Verwirrung ist ein ganz gesunder Zustand – Konfusion - con- fondere – das ist einfach wundervoll.&quot;<br /><br />Dass die documenta 13 die Grenzen zwischen Kunst und Politik, Physik und Psychologie verschwimmen lässt, bringt manche zur Weißglut und lässt andere schwärmen. Das mag Kunst sein oder nicht, kommentiert Christov-Bakargiev, was sie zusammengetragen hat. Genau, stimmt ein Holländer zu, zieht seine Schuhe aus, um an einer Performance im Pavillon des US-Künstlers Paul Ryan teilzunehmen. Ob das moderner Tanz, Psychotherapie und / oder Kunst sein soll – dem Besucher aus Holland ist das egal. Er genießt es einfach.<br /><br /></p><p><strong>Mehr zum Thema bei dradio.de:</strong></p><p><papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="208181" text="&quot;Kein bleibender Zusammenhang&quot;" alternative_text="&quot;Kein bleibender Zusammenhang&quot;" /><br />Documenta-Leiterin Christov-Bakargiev stellt Konzept der diesjährigen Ausstellung vor<br /><papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="208043" text="Die Kunst bin ich" alternative_text="Die Kunst bin ich" /> <br>Wie die Chefin der documenta ihrer Ausstellung einen schlechten Start verschafft<br /><papaya:addon addon="d53447f5fcd08d70e2f9158d31e5db71" article="208358" text="Weltkunst und Kunstwelten" alternative_text="Weltkunst und Kunstwelten" /> <br>Sondersendung von der documenta 13</p>
 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:53 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 15:05 Uhr Rock et cetera

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 15:05 Uhr Interpretationen

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 12:00 Uhr Grünstreifen

Aus unseren drei Programmen

Japan Projektionen (3/3)Das "wahre" Japan in der Fotografie

Vier japanische Tänzerinnen auf einer Fotografie von Kimbei Kusakabe (1841-1932) (Kimbei Kusakabe)

In den 1860er-Jahren schuf der europäische Fotograf Felice Beato erste Bilder von Japan, die dokumentarischen Charakter hatten. Gleichzeitig etabliert er aber sogenannte Costumes: Er inszenierte Fotografien von Geishas, Samurai, Ringern und Lastenträgern in landestypischer Kleidung.

Biografien über Kracauer und KerrAuf der Suche nach der biografischen Wahrheit

Der Theaterkritiker Alfred Kerr (1867-1946) in einer undatierten Karikatur (dpa / picture alliance)

Jüdisch, kriegsbegeistert, im Exil - Siegfried Kracauer und Alfred Kerr haben einige Gemeinsamkeiten. Nun erschienen fast zeitgleich erste große Biografien über den Filmsoziologen und den Theaterkritiker. Doch wie wird man einem vergangenen Leben gerecht?

Die AntilopengangPunk, Politik und Atombomben auf Deutschland

Die drei Jungs von der Antilopengang singen über Beate Zschäpe, Gotteskrieger und Pizza. Die Gang gilt als eine der politischsten Rap-Bands in Deutschland - auch wenn ihnen das gar nicht immer so recht ist.

Sundance-Filmfestival eröffnetWeltpremiere von Helene Hegemanns "Axolotl Overkill"

Jasna Fritzi Bauer als Mifti in "Axolotl Overkill" von Helene Hegemann (© 2017 Constantin Film Verleih GmbH / Lina Grün)

Das Sundance Filmfestival in Utah ist eröffnet. Gleich zu Beginn war dort "Axolotl Overkill" von Helene Hegemann als deutscher Beitrag im internationalen Wettbewerb zu sehen. Wir waren bei der Premiere.

Pleiten, Rech und PannenFail!!!

Na? Habt ihr auch schon gehörig etwas verbockt? Einen fetten Fail gelandet? Kann passieren. Und ihr könnt damit weltberühmt werden. Wenn ihr euren Fail auf Video gebannt habt. Eine ordentliche Portion Selbstironie gehört natürlich dazu.

Georgische KücheEine Entdeckung für Feinschmecker

Arbeiter im Weinfeld im Alazani. (Tatjana Montik)

In der ehemaligen Sowjetunion galt Georgien als das Schlemmerparadies schlechthin. Heute wird die Küche des südkaukasischen Landes wieder neu entdeckt – von Feinschmeckern aus dem Westen. Kennzeichen sind feine Bergkräuter, exotische Gewürze, zarter Käse und ungewöhnliche Teigwaren.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Abschiebungen  Romann fordert mehr Kompetenzen für Bund | mehr

Kulturnachrichten

Cyberattacke gegen das Sundance Film Festival  | mehr

Wissensnachrichten

Navigation  Ameisen finden den Weg auch rückwärts | mehr