Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Kritik an Datensammlung der US-Behörden

Geheimdienst NSA soll Zugriff auf Server von großen Internetkonzernen haben

Zentrale des US-Geheimdienstes National Security Agency in Forte Meade (picture alliance / AP / Patrick Semansky)
Zentrale des US-Geheimdienstes National Security Agency in Forte Meade (picture alliance / AP / Patrick Semansky)

Hat die National Security Agency (NSA) Zugriff auf die Server von Microsoft, Google und Apple? Der "Guardian" und die "Washington Post" wollen ein Spionage-Programm der US-Behörden aufgedeckt haben. US-Präsident Barack Obama verteidigt die Maßnahme.

Unter dem Codenamen "PRISM" soll der größte amerikanische Geheimdienst NSA seit 2007 Zugriff auf eine enorme Datenfülle haben. Das Programm wurde vom damaligen US-Präsidenten George W. Bush ins Leben gerufen und von seinem Nachfolger Barack Obama ausgeweitet. Das berichten die Washington Post und der Guardian. Sie berufen sich dabei unter anderem auf eine interne und geheime Präsentation der Behörde. Beide Zeitungen halten das Dokument für authentisch.

Zugriff auf E-Mails, Chats und Fotos?

Darin steht, auf welche Daten die Ermittler Zugriff haben. Und das sind laut der Präsentation ziemlich viele. Unter anderem E-Mails, Chats, Videos, Fotos und Details aus sozialen Netzwerken. Bisherige Lieferanten der Daten sollen Branchengrößen wie Microsoft, Google, Yahoo, Facebook und Apple sein. Aus Sicht des FDP-Politikers und Europaparlamentariers Alexander Graf Lambsdorff ist es nach amerikanischem Recht nicht sonderlich erstaunlich, dass so etwas passiere. Im Interview mit Deutschlandradio Kultur sagte er auch, dass er mit weiteren Diskussionen über das Thema in den Vereinigten Staaten rechne.

Die NSA sammelt demnach Daten von Nicht-US-Bürgern, die außerhalb der Vereinigten Staaten lebten. Allerdings können in den Datensätzen nach Informationen der Zeitungen sehr wohl auch US-Bürger auftauchen, wenn sie Kontakt zu einer verdächtigen Person hätten, berichtet Korrespondentin Sabine Müller. Laut der Zeitungsberichte ist seit dem Start des Programms die Zahl der beteiligten Unternehmen, die Informationen liefern, gestiegen.

Obama während seiner Rede vor der National Defense University in Washington (picture alliance / dpa / Kristoffer Tripplaar / Pool)US-Präsident Barack Obama verteidigt die Telefonüberwachung (picture alliance / dpa / Kristoffer Tripplaar / Pool)

Obama: Niemand hört Ihre Telefongespräche ab

US-Präsident Barack Obama hat die Berichte indirekt bestätigt. In Kalifornien sagte er, die Programme seien Teil der Terrorbekämpfung. "Man kann nicht 100 Prozent Sicherheit und 100 Prozent Privatsphäre und null Unannehmlichkeiten haben", so Obama wörtlich. Gleichzeitig versicherte er, die gesammelten Telefondaten enthielten keinerlei Namen oder Inhalte: "Niemand hört Ihre Telefongespräche ab." Im Übrigen beträfen die Maßnahmen keine US-Bürger und niemanden, der in den USA lebe. Der Kongress werde regelmäßig über die Programme informiert und ein spezielles Gericht habe die Oberaufsicht. Bereits zuvor hatte die US-Regierung Stellung zu den Zeitungsberichten bezogen. Demnach enthielten die Berichte etliche Fehler.

Die genannten Unternehmen dagegen dementierten einen direkten Zugriff des Geheimdienstes auf ihre Daten. Google erklärte, die Behörden hätten keinen Zugang zu den Servern des Unternehmens, auch nicht durch eine Hintertür. "Wir übergeben Daten der Regierung in Einklang mit dem Gesetz", so Sprecher Kay Oberbeck. Auch Facebook teilte mit, man wisse nichts von einem geheimen US-Programm und gebe Informationen nur nach einer gründlichen Prüfung der Gesetzeslage heraus. Ähnlich äußerten sich Apple und Yahoo.

Auch Chaos Computer Club wenig überrascht

Die Dementis sind nach Einschätzung von Frank Rieger, dem Sprecher des Chaos Computer Clubs, glaubwürdig. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitungerklärte er, dass die Sprecher der betroffenen Unternehmen wahrscheinlich wirklich noch nichts von der Datensammlung gehört hätten. Er sieht die US-Unternehmen ohnehin als vom NSA untergraben an. Viele ehemalige Geheimdienstmitarbeiter säßen in Kontrollgremien der Firmen.

In Deutschland stoßen die Berichte über die möglicherweise riesige Datensammlung in den USA auf Kritik. Im Interview mit dem Deutschlandfunk bezeichnete der Datenschutzbeauftragte Schleswig-Holsteins, Thilo Weichert, die Datenschutzgesetze in den USA als viel zu lasch.

Für US-Präsident Obama kommen die neuen Vorwürfe ungünstig. Erst gestern hatte seine Regierung nach einem anderen Bericht des "Guardian" indirekt eingeräumt, systematisch und millionenfach Verbindungsdaten von Telefonaten in den USA gesammelt zu haben.

Weitere Informationen zu verwandten Themen auf dradio.de:
USA haben keine validen Datenschutzgesetze im Privatbereich - Datenschützer Weichert kritisiert Spionage bei Internetfirmen durch US-Behörden
Gezielte Einschüchterungsmaßnahme - Nachrichtenagentur AP wurde von der US-Regierung bespitzelt
Abhörskandal in den USA - US-Regierung bespitzelte Nachrichtenagentur Associated Press

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:12 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 11:05 Uhr Interview der Woche

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 11:05 Uhr Deutschlandrundfahrt

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 08:00 Uhr Dein Sonntag

Aus unseren drei Programmen

Kosmopolitin Katharina Finke"Wer loslassen trainiert, hat weniger Verlustängste"

Was sie hat, passt in zwei Taschen. Seit fünf Jahren reist Katharina Finke so um die Welt, ohne viel Besitz, ohne eigene Wohnung. Sie sagt: Das befreit mich von Verlustängsten und lässt mich offen auf die Welt schauen.

Umgang mit der VergangenheitErinnerung als Risiko und Chance

Alte Polaroids in einer Kiste. (picture alliance / dpa / Oliver Berg)

Ohne Erinnerung keine Zukunft, heißt es oft. Und es ist viel Wahres dran: Erinnerung schenkt Wurzeln, Identität und eine kraftvolle Basis für die Zukunft. Doch nicht jede Erinnerung ist gesund. Manches kann auch lähmen und jegliche eigene Gestaltung verhindern.

Trump und die MedienDas Prinzip der Pressebeschimpfungskonferenz

Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler am Rednerpult des Medienforums NRW 2012 (imago stock&people)

Donald Trump macht Politik als präsidentielles Dekret plus Eigenpropaganda: So formuliert es der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler im DLF. Für Trump zähle der direkte Draht zum Volk. Alles, was dazwischen geschaltet werde, störe ihn. Darum seien viele Medien für Trump der Feind. Und es könne bald weitere Feinde geben.

TrendsWie sich Blogger als "Tastemaker" positionieren

Berliner Fashion Week 2017 (Deutschlandradio / Laura Naumann)

Modemagazine waren gestern. Die schnelllebige Zukunft gehört den Blogs und deren Machern, den Tastemakern und Influencern. Und jeder will ein Stück vom Kuchen abhaben, weil sich damit unter Umständen auch Geld verdienen lässt, wie Modeexperte Sebastian Schwarz sagt.

TiefseeDer Ozean als Bergwerk

Der Meeresgrund ist voller Rohstoffe. Vor allem die mineralischen Ressourcen sind spannend für uns, denn die sind knapp und wir brauchen sie für Hightechgeräte wie unsere Smartphones. Staaten, Forscher und Unternehmen prüfen schon lange die Möglichkeiten des kommerziellen Tiefseebergbaus.

SimbabweHoffen auf ein Ende der Ära Mugabe

Simbabwes Präsident Robert Mugabe mit seiner Frau Grace beim Parteitag der ZanuPF. (AFP/Jekesai Nijikizam)

Simbabwe ohne Präsident Robert Mugabe? Für viele Menschen ist das kaum vorstellbar, denn der 93-Jährige herrscht seit der Unabhängigkeit 1980 autoritär über das Land, will sogar noch einmal kandidieren. Er und seine Machtclique haben aber das einst florierende Land heruntergewirtschaftet. Auf der Straße formiert sich trotz massiver Repressalien immer lauter Protest.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Bundesinnenministerium  Mehr als 3.500 Angriffe auf Flüchtlinge | mehr

Kulturnachrichten

"Toni Erdmann" gewinnt Independent Spirit Award  | mehr

Wissensnachrichten

Geld  Alte Ein-Pfund-Münze bald nutzlos | mehr