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Lokomotivbau direkt an der Grenze

Das AEG-Bahnwerk in Hennigsdorf bei Berlin, Teil 2 der Serie "Mauer der Wirtschaft"

Von Axel Flemming

Im AEG-Bahnwerk wurden Schienenfahrzeuge gebaut. (AP)
Im AEG-Bahnwerk wurden Schienenfahrzeuge gebaut. (AP)

Anfangs wurde die Allgemeine Elektricitätsgesellschaft noch mit "C" geschrieben. Weltweit bekannt wurde das Unternehmen unter der Abkürzung "AEG". Gegründet 1883 von Emil Rathenau in Berlin, zog es später nach Hennigsdorf nahe Berlin. Diese Nähe fand mit dem Mauerbau 1961 jäh ihr Ende.

Roland Koenke fährt noch in der Nacht vom 12. auf den 13. August von West-Berlin nach Hennigsdorf, mit der S-Bahn. Damals ist er 24 Jahre alt. "Aus Berlin kommend vor der Brücke war ein Bahnhof, der so genannte Eierbahnhof. In der Nacht, am 13., den letzten Zug um ein Uhr nachts, war ja schon der 13. August, da war niemand auf dem Bahnhof - überhaupt gar keener. Der Zug hielt bloß kurz an und fuhr denn nach Hennigsdorf. Und denn war Schluss."

Koenke arbeitet im Stahl- und Walzwerk - auch eine AEG-Gründung - das das benachbarte Bahnwerk beliefert. Der 13. August 1961 ist sehr warm, er hat Frühschicht. Gegen Mittag kommt die Volkspolizei in den Betrieb.

"Ick sage zu denen: Seid ihr bescheuert, bei der Hitze und da setzt ihr euch noch so 'nen Stahlhelm auffen Kopp?Na sag mal weeßte nich? Berlin is zu!"

Da ist der Name AEG schon Geschichte. Nach dem Krieg 1946 werden die meisten Werksteile demontiert und in die Sowjetunion gebracht. Hennigsdorf wird 1948 zum volkseigenen Betrieb "Lokomotivbau Elektrotechnische Werke Hans Beimler", kurz LEW. Mit dem Mauerbau ist der direkte Weg nach West-Berlin versperrt. Die Havel bildet fortan die Grenze, das Werksgelände grenzt direkt ans Wasser.

"Hier sehen Sie dieses ganze fürchterliche Grenzgebilde. Der Bereich der hier ist, das ist am Eierbahnhof, der so genannte Kontrollpunkt, der hier damals zwischen dem Osten und Westen gebildet wurde."

Antonius Teren betrachtet ein Bild, das ein Freund mit einem Drachenflieger vom West-Berliner Heiligensee aus aufgenommen hat.

"Hier sehen Sie den Werkshafen vom damaligen Lokomotivbau und Elektrotechnische Werke, also damals eine Beschäftigtenzahl von etwa 8000 Leuten. Zur DDR-Zeit war das ja einer der bedeutendsten Lokomotivhersteller hier in Europa."

Teren ist Vorsitzender des Geschichtsvereins Hennigsdorf, der sich auch mit der Industriegeschichte beschäftigt, denn Stahlwerk und Eisenbahnwerk bestimmen die Wirtschaftskraft der Stadt - bis heute. Teren kommt 1961 nach Hennigsdorf; da sind viele andere schon in den Westen gegangen.

"Weil hier der Arbeitskräftemangel so groß war, durch die Republikflucht vieler Stahl- und Walzwerker, war natürlich in Hennigsdorf ein besonderer Bedarf an jungen Fachkräften vorhanden; da begann meine Tätigkeit als junger Mensch."

Kontakte in den Westen, gar zur AEG, die ein neues Werk in West-Berlin für elektrische Lokomotiv-Ausrüstungen baut, gibt es zur DDR-Zeit nicht. Bis zur Wende, der friedlichen Revolution und schließlich dem Mauerfall und der Wiedervereinigung. Das Stahl- und Walzwerk wird schnell von der Treuhand an den italienischen Konzern Riva verkauft. Erst Jahre danach, 1992 kommt das Bahnwerk wieder zurück zu AEG unter dem Namen "AEG Schienenfahrzeuge GmbH, Hennigsdorf".

"Die Entscheidungen der Treuhand sind hier der Maßstab für die Fortentwicklung. Ab 1992 beginnt systematisch eine totale Ausgliederung der unwesentlichen Bereiche, aus den volkseigenen Betrieben, also Sozialbereiche und so weiter, gewissermaßen die Dienstleistungen."

Doch die Wiedervereinigung bei AEG währt nicht lange. 1996 wird die traditionsreiche Allgemeine Eletricitätsgesellschaft liquidiert. Der Bereich Schienenfahrzeugbau wird mit dem Verkehrsbereich der "ABB Daimler-Benz Transportation Adtranz" zusammengelegt. Seit 2001 gehört das Werk Hennigsdorf zum Bombardier-Konzern.

Serie "Die Mauer der Wirtschaft" in "Wirtschaft und Gesellschaft"



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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:43 Uhr

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