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Mentor der Montreux-Momente

Der Jazz-Festival-Gründer Claude Nobs ist tot

Von Martin Risel

Claude Nobs, der langjährige Leiter des Montreux Jazz Festivals, ist tot (picture alliance / dpa / Laurent Gillieron)
Claude Nobs, der langjährige Leiter des Montreux Jazz Festivals, ist tot (picture alliance / dpa / Laurent Gillieron)

Über 40 Jahre lang hat der Schweizer Claude Nobs in Montreux eines der weltweit berühmtesten Jazzfestivals geleitet und es ganz persönlich geprägt. Er holte Stars wie Herbie Hancock, Carlos Santana oder Quincy Jones - und schuf besondere Momente der Musikgeschichte. Nun ist Nobs im Alter von 76 Jahren gestorben.

1967 hob Claude Nobs zusammen mit Mitstreitern das Montreux Jazz Festival aus der Taufe - aus der Tiefe des Genfer Sees sozusagen - und den kleinen, aber sehr feinen Ort am Seeufer auf die internationale Musik-Landkarte. 31 war er da gerade und eigentlich für den Fremdenverkehr zuständig. Aber sein Herz gehörte der Musik. Schon drei Jahre zuvor hatte der drahtige junge Mann die Rolling Stones zum ersten Konzert außerhalb von Großbritannien in die Schweiz geholt. Claude Nobs, ein Utopist, ein Träumer, der immer seine Träume wahr machen wollte.

Und wie er seine Träume wahr machte, davon gibt es die schönsten Geschichten: Nobs als blutjunger Nobody, der in New York einfach so im Büro der Plattenfirma Atlantic aufschlug, um deren einflussreiche Bosse, die berühmten Ertegun-Brüder, zu sprechen. Er blieb und argumentierte so hartnäckig, dass er schließlich empfangen wurde - und mit Zusagen über Montreux-Auftritte von Roberta Flack, Ella Fitzgerald und anderen wieder aus dem Büro ging

Eine der schönsten Geschichten ist die von der Kollegin Aretha Franklin. Nobs als verzweifelt um einen Auftritt in Montreux flehender Festivalleiter: 5000 Dollar kann er anbieten, Franklins Manager lacht, in Paris oder London bekommt seine Aretha ein Vielfaches. Nobs geht, hinterlässt für Manager und Künstlerin zwei Tafeln Schweizer Schokolade. Damit lockt er Aretha Franklin dann doch in die Schweiz.

Dort bekommt sie nicht nur Schokolade, sondern vor allem ein opulentes Mahl, zubereitet vom gelernten Koch Claude Nobs. In sein Anwesen in den Bergen hoch über Montreux lädt er sie alle ein, die großen Stars der Musikszene: Herbie Hancock, Carlos Santana, Quincy Jones - die Liste ist länger als der Gotthard-Tunnel.

Und diese Stars dann auch noch gemeinsam auf die Bühne zu bringen, für einen Abend, für eine Jamsession, das sind diese besonderen Momente der Musikgeschichte, die es an kaum an einem anderen Ort der Welt so gibt.

Und da huschte der Macher dieser Momente dann gern und hocherfreut und geehrt über die Bühne, um seine Stars anzukündigen, manchmal auch mit ihnen zu singen oder Mundharmonika zu spielen. Überbordend freundlich, fröhlich, dem schönen Leben zugewandt und den Künsten, auch den bildenden - und vor allem der Musik in vielen verschiedenen Genres.

Die Hardrocker von Deep Purple hatte er 1971 - kurz bevor er Schweizer Direktor der Plattenfirma WEA wurde - nach Montreux geholt, zu Plattenaufnahmen ins dortige Casino. Genau dieses Gebäude brannte nach dem Auftritt von Frank Zappa einen Tag zuvor ab, Deep Purple beobachteten den Rauch über dem Genfer See und verewigten Claude Nobs in den Zeilen zu "Smoke on the Water".

2010 hat sich Claude Nobs offiziell von der Festivalleitung zurückgezogen - aus gesundheitlichen Gründen. Als immer persönlich präsenter Prinzipal blieb er trotzdem dabei.

Und nun - ganz typisch - hat ihn der Tod mitten aus dem Leben gerissen. Heiligabend war er Skifahren in der Nähe seines Hauses oberhalb von Montreux, ist aus der Loipe gefallen, hat sich noch nach Hause gerettet, kam mit dem Hubschrauber in die Klinik. Nach einer Not-OP lag er im Koma und ist nun - mit 76 - nicht mehr aufgewacht.

Es bleiben eine Riesenlücke und die vielen besonderen Montreux-Momente.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

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