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Mali: Islamisten setzen Zerstörungswerk fort

Experten warnen vor Bürgerkrieg

Einige der 16 berühmten Schreine in einer Moschee in Timbuktu wurden schon zerstört (picture alliance / dpa / Evan Schneider)
Einige der 16 berühmten Schreine in einer Moschee in Timbuktu wurden schon zerstört (picture alliance / dpa / Evan Schneider)

Islamistische Rebellen in Mali haben den Eingang der Sidi-Yahya-Moschee in Timbuktu zerstört. Bereits am Wochenende hatten Islamisten insgesamt sieben Mausoleen eingerissen, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs spricht von "Kriegsverbrechen".

Die Angreifer hätten die "heilige Tür" des zum Weltkulturerbe zählenden Gebäudes zerstört, die normalerweise nie geöffnet werde, sagte ein Bewohner der Wüstenstadt der Nachrichtenagentur AFP. Die Verwüstung historischer Heiligengräber komme Kriegsverbrechen gleich, erklärte die malische Regierung. Sie kündigte an, sich an den Internationalen Strafgerichtshof zu wenden. In der Wüstenstadt Timbuktu gibt es mehr als 300 Heiligengräber, 16 von ihnen werden von der UNESCO als Weltkulturerbe geführt.

Die Bundesregierung hat derweil die Zerstörung der historischen Heiligengräber verurteilt. Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, rief zu einem sofortigen Ende der Gewalt in dem westafrikanischen Land auf.

Die Extremistengruppe Ansar Dine hatte bereits am Wochenende nach UNESCO-Angaben die zum Weltkulturerbe zählenden jahrhundertealten Mausoleen von Sidi Mahmud, Sidi Moctar und Alpha Moya zerstört. Aus Sicht der Islamisten ist die Verehrung von Heiligen und ihren Grabmälern ein Verstoß gegen den Islam, der es Gläubigen verbiete, Götter neben Allah zu verehren. Sie wollen ihr Vernichtungswerk nach eigenen Angaben fortsetzen: "Wir werden alles zerstören und dann die Scharia in dieser Stadt anwenden", sagte ein Sprecher der Gruppe.

Die Zerstörung von Weltkulturerbe-Stätten durch militante Islamisten in Mali sei Ausdruck einer Spaltung der islamischen Gesellschaft, sagt Rüdiger Seesemann, Professor für Islamwissenschaften an der Universität Bayreuth. Im Deutschlandradio Kultur sagte er, es würden sich unterschiedliche Entwürfe dessen gegenüberstehen, was man unter Islam und richtiger islamischer Praxis versteht. Die Ablehnung der Heiligenverehrung sei kennzeichnend für die radikalen islamischen Bewegungen, so Seesemann.

Tuareg-Rebellen in Mali (picture alliance / dpa / EPA)Tuareg-Rebellen in Mali (picture alliance / dpa / EPA)Die Gruppe steht mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQIM) in Verbindung und will in dem von ihr beherrschten, Asawad genannten Gebiet strenges islamisches Recht durchsetzen. Die Islamisten hatten Ende März gemeinsam mit Tuareg-Rebellen Timbuktu unter ihre Kontrolle gebracht, nachdem die Regierung in Bamako von Soldaten gestürzt worden war. Seitdem lieferten sich die Gruppen wiederholt heftige Kämpfe um Timbuktu und andere Städte. Experten warnen inzwischen vor einem Bürgerkrieg.

Ban sucht den Dialog

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief zu Gesprächen auf und appellierte an alle Beteiligten, das Kulturerbe Malis zu bewahren. Ban rügte die Angriffe auf die Mausoleen als vollkommen ungerechtfertigt. Er bekräftigte nach Angaben eines Sprechers seine Unterstützung für die Bemühungen der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS, der Afrikanischen Union und Ländern der Region, Mali bei der Lösung der Krise behilflich zu sein. Die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs, Fatou Bensouda forderte einen sofortigen Stopp der Zerstörungen. "Das ist ein Kriegsverbrechen, für dessen Untersuchung meine Behörde die vollständige Befugnis hat", sagte sie. Ihr Anklagebüro in Den Haag verfolge die Ereignisse in Mali aufmerksam, sei aber noch dabei, Informationen zusammenzutragen.

Islamistische Bilderstürmer hatten bereits 2001 weltweit für Empörung gesorgt: In Afghanistan zerstörten strenggläubige Taliban die berühmten Buddha-Statuen von Bamian, die ebenfalls zum Weltkulturerbe zählten.

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Letzte Änderung: 02.10.2013 13:54 Uhr

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