Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Merkel beklagt "großes Maß an Antisemitismus" in Deutschland

Bundeskanzlerin bei Ratsversammlung des Zentralrats der Juden

Von Anke Petermann

Der Zentralrats-Präsident Dieter Graumann (l.) überreicht Angela Merkel zur Begrüßung einen Chanukka-Leuchter; rechts steht Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Der Zentralrats-Präsident Dieter Graumann (l.) überreicht Angela Merkel zur Begrüßung einen Chanukka-Leuchter; rechts steht Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Es war der erste Besuch eines Regierungschefs beim höchsten Gremium des Zentralrats der Juden in Deutschland überhaupt: Auf der diesjährigen Ratsversammlung sprach Angela Merkel über Antisemitismus und die Kontroverse um die Beschneidung von Jungen.

Ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland bekundete Angela Merkel mit dem Besuch bei der Frankfurter Ratsversammlung. Als historisch wurde der Auftritt der Bundeskanzlerin gewertet und von den Delegierten entsprechend beklatscht - zuvor hatte noch kein Regierungschef das oberste Entscheidungsgremium des Zentralrats der Juden in Deutschland besucht. Presse war bei Merkels Rede vor der Ratsversammlung nicht zugelassen, auch bei der anschließenden Erklärung durften Journalisten keine Fragen stellen, sondern nur zuhören.

"Es gibt ein großes Maß an Antisemitismus, was leider sich an bestimmten Vorfällen sich immer wieder zeigt, sei es in Angriffen auf Rabbiner, sei es in vielen Stellungnahmen in Zusammenhang mit dem Thema Beschneidung."

Ein schwieriges Jahr für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland, bilanzierte Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden. Im Spätsommer wurde in Berlin ein Rabbiner auf offener Straße zusammengeschlagen. Im Frühsommer hatte das Oberlandesgericht Köln die religiös motivierte Beschneidung kleiner Jungen als rechtswidrige Körperverletzung beurteilt und damit ein konstituierendes Element jüdischer und muslimischer Glaubenspraxis in Frage gestellt.

"Wir haben erlebt hässliche, heftige Einträge im Internet zigtausendfach, die uns alle schockieren, wir haben viele besessene Belehrungen erlebt, Verwunderungen und Verwundungen zuhauf, vieles hat uns sehr verletzt. Umso wichtiger aber ist, dass die deutsche Politik gehandelt hat und jetzt ein Gesetz beschließen wird, mit dem wir leben können. Das Signal ist wichtig, das heißt: Jüdisches und muslimische Leben sind hier willkommen, dafür bedanken wir uns sehr."

Allerdings debattierte der Bundestag am Donnerstag nicht nur den Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums, der die geltende Beschneidungspraxis von Juden und Muslimen über das Sorgerecht der Eltern legalisieren soll. Konkurrierend dazu wurde ein fraktionsübergreifender Entwurf vorgelegt, der die Beschneidung aus nicht medizinischen Gründen erst bei Jungen ab 14 Jahren zulassen will. Die rund 60 Unterstützer dieses Entwurfs betonen, dass das Recht des Kindes auf Unversehrtheit das Grundrecht auf freie Religionsausübung begrenze. Gestritten wird wohl auch morgen im Rechtsausschuss des Bundestags, vor allem mit Blick auf mögliche Schmerzen und Verletzungen, die kleinen Jungen bei der Beschneidungen zugefügt werden könnten. Beim sieben Minuten kurzen gemeinsamen Pressestatemtent mit Zentralratspräsident Graumann streifte die Kanzlerin diese Kontroverse nur:

"Es ist ganz selbstverständlich, dass wir alle Grundrechte gegeneinander abwägen müssen, und da ist das Recht des Kindeswohls für die jüdische Gemeinschaft genauso wichtig wie für die anderen in unserer Gesellschaft. Aber der Respekt für die Lebbarkeit religiöser Rituale ist eben auch ein hohes Gut, denn Religionsfreiheit drückt sich auch darin aus, dass Religion ausgeübt werden kann, dass Religion praktiziert werden kann."

Sie hoffe, so bekräftigte die Kanzlerin in Frankfurt am Main, dass das Gesetz noch vor Weihnachten verabschiedet werden könne.

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:02 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 18:40 Uhr Hintergrund

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 18:07 Uhr Wortwechsel

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 18:15 Uhr Redaktionskonferenz

Aus unseren drei Programmen

Welt-Hepatitis-TagInfektion im Gefängnis

Gebrauchte Spritzen liegen am Donnerstag (25.01.2007) im Druckraum der AIDS-Hilfe "La Strada" in Frankfurt am Main in einem Sammelcontainer. In einer sogenannten "geschützten Umgebung" können Drogen-Abhängige hier Heroin, Crack und andere Mittel unter der Aufsicht von Sozialarbeitern konsumieren. Viele der Klienten sind an HIV, AIDS oder Hepatitis erkrankt und nehmen die im Haus mit angebotene medizinische Hilfe in Anspruch. Foto: Boris Roessler dpa/lhe +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit (dpa/Boris Roessler )

Die von Viren verursachte Krankheit Hepatitis C greift die Leber der Infizierten an. In Deutschland stecken sich die meisten Betroffenen über gebrauchte Spritzen beim Drogenkonsum an. In deutschen Gefängnissen sind 63.000 Menschen betroffen.

Wohnprojekt Kalkbreite ZürichDie fast perfekte Zukunft des Wohnens

auf dem Gelände der Kalkbreite-Genossenschaft in Zürich (Deutschlandradio / Volker Schopp)

Ein Gemeinschafts-Wohnprojekt im Riesenformat, das ist die "Kalkbreite" in Zürich - mit Restaurants, Bars, Kino, Kita und sogar einem Geburtshaus. In der Kalkbreite gebe es fast alles - aber etwas fehlt ihm doch, gesteht Bewohner Fred Frohofer.

Sure 33, Vers 59Die Verhüllung der Frau

Das islamische Kopftuch ist ein immer wiederkehrender Konfliktstoff unter Muslimen wie Nicht-Muslimen. Schon seit jeher haben Gelehrte in dieser Religion über die Verhüllung der Frau gestritten - aber anders als wir das heute tun.

Christopher Street DayNackt-Zensur beim CSD?

Beim Christopher Street Day (CSD) in Berlin zogen am 22.07.17 tausende Teilnehmer vom Kurfuerstendamm zum Brandenburger Tor in Berlin. (imago/epd)

Zuviel nackte Haut beim diesjährigen Stuttgarter CSD-Umzug wollen die Organisatoren unterbinden. Völlig falsch, findet Tobias Herzberg. Denn maximale Auffälligkeit zu erzeugen für Lebensweisen, die nicht dem Mainstream entsprechen, war ursprünglich das Ziel der CSD-Proteste.

SonnenbrillenAugen auf beim Brillenkauf

Sonnenbrillen werden zum Verkauf angeboten. (dpa)

Sonnenbrillen sollten nicht nur schick sein, sondern vor allem die Augen vor schädlichen UV-Strahlen schützen. Dabei muss es nicht das teuerste Modell sein, allerdings warnen Experten vor allzu billigen Schnäppchen. 

SpanienMit Gesetzen gegen häusliche Gewalt

Eine Frau hält sich die Hände vor das Gesicht. (imago / Pixsell)

Spanien versteht den Kampf gegen häusliche Gewalt als Staatsauftrag. Jetzt soll das Gesetz zum Schutz von Frauen erweitert werden, um Frauen noch besser vor Schlägen, sexuellem Missbrauch und Mord durch die eigenen Partner zu schützen.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Nordkorea  Berichte über neuen Raketentest | mehr

Kulturnachrichten

Erste Forschungsstelle Antiziganismus gegründet | mehr

 

| mehr