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Kühlwasserstand in Fukushima dramatisch gesunken

In drei Reaktorblöcken droht Kernschmelze

Das japanische Atomkraftwerk Fukushima I nach einer zweiten Explosion im dritten Reaktorblock (picture alliance / dpa)
Das japanische Atomkraftwerk Fukushima I nach einer zweiten Explosion im dritten Reaktorblock (picture alliance / dpa)

Im japanischen Atomkraftwerk Fukushima I ist es am Montag zu einer neuen Wasserstoff-Explosion gekommen. Dabei wurde das Dach des dritten Reaktorblocks zerstört. Da die Kühlsysteme in den Blöcken 1 bis 3 nicht mehr funktionieren, droht in allen drei Blöcken eine Kernschmelze, sagte Regierungssprecher Yukio Edano der Nachrichtenagentur Kyodo.

Wie der japanische Kraftwerksbetreiber Tepco mitteilte, kann eine Kernschmelze auch in Reaktor 2 nicht mehr ausgeschlossen werden. Der Kühlwasserstand sei dramatisch gesunken, vorübergehend hätten die Brennstäbe gar keine Kühlung mehr gehabt. Nach Angaben der Betreibergesellschaft ragten die Brennstäbe aus dem Wasser heraus, nachdem es zu Problemen mit einem Ventil gekommen war. Aufgrund der aktuellen Entwicklung muss davon ausgegangen werden, dass nun in drei von sechs Siedewasser-Reaktoren die Gefahr einer Kernschmelze besteht. Bei einer Kernschmelze besteht die Gefahr, dass die Druckbehälter beschädigt und hoch-radioaktives Material aus dem Inneren des Reaktors freigesetzt wird.

Zuvor hatten sich im dritten Reaktorblock zwei Wasserstoff-Explosionen ereignet. Wie die japanische Regierung erklärte, seien die Umstände der beiden Explosionen mit der von Samstag in Reaktorblock 1 zu vergleichen. Auf Fernsehbildern des japanischen Fernsehsenders NHK waren große Rauchwolken über der Anlage zu sehen. Auch konnte man erkennen, dass das Dach des Reaktorblocks zerstört ist.

Die Stahlhülle des dritten Reaktorblocks habe jedoch standgehalten, hieß es in einer Erklärung der Betreiberfirma Tepco, es sei nur eine geringe Menge an Radioaktivität ausgetreten. Elf Mitarbeiter seien verletzt worden. Zu den Explosionen ist es offenbar gekommen, weil der Betreiber versucht hat, die überhitzten Brennstäbe mit Meerwasser zu kühlen. So sollte eine Kernschmelze verhindert werden.

Der Deutschland-Korrespondent der japanischen Zeitung "Nikkei", Shogo Akagawa, hat im Deutschlandfunk die Betreiberfirma kritisiert. Tepco habe die Behörden zu langsam und teilweise falsch über die Vorgänge in Fukushima informiert.

Michael Sailer, Sprecher der Geschäftsführung des Öko-Instituts, hat angesichts der aktuellen Lage eine Katastrophe wie 1986 in Tschernobyl nicht ausgeschlossen.

Bereits am Sonntag waren die Kühlsysteme in weiteren Atomanlagen ausgefallen, zuletzt im Atomkraftwerk Tokai, das südlich von Fukushima liegt. Das Kraftwerk war nach dem Beben vom Freitag automatisch abgeschaltet worden. Wie die Internationale Atomenergiebehörde in Wien mitteilte, hatten die japanischen Behörden zuvor für das Kernkraftwerk Onagawa einen nuklearen Notstand ausgerufen. Ursache sei ein ungeklärter Anstieg von Radioaktivität.

Erdbebenkarte Japan (picture alliance / dpa)Erdbebenkarte Japan (picture alliance / dpa)

Tausende Menschen weiter vermisst

Unterdessen hat sich vor der Küste ein weiteres schweres Nachbeben ereignet, das laut Angaben der US-Erdbebenwarte eine Stärke von 5,8 erreichte. Eine zunächst herausgegebene Tsunami-Warnung wurde wieder aufgehoben.

Laut jüngster Regierungsangaben ist die Zahl der offiziell bestätigten Toten inzwischen auf 5.000 gestiegen. Noch immer werden aber tausende Menschen vermisst. Seit Freitag seien mehr als 12.000 Menschen lebend aus den Trümmern geborgen worden. Rund 400.000 Menschen wurden in Notunterkünften untergebracht.

Auf die Informationspolitik der japanischen Behörden ist nach Ansicht des Strahlenbiologen Edmund Lengfelder wenig Verlass. Man versuche, die Bevölkerung ruhig zu halten, denn großräumige Evakuierungen seien aufgrund der dichten Besiedlung Japans schwierig.

Loske fordert sofortiges Abschalten alter Reaktoren

Die Atomkatastrophe in Japan hat die Debatte um die Nutzung der Atomkraft in Deutschland neu entfacht. So hat der Bremer Umweltsenator Loske (Bündnis90/Die Grünen) der Bundesregierung vorgeworfen, "nicht glaubwürdig" zu sein. Angsichts der Ereignisse in Japan müsse die Laufzeit-Verlängerung für deutsche Atomkraftwerke zurückgenommen werden. Alte Siedewasser-Reaktoren müssten sofort abgeschaltet werden, sagte Loske im Deutschlandradio Kulutr.

In Bezug auf die japanische Atompolitik sprach der Autor und Historiker Joachim Radkau von einem "verrückten Faktum". Dass Kernkraftwerke nicht zuverlässig gegen schwere Erdbeben gesichert werden können, hätten die Experten immer gewusst.

Wilhelm Vosse, Professor für Politikwissenschaft in Tokio, glaubt, dass der "größte anzunehmende Unfall" erst noch passieren müsse, ehe es in Japan zu einer grundsätzlichen Debatte über die Atomkraft kommt.

Hier finden Sie weitere Positionen zur deutschen Atompolitik.

Atomkraft - nun doch (dradio.de-Sammelportal)
Energiepolitik am Scheideweg (dradio.de-Sammelportal)

Programmhinweis: Über die Entwicklungen in Japan informieren Sie die Nachrichten von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 13:40 Uhr

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