Radiomenschen /

 

Margarete Wohlan

Geschichten entdecken und weitererzählen

Zu sehen ist ein Porträtfoto von der lächelnden Margarete Wohlan
Margarete Wohlan

Da gab es den Bauern aus Nordvietnam, der gegen die US-Amerikaner kämpfte. Oder den weltbekannten Immunologen, der mit dem ersten Kindertransport aus Nazi-Deutschland floh. Und auch die polnische Prostituierte, die ihren deutschen Zuhälter umbrachte und durch ein Interview mit mir auf ein milderes Urteil hoffte. Geschichten entdecken und sie weitererzählen – das hat mich an diesem Beruf von Anfang an fasziniert.

Dabei war nicht abzusehen, dass ich Journalistin werden würde, als ich mit neun Jahren aus Polen nach Deutschland kam. Ich konnte die Sprache nicht, musste die sozialen und kulturellen Feinheiten im neuen Land erspüren und eine Sensibilität für das Ungesagte entwickeln, für das, was nicht benannt wird und doch gilt. Vielleicht war das später aufgenommene Soziologiestudium eine direkte Folge dieser Erfahrungen. Es folgte das Volontariat an der evangelischen Journalistenschule. Also doch Geschichten entdecken und weitererzählen?

Ich begann, als freie Journalistin für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu arbeiten: Dokumentarfilme im Ausland für Arte, Porträts für die ZDF-Reihe "37 Grad" und immer wieder Beiträge für Deutschlandradio. Lange konnte ich mich zwischen den beiden Medien – Fernsehen oder Radio – nicht entscheiden, denn es gibt Geschichten, in denen ein Bild mehr sagt als tausend Worte. Aber die, die mich immer häufiger interessierten, lebten vom Erzählten, reduziert auf das Wesentliche: das Wort.

Als mir Deutschlandradio Kultur anbot, zwei Sendungen redaktionell zu betreuen, reizte es mich, die Seiten zu wechseln. Nach über 20 Jahren als freie Journalistin und Autorin wollte ich nun andere anregen, auf die Suche zu gehen – für die im Studio aufgenommene "Deutschlandrundfahrt' (alle 14 Tage samstags 15.05 Uhr), in der Menschen ihre Lebensgeschichten erzählen und dadurch unbekannte Einblicke in ihre Heimat gewähren. In der zweiten Sendereihe darf ich stöbern. Auch hier geht es wieder um Geschichten. Um Geschichten aus alten Zeiten, die in den Archiven von Deutschlandradio schlummern, Schätze, die gehoben werden wollen, weil sie auch heute noch zum Zuhören verführen (sonntags um 8.05 Uhr).

Und dann Warschau. Noch einmal dahin zurückzukehren, wo ich hergekommen bin – als deutsche Journalistin mit polnischen Wurzeln. Eine aufregende Zeit als Vertreterin der Korrespondentin Sabine Adler im Sommer letzten Jahres. Denn es ist für mich bis heute das Faszinierendste an meinem Beruf geblieben: Menschen zuzuhören, ihre Geschichten entdecken und sie im Radio lebendig werden zu lassen.

Margarete Wohlan

 

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