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Kritisch oder antisemitisch?

Simon Wiesenthal Zentrum wirft dem deutschen Publizisten Augstein Judenfeindschaft vor

Ein Antisemit? Jakob Augstein, Journalist und Verleger (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)
Ein Antisemit? Jakob Augstein, Journalist und Verleger (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)

Die Entscheidung hat Diskussionen bewirkt. Der deutsche Publizist Jakob Augstein ist vom Simon Wiesenthal Zentrum in Los Angeles kritisiert worden. Die renommierte Organisation setzte ihn auf Platz neun einer für 2012 erstellten internationalen Top-Ten-Negativliste für Antisemitismus.

Die Organisation wirft dem Herausgeber der Wochenzeitung "Der Freitag", "antisemitische und anti-israelische Israel-Verunglimpfungen" vor. Zur Begründung werden mehrere Kolumnen Augsteins auf "Spiegel Online" angeführt. Auf Platz eins der Liste setzte die Menschenrechtsorganisation die ägyptischen Muslimbrüder Mohammed Badie und Futouh Abd Al-Nabi Mansour. Es folgt der iranische Staatspräsident Mahmoud Ahmadinedschad.

Der Publizist Henryk M. Broder (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Der Publizist Henryk M. Broder - Augsteins Gegenspieler (picture alliance / dpa / Karlheinz Schindler)Das Simon Wiesenthal Zentrum beruft sich bei seiner Entscheidung zu Augstein auf den Publizisten der Zeitung "Die Welt", Henryk M. Broder. Broder und Augstein führen allerdings seit langem einen erbitterten publizistischen Streit. So bezeichnete Augstein Broder unter anderem als "kleinen Streicher". Julius Streicher, Gauleiter in Franken, galt als einer der übelsten antisemitischen NS-Propagandisten. Gegenüber der Berliner "tageszeitung" bekräftigte Broder seine Kritik. Augstein müsse auf der Liste sogar weiter vorn platziert werden: "Er gehört weiter nach oben, auf Platz drei etwa."

Broder selbst ist allerdings umstritten. "Als Antisemitismuskritiker nehme ich ihn seit langem nicht mehr ernst", sagte der Antisemitismusforscher und Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland, Klaus Holz, im Deutschlandradio Kultur. Broder sei höchstens ein "Pöbler", führte Holz aus, und dass er Wirkung erziele, sei eher medienkritisch aufzuarbeiten.

Wiesenthal-Zentrum verteidigt Entscheidung

Das Simon Wiesenthal Zentrum verteidigte die Entscheidung. Der stellvertretende Direktor, Rabbi Abraham Cooper, sagte unserem Korrespondenten Jan Tussing, bei Augstein handele es sich um einen wichtigen Spieler im deutschen Journalismus, der vor niemandem Rechenschaft ablegen müsse. Vielleicht sei das das Problem, so Cooper. Augstein müsse seine Texte niemandem vorlegen, bevor sie gedruckt würden.

In seiner Einschätzung von Antisemitismus beruft sich Cooper auf den Politiker und Autor Natan Scharanski: "Antisemit ist jemand, der die Grenze der drei D's überschreitet: Doppelter Standard, Dämonisierung und Delegitimierung." Das treffe beispielsweise zu, führte Cooper aus, wenn jemand sage: Sorge dich nicht um eine iranische Atombombe, diese sei keine Bedrohung, sondern schau dir den jüdischen Staat an, da seien die Typen, die gefährlich sind.

Rückendeckung vom Deutschen Journalistenverband

Augstein reagierte mit einer Notiz auf seiner Facebook-Seite: Das Wiesenthal-Zentrum sei eine wichtige, international anerkannte Einrichtung, deren Kampf gegen Antisemitismus er seinen ganzen Respekt bezeuge, schrieb er. "Umso betrüblicher ist es, wenn dieser Kampf geschwächt wird. Das ist zwangsläufig der Fall, wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird."

Der Deutsche Journalisten-Verband nahm Augstein in Schutz. Für die gemachten Vorwürfe böten die bisher erschienenen Artikel keinen Anlass, sagte Verbandssprecher Hendrik Zörner der Nachrichtenagentur epd. Klaus Holz meinte, Augstein habe sicherlich Fehler gemacht und man könne ihm mangelnde Sensibilität vorwerfen, die Antisemitismus-Anschuldigung des Wiesenthal-Zentrums sei aber unter dem Strich überzogen.

Unterstütztung für Augstein aus CDU und Linkspartei

Die rheinland-pfälzische Spitzenkandidatin für die Landtagswahl 2011, Julia Klöckner (CDU), lächelt auf einer Pressekonferenz im Atrium-Hotel in Mainz. (picture alliance / dpa)Auch Julia Klöckner (CDU) stellte sich hinter Augstein (picture alliance / dpa)Unterstützung für Augstein kommt auch aus der deutschen Politik. Der Fraktionschef der Partei Die Linke im Bundestag, Gregor Gysi, sagte der Nachrichtenagentur dpa, Augstein sei ein herausragender kritischer Journalist, der teils berechtigte, teils unberechtigte Kritik an der Politik der israelischen Regierung übe. Aus ihm einen Antisemiten schmieden zu wollen, gehe völlig fehl und unterstütze den schleichenden Antisemitismus.

Die stellvertretende CDU-Vorsitzende Julia Klöckner verteidigte Augstein ebenfalls und sagte, wenn jemand in einer freien Gesellschaft Regierungen kritisiere, sei das sein gutes Recht. "Wenn man daraus Antisemitismus ableitet, dann ist das sehr gewagt." Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter lobte die rheinland-pfälzische CDU-Chefin ausdrücklich einen Augstein zugewandten Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die FAZ hatte geurteilt, die Nominierung von Augsteins "ist ein schwerer intellektueller und strategischer Fehler des Simon Wiesenthal Centers". So werde nicht nur ein "kritischer Journalist in unangemessene Gesellschaft gestellt, all jenen, die zu recht auf ihr stehen - den neun anderen Personen und Gruppen also, wird es leicht gemacht, sich mit dem Verweis auf solche Beliebigkeit zu exkulpieren."

"Gaza ist ein Gefängnis"

Ähnlich äußerte sich Klaus Holz: "Mit dieser Art von Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs wird dem eigentlich der Stachel gezogen", erklärte er. Er werde zur "pauschalen Keule, die man rausholt, wenn es um Grauzonen geht". Dadurch werde abgeschwächt, was tatsächlich hart zu kritisieren wäre.

In den Passagen einer seiner Kolumnen übt Augstein, Sohn des "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein, scharfe Kritik an der israelischen Regierung und ihrer Haltung im Gaza-Konflikt. So schreibt er unter anderem: "Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus." Zudem verweist er darauf, dass auch in der israelischen Gesellschaft Fundamentalisten über nicht geringen Einfluss verfügten: "Israel wird von den islamischen Fundamentalisten in seiner Nachbarschaft bedroht. Aber die Juden haben ihre eigenen Fundamentalisten. Sie heißen nur anders: Ultraorthodoxe oder Haredim."

Wenn Sie mehr Interesse an dem Thema haben, können Sie sich auch an der Diskussion auf der Facebook-Seite des Deutschlandfunksbeteiligen.


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Letzte Änderung: 02.10.2013 14:03 Uhr

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