Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Lukaschenko rechtfertigt sich

Pressekonferenz des weißrussischen Autokraten

Von Sabine Adler

Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko sieht sich im Recht (picture alliance / dpa / Tatyana Zenkovich)
Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko sieht sich im Recht (picture alliance / dpa / Tatyana Zenkovich)

Ähnlich wie jüngst Russlands Präsident Putin hat Alexander Lukaschenko in Weißrussland seine jährliche Pressekonferenz gegeben, um seine Botschaft in die Welt zu tragen. Demnach ist alles gut in seinem Land - schuld sind immer die Journalisten oder die anderen.

Nach Meinung Lukaschenkos ist es fast überall schlechter als in Weißrussland, woanders tobt Krieg, herrschen Armut und große soziale Unterschiede, betreiben Gauner Marktwirtschaft, liebt man Waffen. Weißrussland sichert dagegen alles, was ein Volk braucht:

"Stabilität, Vorhersagbarkeit, Ruhe."

Fünf Stunden, solange dauerte die Pressekonferenz, fünf Stunden konnte man den Autokraten erleben als sich angeblich sorgenden, stets belehrenden, häufig auch wetternden und aggressiven Politiker, der den Journalisten die Worte im Mund herumdreht, sollte die Frage nicht devot genug vorgetragen oder ohnehin von dem Falschen gestellt worden sein.

Weißrussland werde modernisiert, es sei nicht in einer Krise, die Ökonomen mit solchen Orakeln wollten nur Angst verbreiten. Weißrussland verfüge über einen ausgeglichenen Haushalt, Valuta-Reserven im Wert von acht Milliarden Dollar, sagte Lukaschenko. Er bestritt, dass Russland Minsk mit Erdöl- und Gas subventioniert.
Tatsächlich galoppiert die Inflation, ist man mit 100 Euro in weißrussischen Rubeln schon Millionär. Dass die Menschen ihr Geld deswegen in Euro oder Dollar tauschen, ärgert den Präsidenten sichtlich.

"Das machen nur Leute aus dem Mittelstand oder reiche, Journalisten zum Beispiel. Wenn unsere Preise höher wären, könnte man nicht mehr so leicht Geld tauschen."

Gemeint ist unter anderem der Strompreis, der staatlich gestützt wird. Lukaschenko droht in viele Richtungen. In diesem Fall zynischerweise den Armen. Journalisten würden ohnehin ihr Geld in Litauen verstecken.
Litauen, das die EU-Ratspräsidentschaft ab Juli innehaben wird, kann sich schon warm anziehen. Lukaschenko warnte in Richtung Vilnius, dass Minsk litauische Häfen boykottieren, stattdessen russische nutzen könnte. Litauen hat im vorigen Sommer den Zorn Lukaschenkos auf sich gezogen, als ein Flugzeug von Vilnius aus über Weißrussland Teddybären abwarf, die für Menschenrechte warben. Eine Aktion, für die der schwedische Botschafter ausgewiesen wurde, weil er angeblich der Vater der Idee war. Gefragt, was die Verbesserung der Beziehungen zur Europäischen Union stört, platzt aus Lukaschenko der Namen des Präsidentschaftskandidaten Mikilai Statkewitch heraus, der seit fast zwei Jahren im Gefängnis sitzt.

"Sie bezeichnen ihn als einen politischen Häftling. Ja, er war Politiker, Kandidat. Aber er ist ein Bandit, ein Hooligan. Er wurde nach dem Gesetz verurteilt. Ich soll ihn freilassen, warum?"

Präsidentschaftskandidaten der Opposition könne er nicht als Weißrussen ansehen, sie seien Verräter, nationalistisch, faschistisch.
Dass sich der seit über 18 Jahren herrschende Präsident einmal im Jahr die Fragen auch von oppositionellen Journalisten gefallen lässt, zeugt keinesfalls von irgendeiner Öffnung. Die Warnungen kommen auf Schritt und Tritt, sind unüberhörbar, zum Beispiel nach der Frage, warum in letzter Zeit vermehrt Menschen von der Miliz geschlagen und eingeschüchtert würden. Lukaschenkos Antwort:

"Ich mag es nicht, wenn jemand geschlagen wird, aber hätten Sie lieber, dass die Miliz beim ersten Schritt nach links oder rechts schießt. Aber gehen Sie zum Generalstaatsanwalt und sagen sie aus. Aber Ihnen geht es doch nur um PR, nicht um eine Antwort."

Der Angriff gilt der Kollegin von der unabhängigen Nachrichtenagentur Belapan. Journalisten oder Journalistinnen werden von Präsident Lukaschenko fast immer geduzt.

Unverhohlen gereizt reagiert er auf Fragen nach seiner goldenen Uhr, vor allem aber auf das neue Regierungsflugzeug angesprochen wird. Und wird sofort beleidigend gegen seine Vorgänger Präsident Schuschkewitsch.

"Warte, ich notiere: Flugzeug, Auto, Haus. Wenn Sie mein Haus sehen würde und das des russischen oder ukrainischen Präsidenten, Sie würden sagen: Reißen Sie es ab, bauen Sie eine neues. Ein Präsident ist das Gesicht des Landes. Als Stanislaw Schuschkewitsch den US-Präsidenten Clinton empfing in einem feuchten Mantel, wie nach einem Besäufnis, das war so peinlich. Ich bin ein Mann vom Dorf, meine Hosen sind gebügelt. Sollte mir jemand einen Maybach schenken, ich würde ihn dem Staat geben.""

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 07:05 Uhr Information und Musik

Deutschlandradio Kultur

MP3 | Ogg

seit 07:05 Uhr Feiertag

DRadio Wissen

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Kultur des TodesWenn der Friedhof stirbt

Jahrhundertelang war er der einzige Ort, um die Toten zu bestatten. Doch allmählich stirbt der Friedhof selbst. Immer mehr Menschen finden ihn als letzte Ruhestätte zu teuer und die strengen Vorgaben nicht zeitgemäß. Sie lassen ihre Asche lieber übers Meer verstreuen, sich unter einem Baum beerdigen oder neben dem geliebten Haustier.

Soziologe Khosrokhavar über Terror in EuropaWarum der Dschihadismus weiter andauern wird

Der iranisch-französische Soziologe Farhad Khosrokhavar ist Studienleiter an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris. (AFP / Damien Meyer)

Seit fast 30 Jahren erforscht Farhad Khosrokhavar das Phänomen der Radikalisierung unter Moslems. Europa werde das nächste Jahrzehnt mit dschihadistischem Terror leben müssen, ist sich der iranisch-französische Soziologe sicher.

Unruhen in IndienDie Wut der Jugend von Kaschmir

Jugendliche werfen Steine auf ein indisches Polizeiauto während der Unruhen in Srinagar, der Sommerhauptstadt des indischen Teils Kaschmirs. (picture alliance / dpa / Farooq Khan)

Seit dem 8. Juli gehören Tote und Verletzte zum traurigen Alltag im indischen Teil Kaschmirs. Damals erschossen Soldaten den Kämpfer Burhan Wani. In den Augen der indischen Regierung ein Terrorist, für viele Jugendliche ein Held und Märtyrer. Seitdem gehen seine Anhänger regelmäßig demonstrieren - doch immer seltener geht es dabei friedlich zu.

Holocaust-ZeitzeugeMax Mannheimer ist tot

Der Holocaust-Zeitzeuge Max Mannheimer (dpa / picture-alliance / Andreas Gebert)

Der Holocaust-Überlebende Max Mannheimer ist im Alter von 96 Jahren in einer Münchner Klinik gestorben. Er galt als wichtige Stimme für die sechs Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten Juden.

Yvonne Hofstetter: "Das Ende der Demokratie"Big Data in der Politik

Blick in die Zukunft? - Was kann künstliche Intelligenz (dpa)

Die Big Data-Unternehmerin Yvonne Hofstetter warnt in ihrem neuen Buch davor, welche Konsequenzen künstliche Intelligenz für die Politik haben könnte: Es drohe das "Ende der Demokratie". Und sie zeigt Auswege an, wie eine digitale Zukunft human gestaltet werden kann.

MedizinWach, wacher, Kaffeeschock

Kaffee ist eigentlich eine Art Psychostimulanzie, die sich auf den ganzen Körper auswirkt: der Blutdruck steigt, wir können uns besser konzentrieren und sind aktiver. Nur manchmal trinken wir eine Tasse zu viel - Dr. Johannes Wimmer weiß, was dann zu tun ist.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Syrien  UNO-Sicherheitsrat zu Dringlichkeitssitzung zusammengerufen | mehr

Kulturnachrichten

Überraschung beim Filmfestival in San Sebastián  | mehr

Wissensnachrichten

Fitness-Armbänder  Nicht zwangsläufig hilfreich beim Abnehmen | mehr