Aktuell-Archiv des früheren dradio.de-Auftritts / Archiv /

 

Missbrauch in der Katholische Kirche: Streit um Forschungsauftrag

Kriminologe Pfeiffer spricht von Zensur

Debatte um Aufklärung des Missbrauchsskandals (picture alliance / dpa)
Debatte um Aufklärung des Missbrauchsskandals (picture alliance / dpa)

Die katholische Kirche hat dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen den Auftrag entzogen, den jahrzehntelangen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in ihren Einrichtungen wissenschaftlich zu untersuchen. Der Grund: Das Vertrauensverhältnis sei gestört. Die Forscher erheben ihrerseits schwere Vorwürfe.

Der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts, Christian Pfeiffer, warf den Verantwortlichen der Kirche Zensur vor: "Sie verlangten eindeutig, dass alle Texte ihnen zur Genehmigung vorzulegen sind, und sie machten uns klar, dass sie dann auch das Recht haben, die Veröffentlichung von Texten zu verbieten", sagte Pfeiffer im Deutschlandfunk. Ferner habe die Kirche ein Mitspracherecht bei der Anstellung neuer Mitarbeiter des Instituts gefordert. Dies widerspreche jeglichen Grundsätzen der wissenschaftlichen Forschung. Es gebe zudem Hinweise, dass in mehreren Diözesen Missbrauchsakten vernichtet worden seien.


Stephan Ackermann, Bischof von Trier und Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz (dpa / Fredrik Von Erichsen)Bischof Stephan Ackermann (dpa / Fredrik Von Erichsen)Den Vorwurf der Zensur wies der Missbrauchsbeauftragte der Katholischen Kirche, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, zurück. "Ich muss ihm widersprechen, wenn er sagt, dass wir versucht haben, da die totale Kontrolle auszuüben", meinte Ackermann im Deutschlandradio Kultur. Allerdings müssten sich alle Beteiligten bei einem solchen Vorhaben an die Vereinbarungen halten. Man habe sich bemüht, Datenschutz und wissenschaftliche Freiheit miteinander in Einklang zu bringen. "Da haben wir uns lange, lange darum bemüht, und das ist leider gescheitert", sagte Ackermann. Im ARD-Fernsehen erklärte er, es sei lediglich darum gegangen, abweichende Meinungen kenntlich zu machen. Man habe die Zusammenarbeit mit dem Kriminologischen Forschungsinstitut beendet, weil das Vertrauen zu Pfeiffer erschüttert sei. Diesen Vorwurf wies Pfeiffer inzwischen zurück. Der "Passauer Neuen Presse" sagte er, es werde wohl nach Vorwänden für den Stopp des Missbrauchsgutachtens gesucht.

Bundesregierung fordert Klärung der Vorwürfe

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) verlangte von der Kirche Aufklärung. Die Bischofskonferenz müsse den Vorwurf ausräumen, dass Zensur und Kontrollwünsche eine unabhängige Aufarbeitung behinderten, sagte die Ministerin der Süddeutschen Zeitung. Der unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes Wilhelm Rörig, bedauerte den vorläufigen Stopp des Projekts. "Wichtig ist, dass ein solches Forschungsprojekt wissenschaftlich unabhängig durchgeführt werden kann. Das ist Grundsatz der Forschung", erklärte Rörig im Deutschlandfunk.

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen im Juli 2011 beauftragt, den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in der katholischen Kirche in der deutschen Nachkriegsgeschichte zu erforschen. Es sollte die weltweit umfangreichste Studie über Missbrauch in der katholischen Kirche werden. Die Kriminologen unter der Leitung von Christian Pfeiffer sollten für die Untersuchung Einblicke in Personalakten der Katholiken seit 1945 erhalten. Zur Wahrung des Datenschutzes hätte das Institut anonymisierte Daten aus den Akten erhalten, die Archivmitarbeiter und geschulte Juristen sichten sollten. Damit hätten erstmals kirchenfremde Fachleute Zugang zu den Kirchenarchiven erhalten. Doch Ende 2012 kam es zum Streit, der jetzt öffentlich wurde, berichtet Deutschlandradio-Korrespondentin Claudia van Laak.

Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (AP Archiv)Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (AP Archiv)

Kirche kündigt Fortsetzung der Aufarbeitung an

Die Studie soll es aber trotzdem geben. Die Bischofskonferenz will sich dafür jetzt eine neue Forschungseinrichtung suchen und in den kommenden Wochen dazu Gespräche führen. Auch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen will seine Studie fortsetzen. Christian Pfeiffer rief alle Opfer von Missbrauchsfällen in der Kirche auf, freiwillig mitzumachen. Die Anonymität sei gewährleistet.

Der Missbrauchsskandal hatte im Jahr 2010 die katholische Kirche erschüttert - mit ersten Verdachtsfällen am Berliner Canisius-Kolleg der Jesuiten sowie später unter anderem im oberbayerischen Kloster Ettal und bei den Regensburger Domspatzen. Der Augsburger Bischof Walter Mixa bot nach Misshandlungsvorwürfen ehemaliger Heimkinder und zunehmendem öffentlichen Druck dem Papst seinen Rücktritt an, der diesen akzeptierte. Mehrere Priester wurden beurlaubt oder in den Ruhestand versetzt, etwa in Würzburg und Köln. Die Deutsche Bischofskonferenz ernannte den Trierer Bischof Stephan Ackermann zum Beauftragten für das Thema und beschloss neue Leitlinien. Eine Telefon-Hotline für Missbrauchsopfer und deren Angehörige wurde eingerichtet, Experten boten Betroffenen hier bis Ende 2012 Hilfestellung. Die Kirche entschädigte zudem hunderte Opfer mit bis zu 5000 Euro, in Einzelfällen gab es auch mehr Geld.

Mehr zum Thema auf dradio.de:

Kriminologe Pfeiffer unterstellt katholischer Kirche Zensur - Vertragsbedingungen für Missbrauchsstudie sollten geändert werden
"Es ging nicht darum, Dinge zurückzuhalten" - Missbrauchsbeauftragter der Bischofskonferenz über das Scheitern der Pfeiffer-Studie
Eine "Enttäuschung für Betroffene sexualisierter Gewalt" - Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung zum Ende der Pfeiffer-Studie

 

Letzte Änderung: 02.10.2013 14:04 Uhr

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Jetzt Im Radio

Deutschlandfunk

MP3 | Ogg

seit 02:30 Uhr Zwischentöne

Deutschlandfunk Kultur

MP3 | Ogg

seit 01:05 Uhr Tonart

Deutschlandfunk Nova

MP3 | Ogg

seit 00:00 Uhr Soundtrack

Aus unseren drei Programmen

Israel Der Konflikt am Tempelberg eskaliert

Israelische Sicherheitskräfte führen einen Palästinenser ab. Am Tempelberg in Jerusalem kam es zu Ausschreitungen wegen der Zugangskontrollen zum Tempelberg. (imago / ZUMA Press)

Der Streit um Metalldetektoren am Tempelberg in Jerusalem eskaliert weiter. Die internationale Gemeinschaft ruft Israel und die Palästinenser zur Mäßigung auf. Aber ein Einlenken zeichnet sich bisher nicht ab.

Nachwuchsprobleme bei der PolizeiWas bleibt vom Freund und Helfer?

Auszubildende bei der Polizei NRW (imago/Jochen Tack)

Es gab Zeiten, da war Polizist eine Art Traumjob - auch wegen der damit verbundenen Unkündbarkeit. Und heute? Die Beamten werden angepöbelt, angegriffen und oft von der Politik allein gelassen. Was bewegt junge Leute, trotz allem zur Polizei zu gehen?

Sieben Jahre nach dem Loveparade-UnglückDie andauernde Katastrophe

Gedenkstätte zur Loveparade 2010 am Karl-Lehr-Tunnel in Duisburg. Der Karl-Lehr-Tunnel und die Rampe des Loveparade-Geländes sind die Orte der Katastrophe vom 24. Juli 2010.  (picture alliance / Revierfoto/Revierfoto/dpa)

Sieben Jahre nach dem Loveparade-Unglück in Duisburg sind die Hintergründe der Katastrophe weiterhin unklar. 21 Menschen starben damals, viele Betroffene sind noch immer traumatisiert. Im Dezember soll es zum Prozess kommen. Unterdessen leiden die Betroffenen weiter.

"Dimension Data"Erstes afrikanisches Team bei der Tour de France

Der Eritreer Daniel Teklehaimanot (M.), Fahrer des "Dimension Data"-Teams, führt das Feld während der 4. Etappe der 103. Tour de France am 05.07.2016 zwischen Saumur und Limoges an. (picture alliance / dpa / EPA / Yoan Valat)

Mit "Dimension Data" fährt seit 2015 ein afrikanisches Team bei der Tour de France mit. Team-Direktor Rolf Aldag schwärmt von seinen 28 Fahrern, die etwa aus Eritrea oder Algerien kommen. In ihrer Heimat werden sie teilweise leidenschaftlich gefeiert.

Trend zu autoritären Herrschern"Die Demokratie vermag sich selbst auszuschalten"

Volker Weiß (Verlag Klett Cotta/Fotografin Annette Hausschild)

Der Historiker Volker Weiß sieht einen Trend zu autoritären Präsidialregimen und Führungsfiguren. Die Gefahr liege darin, dass diese sich auf demokratischem Wege etablierten, sagte Weiß im Dlf. Politiker wie Trump, Erdogan, Putin oder auch Macron inszenierten sich als Alleskönner mit heroischem Gestus.

Monotheistische Religionen in einer Fakultät?"Das Kopftuch war niemals ein Thema"

Die Islamwissenschaftlerin Armina Omerika.  (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)

Die Professorin Armina Omerika lehrt die Ideengeschichte des Islam. Auf einer Tagung der Katholischen Akademie reflektierte sie darüber, ob eine Fakultät möglich ist, an der unter einem Dach über die monotheistischen Religionen geforscht wird.

 

Nachrichten

 
 

Nachrichten

Türkei  Prozess gegen "Cumhuriyet"-Mitarbeiter beginnt | mehr

Kulturnachrichten

Gothaer Tafelaltar wird gezeigt  | mehr

 

| mehr